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Herbergsvater für Pilger aus der Welt

Herbergsvater für Pilger aus der Welt

Auch Christian Kretschmer nimmt sich hin und wieder eine Auszeit. In der gemütlichen Blockstube des Pilgehäusls liest der Herbergsvater am historischen Kachelofen auch mal in der Bibel. | Foto: Steffen Linke

Hirschfelde. Grüß Gott und herzlich willkommen! Herbergsvater Christian Kretschmer, seine Frau Ursula und andere fleißige Helfer sorgen dafür, dass sich im Pilgerhäusl in Hirschfelde Pilger aus aller Welt für eine Nacht rundum wohlfühlen.

Wenn die Pilger in der Komturgasse 9 die Telefonnummer an der Umfriedungsmauer anrufen, macht sich der 72-Jährige sofort auf die Socken. Er wohnt nur circa 50 Meter Luftlinie von dem länderübergreifend sanierten Umgebindehaus am „Zittauer Jakobsweg“ entfernt. „Meine Frau und ich sind katholisch. Wir sind in dieser Gegend aufgewachsen und fühlen uns mit dem Pilgerhaus sehr verbunden“, sagt Christian Kretschmer.

Dem Pilgerhausverein selbst ist es als Eigentümer nicht möglich, die Herberge täglich offen zu halten. Dafür steht Christian Kretschmer quasi auf Abruf bereit. Der Herbergsvater  schließt die Tür des Pilgerhauses auf und empfängt mit herzlichen Worten die Gäste: „Wer immer in guter Absicht diese Schwelle betritt, er sei bei uns willkommen.“ Das Pilgerhaus soll ein Ort christlicher Gastfreundschaft sein. Deswegen wird allen Pilgern und Teilnehmenden an christlichen Veranstaltungen kostenlos Unterkunft gewährt. Wer sich dafür dankbar erweisen will, der kann das gern in Form einer Spende tun.

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Gegenwärtig stehen fünf behagliche Pilgerzimmer mit insgesamt elf Schlafplätzen zur Verfügung – zwei kleine Einzelzimmer, ein geräumiger Doppelraum mit drei Betten sowie zwei Hochbettzimmer mit mehreren Matratzenplätzen. Die Zimmer sind nach Orten benannt, in denen Heilige und Selige in den drei benachbarten Regionen Oberlausitz, Böhmen und Niederschlesien gelebt und segensreich gewirkt haben. So kann schon eine Nacht in „Prag“ verbringen, wer dorthin unterwegs ist  – sicher ein verlockender Gedanke. Als Aufenthaltsraum dient die gemütliche Blockstube mit einem historischen Kachelofen. Die benachbarte katholische Kirche kann für Gottesdienste und Gebetszeiten genutzt werden.

Christian Kretschmer und seine Frau kümmern  sich um alles, was anliegt, mähen unter anderem die Wiese, jäten Unkraut, putzen Fenster, machen sauber  und waschen auf. Ursula Kretschmer legt auf die hygienischen Verhältnisse sehr viel Wert. Hinter der ehrenamtlichen Tätigkeit steckt sehr viel Aufwand.

Und von wegen, dass der rüstige Rentner die Gäste nur auf die Betttücher und Betten verweist, nein Christian Kretschmer kommt mit ihnen auch ins Gespräch und geht auf deren Sorgen und Nöte ein, auch wenn es meist um Dinge geht, die nicht unbedingt für die  Öffentlichkeit bestimmt sind, wie er sagt. Ein bisschen bedauert er seine mangelnden Sprachkenntnisse: „Denn wir müssen uns öfter mit Händen und Füßen verständigen“, fügt  er hinzu.

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Pilger aus der ganzen Welt –  ob aus England, Spanien oder Afrika – haben schon im Pilgerhaus in Hirschfelde übernachtet. Sie kommen, ruhen sich aus und machen sich am anderen Tag wieder auf die Strecke. Das große Ziel eines jeden Pilgers sei der Weg nach Santiago de Compostela, sagt Christian Kretschmer. Die Hauptstadt der autonomen Gemeinschaft Galicien ist katholischer Erzbischofssitz und Wallfahrtsort. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es viele Möglichkeiten, je nachdem, wie es sich jeder persönlich leisten kann. Studenten, Menschen mittlerer und älterer Jahrgänge nehmen sich eine Auszeit von einer Woche oder 14 Tagen, um eine gewisse Strecke zu laufen und die Herberge in Anspruch zu nehmen. Manche beginnen dann im nächsten Jahr dort, wo sie im vergangenen Jahr aufgehört haben. 

Pilger verpflegen sich eigentlich selbst aus dem Rucksack. Wenn das aus irgendwelchen Gründen nicht geht, bieten Christian Kretschmer und seine Frau eine sogenannte „Notversorgung“ an,  ein Abendbrot mit Schnitten, Wurst Tomate und Gurke – halt je nach Saison. Und ist der Herbergsvater vielleicht mit dem ein oder anderen Pilger nach seiner kurzen Stippvisite im Pilgerhaus in Verbindung geblieben? „Nein“, antwortet er.  „Manchmal trifft hinterher aus Dankbarkeit aber noch eine Postkarte mit freundlichen Grüßen ein.“ Christian Kretschmer verabschiedet die Pilger jedenfalls mit Gottessegen auf die Wanderschaft. Er selbst möchte noch solange, wie es die Gesundheit zulässt,  Herbergsvater sein: „Es wird aber die Zeit kommen, wo sich andere darum kümmern müssen.“

Steffen Linke / 18.07.2016

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