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35 Jahre oder gar älter als Gelb-Weiß?

35 Jahre oder gar älter als Gelb-Weiß?

V.l.n.r. die Germanen der ersten Stunde auf der Eiswiese: Matthias Laue, Alfred Kliche und Ronald Fritzsche – ganz rechts der seit 2025 amtierende Vorsitzende René Pohl Foto: Till Scholtz-Knobloch

Der Schlesische Sportverein (SSV) Germania Görlitz hat in den Sommerferien sein 35-jähriges Bestehen gefeiert und möchte sich mit neuem Vorstand neu positionieren. Und Überraschung: Beim Blick in die Annalen stellt sich die Frage, ob man 2027 nicht gleich auch 120-jähriges Vereinsjubiläum feiern sollte.

Görlitz. Während der Weltfußball unter Gianni Infantino nach immer mehr Geld giert und nun sogar der Kontinentalverband UEFA opponiert, bricht an der Basis immer mehr Breite weg. Konnte der Sächsische Fußballverband 2020 noch 1.964 Herrenmannschaften im Spielbetrieb zählen, sind es 2026 nur noch 1.264! Dem Absturz nach der Corona-Axt um unglaubliche 35,64 Prozent bis heute (bundesweit in dieser Zeit ’nur’ -29,9 Prozent) folgt vielerorts Katerstimmung – erst recht in der einzigen deutschen Stadt mit über 50.000 Einwohnern, deren ’bester’ Verein Gelb-Weiß, mit See, Niesky II., Friedersdorf, Gebelzig und Klitten 2026/27 nur noch in der 8. Liga (sic!) herumdümpelt.

Beim SSV Germania Görlitz hat man den Spieß einfach umgedreht. Der neue Vorsitzende René Pohl hat die Devise Vorwärts ausgegeben und das 35-jährige Vereinsjubiläum versprühte diese Aufbruchstimmung. Das altehrwürdige Helenenbad erlebte am 27. Juni dabei ein Spiel-, Spaß- und Familienfest, bei dem sich Kinder an an zehn Spielstationen austoben konnten – inklusive XXL-Fußball-Dart. Die Feuerwehr Deutsch-Paulsdorf sorgte für das schattenspendende Zelt. Kameraden der Markersdorfer Wehr und des THW trugen ebenso zum Gelingen bei wie Tanzschuldarbietungen.

Im Treffen mit der Redaktion berichtet Vorsitzender René Pohl: „Wir sind letztes Jahr als neuer Vorstand angetreten, um dem Verein neues Leben einzuhauchen. Das erste Ziel war, eine spielfähige Männermannschaft in den Spielbetrieb zu schicken. Das zweite Ziel war, etwas für die Vereinsgemeinschaft zu tun.“ Dazu müsse man erst einmal eine Atmosphäre schaffen, in der Menschen erleben, dass ihr Umfeld ihnen wohlgesonnen ist. „Wir haben eine große Anzahl an Kindern und deren Eltern, die immer wieder zum Spielbetrieb zuschauen kommen. Für uns war von vorn herein klar, dass das Vereinsleben zu beleben ist.“ 

Anfänge dazu seien ein Weihnachtsmarkt auf der Eiswiese und ein Hallenturnier gewesen – „das 35-jährige Jubiläum ist sozusagen das I-Tüpfelchen im ersten Jahr.“

Aktuell verfüge man über eine C-, D-, E-, F- und G-Jugend und die Herren mit einer Mannschaft, aber keiner Zweiten. „Das heißt, wir haben ohne A- und B-Jugend noch eine Lücke von vier Jahren“, so René Pohl. Einschließlich der Gymnastikdamen hat der Verein 126 Mitglieder, 73 davon sind Kinder! Etwa 2010/2011 habe Germania mal die bittere Erfahrung gemacht, dass ein ganzer Jahrgang von einem ’Mitbewerber’ zu sich herübergezogen wurde. Fünf Jahre habe bei den ersten Herren der Nachwuchs gefehlt. „Das hat uns wirklich um Jahre zurückgeworfen“. Auch diese Erfahrung führe dazu, stetig und nachhaltig aufbauen zu wollen – in einem Verein, der Lust auch auf Gemeinschaft neben dem Platz ausstrahlt, denn mehr als die Nähe im Kiez zähle heute, dass junge Leute Freunde einfach mitreißen. Gleichwohl habe sich nach der Wende die enge Bindung zur Südstadt und Biesnitz verfestigt. Mit dem Bürgerverein Biesnitz wolle man etwa gemeinsame Aktivitäten starten. 

Kiezgefühl gab es zu DDR-Zeiten im Betriebssport indes nicht. Mit am Tisch sitzen Matthias Laue, Alfred Kliche und Ronald Fritzsche – Nachwende-Germanen der ersten Stunde, denen es daran liegt, dass Fortschritt aus Tradition gelebt wird. Sie sind sich mit René Pohl einig: „Wir sind kein Verein, der irgendwo auf anderen Sportplätzen rumschnüffelt und abwirbt. Das gibt es ja auch. Schon in unteren Klassen.“

Aus BSG Automobil und BSG Pentacon

Ronald Fritzsche, der die Jüngsten im Verein trainiert, berichtet, er sei schon 1975 beim Vorgänger BSG Automobil dabei gewesen. „Das war in der Schulzeit, die Klassen haben untereinander am Nachmittag Fußball gespielt, man unterhielt sich, wer schon im Verein war und sagte: „Kumm ok ma guggn.“ So sei er von der Leichtathletik mit 16 doch zum Fußball bei der Betriebssportgemeinschaft des Kraftfahrzeug-Instandsetzungs- bzw. Automobilbetriebes gekommen. Am Tisch wird lautstark überlegt: „Automobil war ja immer Blau, oder?“ – „Ne, Blau und Rot oder so.“

Inspirierte Chemie Leipzig Germania farblich?

Farblich setzte sich bei Gründung eines gemeinsamen Nachfolgevereins von Automobil und BSG Pentacon nämlich letztere Verbindung durch, die ihre Wurzeln bei der BSG Fortschritt mit dem Bekleidungswerk als Trägerbetrieb hatte. Seit 1985 gehörte der VEB Pentacon Dresden mit seinen Betriebsteilen – darunter auch das Feinoptische Werk Görlitz – zum Kombinat Carl Zeiss Jena. Damit war Wolfgang Biermann der oberste Leiter auch des Pentacon-Kombinats. Sportaffin sorgte er für die Übernahme der BSG Fortschritt Görlitz nun als BSG Pentacon Görlitz.

Das größte Erinnerungsvermögen zur Vereinsgeschichte bringt Matthias Laue ein. Mit Lutz Makosch von Automobil sei er zur Gründungsversammlung mal vier, fünf Namensideen durchgegangen, kann sich an die Alternativen zu Germania jedoch nicht mehr erinnern und auch nicht, was die Inspiration zu Germania war. Die Einheit? „Ich weiß es nicht mehr.“ Und wieso konnte sich Grün-Weiß-Schwarz durchsetzen? Die Farben folgten zwar Vorläufer Pentacon, aber das sei beim Neustart gar nicht entscheidend gewesen, viel eher, so mutmaßt Matthias Laue, habe da wohl seine Anhängerschaft zu Chemie Leipzig eine Rolle gespielt. Er sei dann noch Mitglied von Sachsen Leipzig gewesen, habe aber den Neustart (wieder) als Chemie nicht mehr mitmachen wollen. Heute drückt Matthias Laue dem SC Freiburg die Daumen. Ursächlich dafür sei ein Schwarzwaldurlaub nach der Wende und der moderne Flachpassfußball gewesen. Beim Stichwort Chemie fällt ihm aber ein: „Der Vater eines Hausbewohners von Michael Mayer, der bei Chemie Leipzig gespielt hat, ein Kumpel von mir damals, sagte mal beim Runtergehen in den Hof: ’Germania macht ihr? Die gabs doch schon mal in Görlitz’“.

Alte Freundschaft beständig im Kiez Südstadt/Biesnitz

Alfred Kliche jedenfalls war ebenfalls neugierig geworden und blätterte im Ratsarchiv der Stadt in alten Adressbüchern der Stadt. Mit der Überschrift „Gab es Germania Görlitz bereits vor dem 2. Weltkrieg?“ bringt er ein Blatt mit Aufzeichnungen von Einträgen zwischen 1934 und 1939 mit. Und siehe da: Der damalige „SV Germania 07 Görlitz“ war im Grunde im gleichen Kiez unterwegs wie heute der SSV Germania, der mit SSV (Schlesischer SV) 1991 auch regionale Verbundenheit dokumentieren wollte. So war die Vereinsgaststätte von Germania 07 ’Alt Heidelberg’ heute ’Zur Alten Freundschaft’ in der Biesnitzer Straße gleich nebenan. Der Fußball- und Leichtathletik-Klub hielt sein Training jeweils donnerstags auf dem nach dem Ersten Weltkrieg errichteten Südsportplatz an der Frauenburgstraße ab. Damit kann man Germania quasi als ’kleinen Bruder’ des bis 1945 führen Fußballvereins der Stadt, des nach 1990 nicht wiedergegründeten STC Görlitz betrachten, der 1906 als SC Preußen Fußballpionier der Stadt war und auch die schon vor seinem Südsportplatz geschaffene Eiswiese – zunächst Preußenplatz genannt – anlegte. 1936/37 ist als Germania-Vereinsvorsitzender Max Latusch aus der Salomonstraße 10/12 verzeichnet; der Vorsitz wechselte kurz darauf in die Südstadt zu Alfred Schmidt aus der Biesnitzer Straße 87.

Die Redaktion hat ferner in den Annalen des Deutschen Sportclubs für Fußballstatistiken e.V. (DSFS) geblättert. Diesen zufolge taucht Germania erstmals in der Saison 1933/34 mit dem TuSV (zuvor VfB) Weißwasser, der SpVgg Bunzlau, der SVgg Gelb-Weiß Görlitz, dem MSV Sprottau, SC Halbau, dem Saganer und dem Laubaner SV in der Bezirksklasse Niederschlesien, Gruppe Süd auf – der zweithöchsten Spielklasse gleich unterhalb der Gauliga Schlesien. Und zwar als frisch fusionierter Verein aus SC Merkur 1907 und SV Viktoria, dessen Spur sich in den Vorjahren als wohl leistungsschwächerer Verein verliert. Auch das passt ins historischer Muster, da die Nazis über Fusionen alte gesellschaftliche Verankerungen aufbrechen wollten und Großvereine anstrebten.

Dass der SC Merkur 1907 nach Preußen zweitältester Fußballklub der Stadt war – und damit älter als Gelb-Weiß (1909 gegründet als SC Wanderlust Rauschwalde, ab 1910 zunächst SC Union) ist, kommt zum Beispiel auch darin zum Ausdruck, dass am 18. Mai 1913 bei einem Freundschaftsspiel einer Görlitzer Auswahl neben neun Preußen-Spielern zwei Merkur-Akteure auf dem Rasen gegen eine Auswahl der übrigen Oberlausitz standen. Das überliefert Udo Luy in „Fußball in Südostdeutschland (Schlesien) 1893-1914“.

Wer recherchiert nun im Vereinsregister weiter?

Der ’Bezirk VI – Oberlausitz’ im Schlesien, die Niederlausitz und Posen umfassenden Südostdeutschen Fußballverband (SOFV) formierte sich am 16. November 1910 aus dem Pionier SC Preußen 1906, SC Wanderlust, FC Niesky 1908 (heute Eintracht), dem mit 57 Mitgliedern mitgliederstärksten Verein im Bunde – dem SC Merkur 1907 – und dem SC Germania 1910. Als Merkur-Vorsitzender ist damals Alfed Loy aus der Brautwiesenstraße 25 verzeichnet. Ob der mindestens bis zum 1. Weltkrieg bestehende SC Germania 1910 in einer ideellen Verbindung zum 1933 aus Merkur und Viktoria gebildeten SV Germania 07 steht, muss offenbleiben.

In der Frühzeit des deutschen Fußballs war ein Gerangel um beliebte Namen jedenfalls nicht unüblich und auch ein „SC“ (nicht SV) Viktoria, der sich 1913 mit dem 1911 gegründeten FC Union Rasensport zum SC Union 1911 zusammenschloss, könnte ebenso noch verwirren. Aber sowohl Germania, als auch Viktoria waren eben überaus beliebte Vereinsnamen im Kaiserreich. Viktoria 89 Berlin war als zweimaliger deutscher Meister neben dem VfB Leipzig (heute Lok) und dem Karlsruher FV der Spitzenklub des Landes – der noch heute bestehende Berliner FC Germania 1888 ist der älteste Fußballverein Deutschlands überhaupt.

In Sachen Germania 07 Görlitz mit den Vorläufern Merkur und SV Viktoria lassen sich sicher noch weitere Aufschlüsse finden. Die historischen Registerakten des ehemaligen Amtsgerichts Görlitz gehören zum Bestand der Justizüberlieferung und liegen wohl beim Sächsischen Staatsarchiv, Staatsfilialarchiv Bautzen. Der SSV Germania steht also vor der Frage, ob er ggf. 2027 auch 120. Geburtstag feiern möchte und noch weiter nach den historischen Farben und einstigen Wappen sucht.

Zunächst einmal wird nach der Sommerpause nun aber endlich wieder Fußball gespielt. Den Saisonauftakt auf der Eiswiese begeht der SSV Germania am 14. August, 19.00 Uhr, mit dem Kreispokalspiel gegen den TSV Kunnersdorf.

Till Scholtz-Knobloch / 08.08.2026

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