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Nesenscher Pokal
ist ein „Starexponat“

Nesenscher Pokal
ist ein „Starexponat“

Auch Sarah Schieck, Volontärin in den Städtischen Museen Zittau, ist begeistert vom Nesenschen Lutherpokal, einer Leihgabe aus dem Grünen Gewölbe der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Foto: Steffen Linke

Der Nesensche Lutherpokal zählt in der überregional bedeutenden Sonderausstellung „Ganz anders. Die Reformation in der Oberlausitz“ im Stadtmuseum Zittau und in der sanierten Klosterkirche zu den „Starexponaten“. Wie es Peter Knüvener, Direktor der Städtischen Museen Zittau, ausdrückt.

 

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Johann Christian Nesen (1653 bis 1727) – hier auf einem Kunstwerk in der Zittauer Sonderausstellung – und seine Familie sind in der Zittauer Geschichte für Wohltätigkeit und politisches Geschick bekannt. Foto: Steffen Linke

Zittau. Das hoch angesehene Kunstwerk war ursprünglich ein einfacher Kristallbecher. „Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Becher vom Nürnberger Goldschmied Christoph Rittner II. zu dem prächtigen umgearbeitet, den wir heute kennen“, sagt die Museumspädagogin Daniela Schüler. Der Becher erhielt einen vergoldeten silbernen Fuß und einen kuppelförmigen Deckel. Girlanden, Säulen, antike Figuren, Familienwappen und weitere Ornamente trieb der Goldschmied ins Silber. Heute misst der Nesensche Lutherpokal knapp 40 Zentimeter.

Das Kunsttransportunter nehmen DB Schenker brachte das Exponat wenige Tage vor der Ausstellungseröffnung von Dresden direkt in die Sonderschau. Transportiert wurde der Nesensche Lutherpokal in einer so genannten Klimakiste, die 24 Stunden vorab schon an die Raumtemperatur gewöhnt worden war. Außerdem war diese stark gedämmt, um Schädigungen beim Transport zu vermeiden. Begleitet wurden die Mitarbeiter der „Schenker Kunstlogistik“ von Michael Wagner, Restaurator im Grünen Gewölbe Dresden. Ausgepackt und aufgestellt wurde der Pokal vom Restaurator in einer eigens für den Pokal hergestellten Vitrine mit Vorgaben für Material, Statik, Licht und Schließsystem. Der Pokal benötigt eine bestimmte Luftfeuchte und Temperatur. Diese wird mehrmals täglich kontrolliert und notiert. Auch die Sicherheitsvorkehrungen mussten an die Standards der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden angepasst werden. Es sei außerdem immer eine Aufsicht in der Nähe des Pokals, so Daniela Schüler weiter.

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Der Nesensche Lutherpokal ist derzeit in der Sonderausstellung zur Reformation in den Städtischen Museen Zittau zu sehen. Foto: Staatliche Kunstsammlungen Dresden.

Besonders Zittauer, die die Geschichte schon kennen, steuern diesen Pokal direkt an und bleiben ehrfürchtig davor stehen. Zum Teil wehmütig beklagen sie einerseits, dass der Pokal in Dresden im Grünen Gewölbe nicht die Präsenz hat wie hier in Zittau. Zum anderen sind sie erfreut, dass ein Zittauer Kleinod und damit Zittauer Geschichte bei den renommierten Staatlichen Kunstsammlungen ausgestellt ist.

Martin Luther schenkte seinem Freund Wilhelm Nesen (1493 bis 1524) einen seiner kristallenen Trinkbecher. Nach dessen Tod gelangte er in den Besitz des Bruders Konrad Nesen (1495 bis 1560), der von Luther nach Zittau entsandt wurde. Nesen war in Zittau zunächst Jurist und wurde dann Bürgermeister. Die Nesens zählten zu den führenden Familien Zittaus, die immer wieder Bürgermeister stellten. Von Generation zu Generation wurde der Pokal weitervererbt. 260 Jahre blieb er so in Zittau, bis zum Tod Christian Friedrich Nesen (1732 bis 1793), mit dem die Familie ausstarb. Christian Friedrich vererbte ihn der kurfürstlichen Kunstkammer in Dresden.

Die Nesens sind in der Zittauer Geschichte für Wohltätigkeit und politisches Geschick bekannt. Außerdem waren sie durch Heirat mit vielen angesehenen Familien in Zittau und der Oberlausitz verbunden. Konrads Enkel, Johannes Nesen (1583 bis 1654), war zunächst Stadtrichter, später Bürgermeister in Zittau. Er war zweimal verheiratet, zunächst mit Dorothea († 1620), geborene Emrich aus Görlitz, danach mit Dorothea, geborene Schnitter.

Die Schnitters stammen ebenfalls aus Görlitz, wurden aber mit Georg Schnitter auch in Zittau sesshaft. Von dem Bürgermeister Georg Schnitter und seinem Neffen sind prächtige Epitaphien in der Klosterkirche zu sehen. Johann Christian, Enkel Johanns und damit Ur-Urenkel Konrads (1653 bis 1727), war Stadtschreiber, Stadtrichter und Bürgermeister in Zittau – wie auch sein älterer Bruder. Er war in erster Ehe verheiratet mit Johanna Eleonora Stoll, Tochter des Bürgermeisters Johann Philipp Stoll, und in zweiter Ehe mit Christiane Sophie Noack, Tochter des erfolgreichen Zittauer Kaufmanns und Ratsmitglieds Andreas Noack.

Die Familien Stoll und Noack spielten eine tragende Rolle in der Stadt. So gibt es heute noch das Stoll’sche Haus (ehemaliges Amtsgericht) und das Noack’sche Haus, in das die Kreismusikschule in Zittau eingezogen ist.

Johann Christians Schwester Anna Regina, ebenfalls Ur-Urenkelin Konrads, wurde die zweite Ehefrau des bedeutenden Zittauer Rektors und Dichters Christian Weise (1642 bis 1708). Viele Nesens waren im städtischen Rat tätig – so wie auch die meisten der Familien, deren Epitaphien sich heute in der Klosterkirche befinden. „Wegen seiner Geschichte haben wir diesen Pokal für diese Ausstellung gewählt“, sagt Daniela Schüler. Der erste Nesen, Konrad, wurde vom Reformator Martin Luther nach Zittau gesandt, um dort bei der Verbreitung und Festigung des protestantischen Glaubens unterstützend tätig zu sein. Nicht umsonst wird der Pokal auch Lutherpokal genannt. Dieser Pokal wurde ähnlich einer Reliquie über die Jahrhunderte in Zittau verehrt.

Nach Ende der Sonderausstellung am 7. Januar 2018 wird der Pokal wieder vom Kunsttransportunternehmen nach Dresden gebracht. „Wir sind immer auf der Suche nach Verbindungen zur Familie Nesen sowie nach Portraits, Abbildungen, Wappen etc. Wir würden uns auch freuen, Nachkommen der Familie Nesen kennenzulernen“, sagt sie. Zwar sei die Zittauer männliche Linie ausgestorben, aber die weiblichen Nachkommen haben ebenfalls geheiratet und Familien gegründet. Diese tragen zwar nicht mehr den Namen, aber doch die Geschichte in ihren Herzen, sagt sie.

Die Öffnungszeiten der Sonderausstellung „Ganz anders. Die Reformation in der Oberlausitz“: Dienstag bis Sonntag von 10.00 bis 17.00 Uhr.

Steffen Linke / 11.09.2017

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