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Scherbensuche unter dem Leuchtturm

Scherbensuche unter dem Leuchtturm

Damals war die Welt bei der Hess AG noch in Ordnung: 2010 empfing Vorstandschef Christoph Hess den damaligen sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich. Foto: Archiv

Die Hess AG ist (nicht nur) in Löbau längst Geschichte. Jetzt beginnt in Baden-Württemberg die juristische Aufarbeitung des mit ihr verbundenen Wirtschaftskrimis.

Löbau. Viele Löbauer werden sich noch daran erinnern, wie vor 20 Jahren vor den Toren der Stadt ein Leuchtturm empor zu wachsen begann. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, drehte es sich doch bei dieser industriellen Großansiedlung um Lichttechnik, die durch modernste Technologien revolutioniert werden sollte. Die Rede ist – natürlich – von der Hess AG, einem der größten Hoffnungsträger, den die heimische Wirtschaft je gesehen hat. 2010 war die Zahl der Beschäftigten von anfangs 20 auf 120 angewachsen, das Ende der Fahnenstange damit (scheinbar) noch lange nicht erreicht. Vorstandsvorsitzender Christoph Hess freute sich über einen bevorstehenden Großauftrag im Wüstenemirat Katar, der 30 Millionen Euro Umsatz bringen sollte.

20 Jahre später sucht man den Namen Hess im Löbauer Gewerbegebiet vergeblich. Wo einstmals der innovative Leuchtenhersteller residierte, hat jetzt ein polnisches Unternehmen aus der Kunststoffbranche seinen Sitz. Es stellt – alle Ehren wert – Pflanzkübel, Werkzeugkisten, Schneeschieber und Plastschlitten her. Was ist passiert? Auskunft darüber gibt das Landgericht im Baden-Württembergischen Mannheim. Dort nämlich hat in der zurückliegenden Woche vor der Wirtschaftsstrafkammer ein Großprozess begonnen. Die Kammer verhandelt gegen drei Angeklagte, darunter Christoph Hess, vorgesehen sind 36 (!) Termine. Der Vorwurf lautet auf „Verdacht der unrichtigen Darstellung nach dem Handelsgesetzbuch u.a.“ Doch was verbirgt sich dahinter? Dazu Pressesprecher Dr. Joachim Bock: „Den Angeklagten Christoph H. und Peter Z. wird in ihrer Eigenschaft als ehemalige Vorstände der Hess AG mit Sitz in Villingen-Schwenningen zur Last gelegt, sie hätten in den Jahren 2011 und 2012 im Hinblick auf den für 2012 geplanten Börsengang den Jahresabschluss zum 31.12.2011 sowie die Konzernzwischenabschlüsse zum 30.06. sowie 30.09.2012 manipuliert, um die Finanz-, Vermögens- und Ertragslage bewusst der Wahrheit zuwider als zu positiv darzustellen.

Tatsächlich wären die Umsätze und Ergebnisse bei wahrheitsgemäßen Angaben jeweils deutlich geringer ausgefallen.“ Zum Nachweis der (nicht getätigten) Umsätze seien Scheinrechnungen ausgestellt worden und Scheinzahlungen erfolgt. Zu den Rechnung stellenden Unternehmen habe die Hess Lichttechnik GmbH gezählt – das hundertprozentige Löbauer Tochterunternehmen der Hess AG. Mithilfe dieser falschen Zahlen seien auch Bankdarlehen in Höhe von insgesamt 8,5 Millionen Euro erschlichen worden. Verbundene Unternehmen hätten mit Geldern der Hess AG Aktien gekauft und damit eine nicht vorhandene Nachfrage vorgespiegelt, so Bock.
Dies alles war der breiten Öffentlichkeit im Februar 2013 noch nicht bekannt, als die neu eingesetzten Vorstände der Hess AG Insolvenz anmeldeten. Sie sah nur mit Bestürzung, wie im Löbauer Leuchtturm noch im selben Jahr die Lichter ausgingen. 110 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz – nur drei Jahre nach den vollmundigen Ankündigungen von 2010. In der erweiterten Region künden noch die LED-Leuchten an der Dresdner Waldschlösschenbrücke von diesem schillernden Kapitel Oberlausitzer Wirtschaftsgeschichte.

Uwe Menschner / 10.10.2020

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