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Ein Eindringling in fremde Wohnzimmer

Ein Eindringling in fremde Wohnzimmer

Tino Chrupalla erledigt einen Teil seiner politischen Arbeit im AfD-Bürgerbüro Weißwassser unweit seines Wohnorts Gablenz. Foto: Till Scholtz-Knobloch

„An dieser Stelle, sagt der höchstwahrscheinlich nächste Ministerpräsident Sachsens, würde er das Gespräch gern beenden. Es währt zu diesem Zeitpunkt eine dreiviertel Minute. (…) Chrupalla! Tino Chrupalla! Es sei ihm nicht einsehbar, absolut nicht einsehbar, lässt Michael Kretschmers Unmut erkennen, was dieser Name in einem Gespräch über seine Heimatstadt Görlitz verloren habe.“

Görlitz. Der Einstieg in einen Text unter dem bezeichnenden Titel „Abbau Ost – Görlitz‘ schöner Schein“ im überregional erscheinenden Tagesspiegel aus Berlin vom 27. November könnte das Dilemma nicht besser ausdrücken.

Tino Chrupalla hatte bei der Bundestagswahl am 24. September Michael Kretschmer – den im Grunde designierten CDU-Ministerpräsidenten Sachsens – das Direktmandat für den Wahlkreis weggeschnappt, der mit dem Landkreis Görlitz deckungsgleich ist. Es war der zweite Wahlkreis mit AfD-Direktmandat neben dem Wahlkreis Bautzen, der die Oberlausitz damit als Hochburg der AfD komplettiert und die Region bundesweit zum unverstandenen Phänomen in den Medien hat werden lassen. Im Bürgerbüro der AfD in Weißwasser sitzt nun gelassen Tino Chrupalla, den sich der Tagesspiegel-Redakteurin nicht scheute als den „fatalen AfD-Malermeister aus Weißwasser“ zu bezeichnen, und beantwortet die Fragen des Niederschlesischen Kuriers. Gerade drei Wochen liegen Chrupalla und Kretschmer altersmäßig auseinander – da muss man sich doch früher bereits einmal begegnet sein. „Intensiver erst durch die aktuelle Politik. Ich kenne Michael Kretschmer noch dunkel aus meiner Zeit in der Jungen Union von 1990 bis 1992, habe aber kaum Erinnerungen“, sagt Tino Chrupalla.

Seine Gelassenheit rührt auch daher, dass er von einer politischen Karriere nicht abhängig ist. Sein Schwager halte die eigene Firma am Laufen, aber die scheint ein fester Anker in seinem Leben zu bleiben.

„Wenn man sieht, dass von 709 Abgeordneten im Bundestag nur sieben Handwerksmeister sitzen, dann weiß man, dass das Handwerk im Bundestag zu schwach vertreten ist“, betont er im Hinblick darauf, dass er für seine Fraktion vermutlich in den Ausschuss für Wirtschaft und Energie entsandt werde.
Bleibt dieser Ausschusszuschnitt, wäre der Gablenzer zugleich dicht am Thema Kohle, das neben Siemens und Bombardier in der Region Angstschweiß auslöst. „Ich will glaubhaft bleiben, auch was Siemens anbelangt. Unsere Fraktion will – und das ist auch die Aufgabe einer Opposition – im Bundestag zeigen, was die Ursachen dieser Energiepolitik sind. Ich halte nichts davon, dass sich die Verursacher medienwirksam vor den Siemenstoren ablichten lassen und auf Tonnen herumklopfen – Politiker, die in Berlin für die Energiewende gestimmt haben. Was, wenn das Erneuerbare-Energien-Gesetz nicht geändert wird und wir vor die Wand fahren? Jetzt nur auf Siemens einzudreschen halte ich für verfehlt. Gleichwohl muss ich sagen, dass Siemens eine soziale Verantwortung hat und auch schwere Fehler gemacht hat, wenn man sieht, wie Standorte gegeneinander ausgespielt werden und der Osten mit verheerenden Folgen zu Gunsten von Mühlheim geopfert werden soll“, erläutert Chrupalla, wieso er in seiner ersten Bundestagsrede Michael Kretschmer einerseits zitiert, damit zugleich aber auch heftig kritisiert habe.
Da stellt sich die Frage, ob man nicht zum Wohle einer Region auch mal mit den Wölfen heulen muss. Und wie steht Tino Chrupalla überhaupt zu Kretschmers Erfolgen, als Lobbyist für die Region viel Geld akquiriert zu haben. Natürlich sehe er darin eine Leistung, es sei aber ein politisches völlig falsches Zeichen aus anderen Parteien, wenn diese Entscheidungen künftig davon abhängig machen sollten, wer im Wahlkreis das Direktmandat geholt habe. „Ich will hier auch nicht unbedingt irgendwelchen Bürgermeistern durch irgendwelche Subventionen für einen Radweg behilflich sein, sondern ich möchte für die Bürger Politik gestalten. Ich möchte auf die Probleme hinweisen, und die regierenden Parteien dazu bringen, dass sie ihre Hausaufgaben erledigen. Das ist die Aufgabe der Opposition“, ergänzt er.
Oberbürgermeister Siegfried Deinege hatte in einem Pressegespräch dieser Tage davon berichtet, dass er mit auswärtigen Journalisten immer darüber diskutieren müsse, warum gerade hier die Politik hier so ausschlage. Habe die Talfahrt eine Ursache im schwindenden Vertrauen in die politische Stabilität der Region oder umgekehrt? Das Vertrauen könnte also der Schlüssel zum Glück der Region bleiben. Politik wird eben nicht nur im Plenum gemacht.

Abgeordnete, die sich Redeschlachten liefern, klopfen sich abends für solche Shows anerkennend auf die Schulter, trinken gemeinsam ein Bier und spielen Skat. „Man merkt natürlich schon, dass man von vielen im außerparlamentarischen Bereich gemieden wird. Es wird wohl auch nicht passieren, dass ich dort mit Abgeordneten von den Grünen abends ein Bier trinken werde. Das kann ich mir kaum vorstellen. Dafür sind unsere politischen Ansichten zu weit auseinander“, ist Tino Chrupalla skeptisch und nennt ein Beispiel aus den ersten Tagen als Parlamentarier in Berlin. Er sei gefragt worden, ob er sich vorstellen könnte für die Fußballmannschaft des FC Bundestag aufzulaufen. Er habe dies abgelehnt weil er sich schlecht vorstellen könne, mit Kollegen der Grünen oder der Linkspartei in der Kabine zu sitzen, „die uns im Wahlkampf aufs Ärgste beschimpft und diffamiert haben.“

Auch die Tuchfühlung mit dem Heer der Lobbyisten muss erst gelernt werden. „Ich schaue genau, wo ich hingehe. Ich will für meine Wähler glaubhaft bleiben und mich nicht auf eine Chamäleon-Taktik einlassen, im Wahlkreis etwas Anderes zu erzählen als das, was ich in Berlin tue“, bleibt Chrupalla vorsichtig, während er unausgesprochen damit Michael Kretschmer anspricht. Im Hinblick auf den Erhalt von Arbeitsplätzen in der Region könne er sich gleichwohl vorstellen, Schulterschluss über Parteigrenzen zu suchen, so wie dies im Landtag auch pragmatisch üblich sei. Er werde den Griff zum Telefonhörer nicht scheuen, wenn man mit anderen Parteien sprechen müsse.

Tino Chrupalla sieht die psychologische Schwelle hier eher beim Gegenüber: „Es ist für die anderen Parteien schon schwierig – wir sind in ihr Wohnzimmer eingedrungen. Und als Eindringlinge werden wir auch betrachtet. In den ersten Sitzungstagen konnte man spüren, mit welchen Argusaugen die anderen Parteien auf uns schauen. Die haben bei vielen Redebeiträgen gemerkt, dass wir argumentativ mit den anderen Parteien locker mithalten können. Das rief zum Teil Erstaunen hervor. Man hat mit populistischer Phrasendrescherei ohne Argumente gerechnet. Wir bringen als starke Opposition endlich auch wieder eine Debatte in Gang.“

Eine überraschende Debatte löste bereits die Eröffnung seiner ersten Bundestagsrede aus, als der gegenüber Petra Pau von den Linken am Präsidiumstisch auf die schlesische Aussprache seines Namens mit „K“ am Anfang hinwies. „Das hat natürlich Raunen und Nervosität in einigen Fraktionen hervorgerufen – nur weil das Wort „Schlesien“ gefallen ist!“, schmunzelt Tino Chrupalla, der sich in der AfD in der vor einigen Wochen gegründeten „Gruppe für Heimatvertriebene, Aussiedler und deutsche Minderheiten“ engagieren möchte. „Die Menschen müssen wissen, wo sie herkommen, dass bei uns viele Heimatvertriebene leben, dass fast jede zweite Familie davon betroffen ist. Das alles wurde in der DDR schon nicht thematisiert und nach der Wende unter Helmut Kohl kam es ein bisschen zur Sprache. Aber wir merken wieder, dass alles unter den Teppich gekehrt wird. Wir möchten das Bewusstsein auf die Tagesordnung bringen, ohne dass wir in irgendeiner Form davon reden, Gebiete zurückhaben zu wollen.“ Das macht die Zusammenarbeit mit der in Warschau regierenden PiS nicht leichter, mit der man auf europäischer Ebene kooperiert. „Wir führen diesbezüglich in der Partei viele Gespräche. Da muss man schon aufpassen, in welchem Bereich wir uns annähern können. Ich persönlich halte zur PiS ein bisschen Abstand.“ Dass eine von Tino Chrupalla geforderte stärkere Grenzsicherung an der Schnittstelle zweier Staaten mühsam aufgebaute kulturelle Bande bedrohen könnte, dementiert der Abgeordnete. „Nein, ich sehe hier keinen Widerspruch. Es heißt ja nicht, dass der Schlagbaum unten ist und niemand mehr einen Übergang nutzen kann. Natürlich kann es Wartezeiten geben, aber wenn es zu mehr Sicherheit führt, dann wird das jeder Bürger auch akzeptieren. Die Sicherheit der Bürger ist das höchste Gut. Wenn wir diese nicht gewährleisten können, dann ist auch alles Gerede über Europa verlorene Liebesmüh‘.“

Und irgendwie holt uns am Ende dann doch noch einmal das Thema Kretschmer/Chrupalla und die politische Atmosphäre wieder ein. Der Gablenzer betont, dass es bislang eigentlich keine Veranstaltung gegeben habe, an deren Rande persönliche Worte möglich gewesen waren. Allerdings: „Mir hat übrigens auch noch niemand von der SPD oder den Linken gratuliert. Ich sehe darin auch den Verlust eines Anstandes. Ich hätte es gemacht. Wenn andere es nicht können, nun ja…“.

Till Scholtz-Knobloch / 11.12.2017

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