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Frau Reppe schlägt Grün zu Blau

Frau Reppe schlägt Grün zu Blau

Cordula Reppe weiß, wie man etwas grün und blau schlägt – oder besser von grün zu blau. Sie praktiziert es täglich in ihrer Werkstatt. Foto: Redaktion

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Cordula Reppe lässt gern Besucher an ihrer Arbeit teilhaben – hier zeigt sie ein Model mit einem weit verbreiteten Motiv. Bild: Redaktion

Der Pulsnitzer Blaudruck gehört jetzt zum immateriellen Kulturerbe. Die deutsche Sprache verdankt diesem Handwerk viele noch heute gebräuchliche Redewendungen.

Pulsnitz. „Wir lassen lieber die Tür ein wenig offen. Der Geruch kann anstrengend sein. Ich selber habe mich schon daran gewöhnt.“ Cordula Reppe ist um das Wohlergehen ihrer Besucher bemüht. Tatsächlich verströmt der in den Boden eingelassene Bottich (oder fachsprachlich Küpe), in den die Leiterin der Pulsnitzer Blaudruckwerkstatt die Stoffbahnen eintaucht, einen recht intensiven Duft. Hier soll das Leinen seine strahlend blaue Färbung erhalten, welcher der Blaudruck seinen Namen verdankt – doch heraus kommen die Tücher in einem Farbton, der eher an einen sumpfigen Wiesentümpel erinnert.
„Schnell geht hier gar nichts. Blaudruck erfordert Geduld“, sagt Cordula Reppe und versenkt die Bahnen erneut. Erst nach Dutzenden dieser „Tauchgänge“, unterbrochen durch Trocknungsphasen an der Luft, nimmt der Stoff nach und nach die begehrte tiefblaue Färbung an. Hin und wieder schlägt die Blaudruckerin mit einem Stock auf die Bahn, um Falten auszutreiben, denn nur so erreicht sie eine gleichmäßige Färbung. „Von dieser Tätigkeit leitet sich der alte Spruch her: ’Ich schlage dich grün und blau. Ursprünglich hieß es nämlich: Ich schlage grün zu blau.“


Schon bevor Cordula Reppe den Stoff in die Küpe tauchen konnte, hatte sie eine Menge Mühe damit. So musste sie erst in akribischer Arbeit mit dem Model – einer stempelähnlichen Form – den Papp auftragen, eine aus Kaolin hergestellte Substanz, welche die Stellen für die späteren weißen Muster auf dem blauen Untergrund freihält.
Der Papp muss ganz speziellen Anforderungen genügen: So darf er nicht verlaufen und sich auch nicht im Indigobad auflösen. Erst in der anschließenden Reinigungsprozedur, zu der unter anderem Schwefelsäure gehört, darf er sich verflüchtigen – dann aber auch bitteschön vollständig.

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Ein solch kompliziertes und gleichzeitig effektvolles Handwerk hat mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihm in der Vergangenheit zuteil wurde. Das sagten sich auch die österreichischen Blaudrucker und beantragten die Aufnahme ins nationale immaterielle Kulturerbe ihres Landes. 2015 wurde diesem Ansinnen stattgegeben.

Was die Österreicher können, können wir auch, meinten die Kollegen in Ungarn, Tschechien, der Slowakei und Deutschland. Und: Mittlerweile haben sie es alle geschafft, in die entsprechenden Listen ihrer Heimatländer aufgenommen zu werden. Für den deutschen Hand-Blaudruck und damit auch für die Pulsnitzer Werkstatt war es im Dezember 2016 soweit.
„Das ist aber erst der Anfang“, betont Cordula Reppe. „Gemeinsam wollen wir auch auf die internationale Unseco-Liste des immateriellen Kulturerbes.“ Die entsprechende Nominierung soll noch in diesem Jahr erfolgen. Der nächste und letzte Schritt wäre dann das Weltkulturerbe – doch das ist für Cordula Reppe noch ferne Zukunftsmusik.


Neben der Anerkennung und der Werbung auf einer gemeinsamen Internetseite hat der Kulturerbestatus noch einen weiteren Nutzen: „Mit diesem Titel wird der Blaudrucker als Berufsstand und Ausbildungsberuf anerkannt und kann weiter am Leben erhalten bleiben“, wie Evelin Rietschel von der Stadtverwaltung Pulsnitz erklärt.
Ohne diesen Rückenwind droht das alte Handwerk auszusterben, obwohl es reichlich Interesse an den Erzeugnissen gibt. Und noch etwas macht Hoffnung: „Katja Fietz, eine Studentin der Fachhochschule Dresden, hat den Blaudruck zum Thema ihrer Bachelorarbeit gemacht und eine eigene Kollektion erstellt. Sie will unser Handwerk in die Moderne führen“, freut sich Cordula Reppe.

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Es wäre auch zu schade um dieses schöne Handwerk, das die deutsche Sprache um so viele Redewendungen bereichert hat. Beispielsweise um den „blauen Montag“: „Das frühere Färbemittel Waid benötigte Urin, um seine Wirkung zu entfalten. Die Zugabe erfolgte meistens am Montag, nachdem der Blaudrucker am Sonntag in der Wirtschaft ordentlich gebechert hatte. Danach war er so müde, dass er den Rest des Montags frei nahm“, erzählt Cordula Reppe. Wenn er da mal nicht sein „blaues Wunder“ erlebt hat …

Uwe Menschner / 25.04.2017

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