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Schnitzkunst bringt 
ein Gefühl von Heimat

Schnitzkunst bringt 
ein Gefühl von Heimat

Der aus Damaskus stammende syrische Schnitzer hat sich mit Hilfe deutscher Freunde in Nieder Seifersdorf eine kleine Werkstatt eingerichtet, wo er seinen einstigen Beruf derzeit wenigstens als Hobby betreiben kann. Foto: fum

Nieder Seifersdorf. Issa Agana ist froh, dass er in Deutschland Freunde gefunden hat. Und doch: Nach seiner Flucht aus Syrien ist nichts mehr wie es einmal war. Zumindest hat er seit ein paar Tagen seine Frau und die fünf Kinder wieder um sich herum. Und er fängt an, seinen Beruf, die Schnitzerei, wieder aufleben zu lassen.

Die Werkstatt ist klein und provisorisch eingerichtet. Doch für den 40-Jährigen aus Damaskus ist sie ein neuer Anfang – weit weg von der Heimat, in einem neuen Land. Fein säuberlich aufgereiht liegen Schnitzwerkzeuge auf der Werkbank parat. All das, was ihm Betreuer und Freunde in Niesky besorgen konnten, damit er nicht ganz aus der Übung kommt. Zu Hause hatte er ein kleines Unternehmen, war als selbstständiger Holzschnitzer aktiv. Doch als der Krieg kam, war es schon bald mit diesem Broterwerb vorbei. Bomben zerstörten sein Haus, seine Werkstatt. Auch die Schwester fand mit ihrer Familie so den Tod. Seine Mutter hielt den seelischen Schmerz auf Dauer nicht mehr aus, sie fand keinen Weg aus dem Elend um sie herum.

Issa Agana floh mit seiner Familie nach Jordanien, in ein kleines Dorf nahe eines riesengroßen Flüchtlingscamps. Eine Dauerlösung sollte das jedoch nicht sein. So entschlossen sie sich, alles verfügbare Geld zusammenzukratzen und Vater Issa auf den Weg nach Europa zu schicken.

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Im Herbst 2015 begab sich der Syrer wie viele seiner Landsleute auf die Balkanroute, gelangte über Griechenland, Serbien und Österreich im Herbst desgleichen Jahres nach Deutschland. Über die Erstaufnahmeeinrichtung in Chemnitz ging es nach Niesky. Dort lernte ihn Katrin Müller im Deutsch-Café kennen und sah auf dem Handy des jungen Mannes Fotos seiner Schnitzkunst, von typisch arabischen Ornamenten. „Ich sagte mir, dass eine solche Fähigkeit nicht verloren gehen darf. Zu Hause in Nieder Seifersdorf hatten wir eine kleine Werkstatt, die mir für diese Zwecke ideal erschien“, erzählt die ehemalige Pfarrerin, die sich fortan auf die Suche nach Schnitzwerkzeug begab, selbst einiges kaufte, aber auch viel Unterstützung von Bekannten erfuhr.

Seit einiger Zeit frönt Issa Agana nun wieder seiner Leidenschaft. Nach dem Deutschunterricht kommt er donnerstags mit nach Nieder Seifersdorf und kann sich bis Sonntag mit der künstlerischen Gestaltung von Holz beschäftigen. Was er – trotz seiner persönlich noch immer komplizierten Lage – mit sehr viel Begeisterung tut. Immerhin hält sein Vater weiterhin in Syrien aus.

Er selbst hat inzwischen ein auf drei Jahre befristetes Bleiberecht, hofft zusammen mit seiner Familie auf eine Wohnung und die Möglichkeit, selbst eine Werkstatt einrichten zu können. Im Moment verschenkt er seine Schnitzerei – als Dank für Gefälligkeiten, im Gegenzug für Holz und Werkzeug, das er bekommen oder sich geliehen hat. „Für uns war es gar keine Frage, ihm zu helfen. Er ist uns regelrecht ans Herz gewachsen“, sagt Katrin Müller, die für ihn zu einer Art Ersatzmutter geworden ist. Oft lädt sie Issa, seine Frau und die Kinder zum gemeinsamen Essen ein. „Wenn wir dann beisammen sitzen, dankt er Allah im Tischgebet, mein Mann und ich bedanken uns bei Gott. Wenn man sich versteht, kann alles so einfach sein.“

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Frank-Uwe Michel / 04.12.2016

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