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Nieskyer Waggonbau prägte Dresden lange

Nieskyer Waggonbau prägte Dresden lange

Er bestimmt viele Jahrzehnte das Stadtbild von Dresden: Der Große Hechtwagen und sein Beiwagen, hier im Betriebshof Dresden-Trachenberge Foto: Christoph Pohl

Die Zeiten für den Nieskyer Waggonbau sind im globalen Konkurrenzkampf schwierig geworden, doch von Zeit zu Zeit erinnern Jubiläen an große Eckpunkte der Geschichte. Vor 90 Jahren sollten die Nieskyer Waggonbauer das Stadtbild von Dresden bis in die 70er-Jahre prägen, denn 1929 und 1930 gingen die Prototypen der „Großen Hechte“ der Dresdner Straßenbahn erstmals in Elbflorenz auf Fahrt.

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Innenaufnahme eines großen Stahlbeiwagens – Holzklasse ... aber vornehm         Foto: C. Pohl

Niesky. Die ersten Schienenfahrzeuge wurden bereits 1917 in Niesky gefertigt. Dabei gehen die Betriebswurzeln bis ins Jahr 1835 (Stahlbau) und 1882 (Holzbau) zurück.

Vor 90 Jahren waren die Waggonbauer u.a. damit beschäftigt, Fahrzeuge für die Dresdner Straßenbahn herzustellen. Man befand sich mitten in der Produktion von 25 großen Stahlbeiwagen für die Stadt an der Elbe, besonders geschichtsträchtig sind der 23. Dezember 1929 und der 6. Juli 1930: An diesen beiden Tagen wurden die zwei Prototypen der später als „Große Hechtwagen” bezeichneten Triebwagenbauart ausgeliefert. Sie verkehrte – seit 1931 in Serie gebaut – dann in der Regel mit den genannten Beiwagen im Zugverband.

Diese wurden ebenfalls in Niesky entwickelt und waren einerseits klassisch aufgebaut, zweiachsig und mit Holzsitzen, andererseits im wagenbaulichen Fahrzeugteil bereits in genieteter Stahlbauweise ausgeführt. Als zwei „Schritte mit Meilenstiefeln“ kann man die Entwicklung und Produktion der Großen und Kleinen Hechtwagen ab dem Ende der 20er Jahre betrachten. Mit diesen Fahrzeugen konnten viele Neuerungen im Straßenbahnbau verwirklicht werden. So waren die Großen Hechtwagen Drehgestellfahrzeuge.

Erstmals konnte der Fahrzeugführer seine Arbeit im Sitzen ausführen; der unterflur angeordnete Zentralfahrschalter wurde mit Druckknöpfen und Pedalen fernbedient, es gab umschaltbares Fern- und Abblendlicht und keine Stufen und Unterteilungen im Innenraum mehr. Die Wagen bewährten sich außerordentlich gut und waren bei Fahrgästen und beim Personal sehr beliebt. Für weniger frequentierte Strecken wurde dann noch der zweiachsige Kleine Hechtwagen entwickelt, der auch in Magdeburg zum Einsatz kam. Die Fahrgäste saßen nun ganz mondän auf lederbespannten Stahlrohrsitzen, die in den Kleinen Hechtwagen sogar je nach Fahrtrichtung umgeklappt werden konnten.

Bei beiden Bauarten teilten sich die Waggonbauer in Niesky mit denen in Bautzen die Serienproduktion. Die Weiterentwicklung der Wagen wurde durch den Zweiten Weltkrieg verhindert.

1835 gründete Johann Ehregott Christoph eine Kupferschmiede. Nach Betriebserweiterungen konnte man ab 1863 auch Dampfmaschinen und Brücken bauen. Andererseits begründeten der aus Dänemark stammende Tischler Christoph und der Architekt Unmack 1882 eine Holzbaufirma und stellten zunächst Baracken und Holzhäuser für verschiedene Zwecke her. 1922 fusionierten die zwei Unternehmen schließlich zur Christoph & Unmack AG – (beide Christophs waren weitläufig miteinander verwandt) und hatten vier Betriebsteile: Holzbau, Waggonbau, Stahlbau und Motorenbau. Damals wurde im Schienenfahrzeugbau noch weit mehr Holz verbaut, als dies heute der Fall ist.

Während man sich im Eisenbahnwesen eher an der Herstellung größerer Serien von Güter-, Post- und Reisezugwagen für die Deutsche Reichsbahn beteiligte, waren es im Straßenbahnbau kleinere Stückzahlen. Oftmals wurden hier Modelle mit anderen Herstellern gemeinsam entwickelt und produziert. Eine enge Zusammenarbeit bestand mit den Waggonbaubetrieben in Bautzen und Görlitz. Für die elektrische Ausrüstung der Triebwagen war vielfach das Sachsenwerk in Dresden mit im Boot. In der Regel bestellten Straßenbahnbetriebe „eigene“ Serien oder Probefahrzeuge, trotzdem war die Entwicklungsarbeit nie umsonst, denn alle Erfahrungen konnten weiter verwandt werden.

In den Auftragsbüchern der Waggonbauer in Niesky standen u.a. die Straßenbahnen in Berlin, Frankfurt/Oder, Chemnitz, Zwickau, Leipzig, Magdeburg und Dresden.

Ebenso ist aber auch die Firmengeschichte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und genauso nach der Wende von 1989/90 beispielhaft für die Region und eine ganze Wirtschaftsbranche. Denn bis in die unmittelbare Gegenwart haben die Angestellten des Nieskyer Betriebs eigentlich alles erlebt, was das Arbeitsleben im real existierenden Sozialismus und der sozialen Marktwirtschaft so zu bieten hat.

Nach 1945 wurden in Niesky zunächst keine Straßenbahnen mehr hergestellt. Nachdem man während des Krieges noch verstärkt Baracken gebaut hatte, ließ die sowjetische Besatzungsmacht 1945 alle noch vorhandenen Anlagen der Holzverarbeitung demontieren, womit die Geschichte des Holzbauunternehmens in Niesky endete. Der 1939 ausgegliederte Stahl- und Brückenbau firmierte zunächst als Stahlbau Niesky GmbH, nach seiner Verstaatlichung 1946 spezialisierte sich der Betrieb unter dem Namen VEB Waggonbau Niesky auf die Produktion von Güterwagen und Güterwagen-Drehgestellen. Nach Besitzverhältnissen zur Deutschen Waggonbau AG (DWA), zum Bombardier- Konzern und zur Deutschen Bahn AG sowie einer Insolvenz gehörte die Firma seit 2014 der Münchner Unternehmensholding Quantum an. Aber auch das war nicht von langer Dauer, die nächste Insolvenz war mittlerweile ein Politikum. Dabei waren die Auftragsbücher eigentlich gut gefüllt, denn man fand immer wieder Interessenten für spezielle Wagenserien. So wurden 111 Transportwagen für den Eurotunnel übergeben und zwei Verträge in China mit einem Volumen von 10 Millionen Euro abgeschlossen. Darüber hinaus konnte in Peking sogar eine Firmenvertretung gegründet werden, weitere Aufträge erhielt man auch aus Norwegen.
Straßenbahnen wurden inzwischen auch wieder gebaut, nämlich Stadtbahnwagen für die Stuttgarter Tram. Vor einem reichlichen Jahr hat der Betrieb auch einen neuen Eigentümer gefunden, den slowakischen Güterwagenhersteller Tatravagónka aus Poprad (Deutschendorf). Von diesem wird an all seinen Produktionsstandorten zusammen etwa ein Fünftel aller in Europa in Betrieb genommenen Güterwagen hergestellt.

Der besagte zweite Prototyp des Großen Hechtwagens mit der Betriebsnummer 1702 drehte jedenfalls vor genau 90 Jahren in Dresden seine ersten Runden. Heute ist er in der Sammlung des Verkehrsmuseums ausgestellt. Ein anderer Großer Hecht mit Beiwagen gehört fahrfähig zum Straßenbahnmuseum und erinnert damit bis heute an die Waggonbaukünste der Nieskyer.

Christoph Pohl / 10.10.2020

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