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„Ich habe keine Zeit für Depressionen“

„Ich habe keine Zeit für Depressionen“

Jochen Kaminsky, hier an der Fleischerbastei in Zittau, führt als Tourismus- und Gästeführer die Besucher zu den schönsten Fleckchen – wenn es normal im Leben läuft. Foto: privat

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Für Jochen Kaminsky zählen die Aufritte als Laienschauspieler zum Bestandteil seines Broterwerbs. Foto: privat

Den rührigen Tourismus- und Gästeführer sowie Laienschauspieler aus Ebersbach-Neugersdorf Jochen Kaminsky hat die Corona-Krise quasi in den „verordneten Ruhestand“ versetzt. Leider seien die umfangreichen Einschränkungen genau in dem Moment gekommen, „als für uns – die wir ja sehr saisonabhängig sind – eine Hauptbeschäftigungszeit begann.“

Ebersbach-Neugersdorf. Der 62-Jährige spricht gleich für seine Kolleginnen und Kollegen mit: „Eigentlich sind wir an circa 200 Tagen im Jahr mit Reisebussen in der Oberlausitz, Nordböhmen und Schlesien unterwegs. Dazu kommen noch die Stadtführungen in Zittau und unser Theaterwagen in Oybin. Wir sind zwar Laienschauspieler, diese Auftritte sind aber Bestandteil unseres Broterwerbs.“ Seine Auftragsbücher seien gut gefüllt gewesen. Doch dann kam die Corona-Krise. „Wir mussten deshalb unzählige Busgruppen stornieren, öffentliche Führungen und auch bestellten Gruppen absagen,“ berichtet er. Die Saisoneröffnung des Theaterwagens sei nicht möglich gewesen genauso wie auch vorerst die Programme mit der Zittauer Schmalspurbahn bezüglich der Stadtwächter- sowie Burg- und Klosterzüge.

Jochen Kaminsky war zuletzt in der Mission als Tourismus- und Gästeführer sowie als Laienschauspieler Anfang März im Einsatz. Seither seien keine Einnahmen mehr reingekommen. „Ich führe notwendigerweise Buch über den Schaden, der durch die Stornierungen entstanden ist. Der liegt zur Zeit etwa bei 15.000 Euro – Tendenz steigend. Diese Summe kann ich auch im Nachhinein nicht mehr erwirtschaften. Für mich geht es nur noch darum, weiter zu existieren.“

Um in Depressionen zu verfallen, hat Jochen Kaminsky aber keine Zeit: „Ich hatte bisher nie lange Weile, habe sofort angefangen, Angelegenheiten vorzuziehen, die so über das Jahr erledigt werden müssen. Dann habe ich auch schon mit den Planungen für das Jahr 2021 begonnen.“ Außerdem widmet sich der 62-Jährige noch einigen ehrenamtlichen Aufgaben – so zum Beispiel an der Kottmarsdorfer Bockwindmühle und beim Bundesverband der Gästeführer Deutschlands.

„Dort kümmere ich mich um die Bereiche Zittau, Görlitz, Bautzen und inzwischen sogar bis Cottbus. Ich war ständig mit den anderen Regionalgruppen Sachsens in Verbindung, um unseren Mitgliedern wenigstens mit Tipps und Ratschlägen hilfreich sein zu können“, sagt er. Die finanziellen Hilfsprogramme von Bund und Land verdienen jedenfalls laut seiner Aussage ihren Namen nicht: „Die sind von Leuten gemacht, die aus ihrem ,Elfenbeinturm’ heraus keinen Blick mehr auf die reale Welt haben. Das hört sich so schön an – eben mal schnell 9.000 Euro zu bekommen. Aber Vorsicht! Man muss nachweisen, dass man nicht schon vor der Corona-Krise angeschlagen war. Wer das nicht kann, kommt dafür nicht in Frage. Wer nicht angeschlagen war, der muss wiederum erst seine verbliebenen Mittel aufbrauchen, um dann auf die Hilfsgelder zugreifen zu dürfen, ohne sich strafbar zu machen. Wo ist da die Grenze – bei 500, 50 oder fünf Euro?“ Das wird seiner Meinung nach ganz bewusst nicht angegeben. So sei immer ein Grund vorhanden, nachträglich die Hilfsgelder wieder einzutreiben. Für ihn steht fest: „Spätestens Ende des Jahres werden auf alle Fälle einige Nutzer ,böse Post’ bekommen.“

Jochen Kaminsky ist aus den Erfahrungen heraus vorsichtig genug, sich immer eine geschäftliche Rücklage zu behalten: „Das federt mich ein wenig ab. Allerdings ist das keineswegs eine beruhigende Situation denn dieses Polster hat mir ja niemand geschenkt. Das habe ich mir erwirtschaftet und muss dies nun wieder neu tun. Keiner weiß, wie lange wir noch durchhalten müssen.“ Rein privat hatte Jochen Kaminsky glücklicherweise – auch wenn das seltsam klingt – irgendwie mehr Zeit, sich mit seinen Kindern und Enkeln zu treffen. „Natürlich würde ich so schnell es geht meine beruflichen Tätigkeiten wieder ausüben. Ich habe gerade mit den anderen sächsischen Regionalgruppen unseres Bundesverbandes eine Zuarbeit ans Ministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus gemacht, wie es wenigstens mit Gästeführungen weitergehen könnte. Ob die Staatsregierung Notiz davon nimmt, weiß ich nicht“, sagt er.

Jochen Kaminsky wünscht sich jedenfalls, „dass bei uns wie in anderen Ländern Rettungskräfte, Ärzte, Pflegekräfte, Feuerwehr und auch die Polizei für ihren Einsatz in Krisenzeiten gefeiert werden. Stattdessen feiern sich bei uns am Straßenrand und auf Plätzen Leute, die nicht viel zu begreifen scheinen.“   

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Steffen Linke / 19.05.2020

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