Wenn das Ergebnis weitgehend schon feststeht

Ein Logo zur Umfrage belegt wie hoch die Umfrage angesidelt ist. Es dürfte also noch viel Pressearbeit dazu folgen. Logo: Landkreis Görlitz
Görlitz/Niesky. Seit dem 30. April führt der Landkreis Görlitz eine Onlineumfrage zur künftigen Entwicklung der Region durch. Als Ziel ist ausgegeben, „zentrale Themen und Schwerpunkte für die kommenden Jahre gemeinsam mit der Bevölkerung zu identifizieren.“ Aufgerufen seien bis 22. Mai insofern neben Einwohnern auch Pendler, Studenten sowie Lehrlinge, die hier arbeiten oder lernen. Nach internen Behandlungen und Einfluss externer Partner solle nun noch eine Ergänzung „alltagsrelevanter“ Aspekte erfolgen. Aufbauend darauf sollen ab Juni „Bürgerwerkstätten“ stattfinden, um eine „gemeinsame Orientierung“ zu finden. Wer nicht online ist, kann Fragebögen in den Bürgerbüros der Landkreisverwaltung – und so neben Görlitz auch in Niesky – in gedruckter Form zur späteren Abgabe erhalten. Online hat die Redaktion schon einmal in die Fragen hineingeklickt.
Eine Nieskyer Leserin, die die Umfrage unter https://cityandbits.limesurvey.net/görlitz bereits beantwortet hatte, wies die Redaktion darauf hin, dass das inflationär benutzte Wort „gemeinsam“ faktisch eher „vorgedacht und durch Nuancen Legitimation verleihen“ bedeuten dürfte. Die Redaktion hat die Umfrage nun auch selbst durchlaufen und zeigt sich erstaunt über die suggestive Chuzpe des Landratsamtes.
Der Nieskyer Leserin hatte schon zu Frage 1.2. eine absehbar manipulative Deutungshohei geschwant, wenn zwischen sehr gut bis schlecht unter anderem eingeordnet werden solle, ob der Kreis in Sachen „Zusammenhalt und Engagement“ gut aufgestellt sei. Eine etwaig schlechte Bewertung könnte letztlich neues Futter für fragwürdige Demokratieprojekte liefern, während die positive Bewertung die gleiche Deutung in Form von „wir sind auf dem richtigen Weg“ bedeuten könnte.
Auffällig sei in der Menüführung die immer wieder vorkommende Kombination von Dingen, die völlig separat beantwortet werden müssten, so dass eine konkrete Beantwortung im Grunde gar nicht möglich sei. So kann man sich unter 2.3 tatsächlich nur etwa „lokale, alternative Kulturangebote“ wünschen, nicht jedoch lokale, dezidiert nichtalternative Kulturangebote. Auch hier scheint das gewünschte Ergebnis also bereits inkludiert. Unter 2.4 sind so auch per Definition „sichere“ Arbeitsplätze gleichzeitig „zukunftsfähige“ Arbeitsplätze, womit es später ein leichtes ist, die richtige Branche daraus ablesen zu dürfen.
Überaus deutlich wird auch, dass der Kreis scheinbar das Management ehrenamtlicher Arbeiten in der Steuerung weitgehend an sich reißen möchte. Dabei zeichnet sich eine echte Ehrenamtlichkeit doch dadurch aus, dass diese sich aus den Werten des einzelnen bestimmt, anstatt durch zunehmende Belobigungen oder Verschweigen in gutes und schlechtes Ehrenamt zu teilen. Das zieht sich in 2.7 fort, wo im Grunde nur Register vorgefertigter Wunschaufgabenfelder wie „gelebte Willkommenskultur“ oder „Inklusion“ zu ziehen sind. Diese offenkundige Wunschergebnismaximierung des Kreises findet sich dann auch in Block 3 wieder, wo erneut „Zusammenhalt und Engagement“ für scheinbar neue Projekte herhalten sollen. Diese Strategie ist auch unter 2.8 (Klimaschutz, „Nachhaltige“ Mobilität statt einfach nur Mobilität) abzulesen. Toleranz im eigentlichen Wortsinne des reinen „Aushaltens“ wird in der Umfrage im Grunde der Boden entzogen und faktisch statt Toleranz Akzeptanzdruck herbeidefiniert. Dem reflektierten Teilnehmer der Umfrage bleibt im Grunde nur, Unmut durch Ankreuzen von „Sonstiges“ zu bekunden und dies in einem Satz jeweils dort zu beschreiben.