Orgelrenovierung noch „aufs Gleis gehoben“

Tom Bauer aus Bautzen (rechts) und Felix Tibussek aus Königshain wollen noch in diesem Jahr die Orgelrenovierung in Dittersbach auf dem Eigen abschließen. Foto: Till Scholtz-Knobloch
Jonathan Hahn ist am 4. Oktober als neuer Pfarrer der Kreuzkirche Görlitz in sein Amt eingeführt worden. An alter Wirkungsstätte in Dittersbach konnte er noch dafür sorgen, dass die dortige Orgel nun endlich renoviert wird. Einer der beiden dort tätigen Orgelbauer hat als Jahrgangsbester in Ostdeutschland seine Ausbildung gerade abgeschlossen – Tom Bauer.

Pfarrer Jonathan Hahn beim Feilen an der Predigt zu seinem Einführungsgottesdienst in der Kreuzkirche in der Görlitzer Südstadt Foto: Till Scholtz-Knobloch
Görlitz/Dittersbach/Königshain. Dass Jonathan Hahn nach Görlitz gewechselt ist, hat viel mit seiner Familie zu tun: Der Schuleintritt der älteren Tochter war für ihn Anlass, über den richtigen Zeitpunkt für einen Stellenwechsel nachzudenken. „Es war einfach ein gutes Zusammentreffen, dass hier in Görlitz die Kreuzkirchengemeinde frei geworden war.“ Unzufrieden sei er an seiner vorherigen Stelle keineswegs gewesen. Ein Wechsel gehöre für ihn zum Berufsverständnis eines Dieners vor dem Herrn.
Beim Besuch an seinem neuen Schreibtisch im Paul-Gerhardt-Haus brütet Hahn gerade an seiner Görlitzer Einführungspredigt: „Gott ist uns nahe, auch wenn wir selber manchmal weit weg sind“, versucht er als Maxime umzusetzen. Die Gebote Gottes seien nach seiner Sicht nicht dazu da, Menschen klein zu machen oder einzuengen, sondern sollten ihrem Leben entsprechen und guttun.
Die Kreuzkirchengemeinde erlebt er nach den ersten Begegnungen als Ort mit viel Verbundenheit und Potenzial. Den Gottesdienst sieht er dabei als „Mitte – als Energiezentrum unserer Gemeinde“.
Als „pfarreruntypisches Nebenhobby“ hatte er schon im Kirchenkreis-Newsletter Schlesische Oberlausitz bekundet, sich für Militärgeschichte zu interessieren. Dass ihn dieses Thema fasziniert, könne er selbst nicht genau erklären, berichtet er auch dem Niederschlesischen Kurier: „Das ist irgendwie so das Kind im Manne.“ Mit militärhistorischen Rollenspielen oder Metalldetektoren habe er allerdings nichts am Hut. Weit mehr Raum nehmen andere Interessen ein: Hahn liest viel, hört klassische Musik, ist seit seinem neunten Lebensjahr Beatles-Fan und hat in diesem Jahr begonnen, Cello zu lernen. Auch Jane Austen gehört zu seiner Lektüre
Dass er sich noch einmal an ein neues Instrument gewagt hat, passt zu einem Menschen, der offenbar gern Neues ausprobiert – und zugleich überlegt, wann Veränderungen für die Familie und das eigene Leben sinnvoll sind. Hahn stammt gebürtig aus Leipzig und wuchs in Mittelsachsen auf, in der Gegend um Nossen und die Lommatzscher Pflege. Auf den Eigen kam er erst mit seiner ersten Pfarrstelle.
Ein Projekt, das über Jahrzehnte in der Schwebe hing, konnte Jonathan Hahn in seiner bisherigen Gemeinde in Dittersbach auf dem Eigen noch entscheidend vorantreiben: die Sanierung der dortigen Kirchenorgel. Der Wunsch danach bestand bereits unter dem über viele Jahrzehnte dort wirkenden Pfarrer Frieder Bühler. Mitte bis Ende der 90er-Jahre habe die Gemeinde hierbei begonnen Spenden zu sammeln. Doch nach Bühlers Ruhestand fehlte jemand, der die Sache weitertrieb. „Das Projekt ruhte einfach und niemand hat es angefasst“, erinnert sich Hahn. Irgendwann habe er sich gefragt, warum nach rund 25 Jahren noch immer nichts geschehen sei, und die Initiative übernommen. Er ließ den Spendenstand ermitteln, warb um weitere Unterstützung, suchte nach Fördermitteln, stellte Anträge, organisierte Begehungen und holte Angebote ein.
„Es war zum Glück so, dass ich das alles noch mit aufs Gleis heben konnte“, sagt Hahn. Neben den Spenden gelang es, Fördermittel des Landkreises und einen Zuschuss der Landeskirche einzuwerben. „Wir haben jetzt wirklich unwissend fünf vor zwölf mal schnell das Ding aufs Gleis gehoben.“ Inzwischen seien solche Fördermittel nämlich nicht mehr verfügbar. Dass das Vorhaben noch rechtzeitig angestoßen werden konnte sei deshalb auch Glück gewesen – ein Glück des Tüchtigen mag man hinzufügen.
Tom ist bester Nachwuchsorgelbauer des Ostens
Ein anderer Tüchtiger kann nun in Dittersbach gleich seine ersten Berufserfahrungen sammeln und dies mit Vorschusslorbeeren. Tom Bauer aus Bautzen ist 23 Jahre alt und hat seine Ausbildungsprüfung zum Orgelbauer im Januar als Jahrgangsbester in Bautzen abgeschlossen, wo Lehrlinge aus Sachsen und Brandenburg geprüft werden. In den übrigen Bundesländern wird die Prüfung im württembergischen Ludwigsburg abgelegt.
Gelernt hat Tom Bauer bei der traditionsreichen Bautzener Orgelbaufirma Eule, inzwischen arbeitet er bei Orgelbau Groß in Waditz bei Kubschütz. Dass er den Beruf nach einem wenige Monate kurzen Abstecher ins Tischlerhandwerk doch treu geblieben ist, hat mit dessen Vielseitigkeit zu tun. „Ich brauche schon so ein bisschen die Abwechslung und mich zu bewegen bei der Arbeit und auch am Ende des Tages einfach zu sehen, dass was fertig wird.“ Ebenso wichtig sei ihm, den Kopf einzusetzen und Lösungen für handwerkliche Probleme zu finden.
Auch die historische Dimension reizt ihn. Bauer interessiert sich für alte Gebäude und möchte verstehen, wie frühere Orgelbauer gedacht und gearbeitet haben: „Das Zusammenspiel zwischen beiden“ – Geschichte und Handwerk – mache für ihn den Reiz aus. Die Dittersbacher Orgel ist sein erstes Projekt als Geselle, auch wenn die Arbeiten dort bereits im Januar begonnen hatten. Vor Ort erschließt sich ihm das Instrument mit seinem erfahrenen Kollegen Felix Tibussek aus Königshain. Vieles lasse sich erst bei genauer Betrachtung erkennen: welche Bauteile von welchem Orgelbauer stammen, was spätere Generationen verändert haben und welche technischen Ideen dahinterstecken.
Die Verbindung zur renovierten Orgel bleibt bestehen
Die Orgel in Dittersbach wurde 1876 von Julius Jahn aus Dresden gebaut. Für Bauer ist besonders interessant, dass sich an ihr bereits frühe Überlegungen zum Spielgefühl erkennen lassen. Ein sogenanntes Vorabzugsventil sollte den Tastenanschlag, vor allem im Bassbereich, für den Organisten erleichtern. „Da kann man hier Anfänge oder eine Idee davon beobachten“, sagt er. Obwohl Orgeln grundsätzlich ähnliche Bauteile besitzen, unterscheiden sie sich in der Ausführung und Zusammenspiel erheblich. Handwerkliches Geschick allein reiche deshalb nicht aus: Man müsse auch kreativ denken und für auftretende Probleme eigene Lösungen finden.
Kollege Felix Tibussek bringt rund 25 Jahre Berufserfahrung mit und kennt die Entwicklung des Orgelbaus in Sachsen und darüber hinaus im Westen bis Niedersachsen und im Osten bis Oberschlesien. Die Dittersbacher Orgel ist bereits die siebte Jahn-Orgel, die er überarbeitet. Auch im benachbarten Schönbach hat die Firma im vergangenen Jahr eine Orgel aus der Werkstatt Jahn fertiggestellt – dort allerdings noch ein Instrument von Julius Jahns Vater Nikolaus. Solche regionalen Bezüge gehören für Tibussek zum Arbeitsalltag. Den Erbauer erkenne man nicht unbedingt am äußeren Erscheinungsbild, meint er, „denn die Gehäuse wurden häufig von örtlichen Tischlern nach Vorstellungen der Gemeinde gefertigt. Erst im Inneren zeigen sich charakteristische Details“, so Tibussek.
Bei historischen Instrumenten geht es dabei nicht allein darum, Schäden zu beseitigen. „Viele Orgeln wurden über die Jahrzehnte verändert, weil sich Klangvorstellungen wandelten oder Geld für Umbauten vorhanden war.“ In Dittersbach betrifft das unter anderem vier Register. Ob solche Veränderungen rückgängig gemacht werden sollen und können, müsse mit der Gemeinde, dem Sachverständigen und der Denkmalpflege geklärt werden, erläutert er. Die Geschichte des Instruments bleibt damit Teil der handwerklichen Arbeit.
Dass die Firma Groß vor allem in Sachsen tätig ist und Aufträge in der näheren Umgebung bevorzugt, hält Tibussek auch aus familiären Gründen für wichtig. Lange Montageeinsätze fern der Heimat machten den Beruf nicht selten zur Belastungsprobe. Bei Projekten wie in Dittersbach können die Orgelbauer dagegen über längere Zeit an einem Instrument arbeiten und seine Entwicklung verfolgen. „Wenn man ein Jahr hier an so einem Instrument arbeitet, dann setzt man da natürlich seine Liebe rein, sein ganzes Interesse.“ Umso schöner sei es, später bei Wartungsarbeiten festzustellen, dass alles funktioniere.
Die Arbeiten in Dittersbach hatten im Januar begonnen. Für den 3. Dezember ist vorgesehen, dass erstmals wieder Musik auf dem Instrument gespielt wird.
