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„Denn wir haben hier keine bleibende Statt“

„Denn wir haben hier keine bleibende Statt“

Das einzige erhaltene Schwenckfelder-Versammlungshaus aus der Zeit vor der Auswanderung steht in Berthelsdorf. Der Verein Schwenckfeldhaus Berthelsdorf und Nachfahren bzw. Schwenckfelder aus den USA sorgten für die Sicherung. Foto: Jörg Giessler

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Beteiligte in Schwenckfelder-Tracht Foto: Joachim Kempgen

Eine Jubiläumsfeier im Zinzendorfschloss in Berthelsdorf erinnerte mit dem Anspiel dreier historischer Szenen an die schlesische Emigration nach Berthelsdorf von 1726 und die lebendige Tradition der Glaubensflüchtlinge.

Berthelsdorf.
1726, also vor genau 300 Jahren, trafen die ersten Schwenckfelder auf der Flucht vor religiöser Verfolgung aus Schlesien in der Oberlausitz ein, wo ihnen Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf Zuflucht und Land gewährte.
Die Bewegung geht zurück auf den schlesischen Adligen, Reformator und Mystiker Caspar von Schwenckfeld von Ossig (1489–1561) aus Ossig (Osiek) bei Lüben (Lubin). Als Zeitgenosse Martin Luthers vertrat Schwenckfeld eine verinnerlichte, spiritualistische Glaubenslehre. Er sah Sakramente wie Taufe und Abendmahl nicht als äußere Heilsmittel, sondern als reine Symbole und legte höchsten Wert auf die persönliche, geistliche Gemeinschaft des Einzelnen mit Christus. Wegen seiner Abweichungen von der lutherischen wie auch der katholischen Dogmatik geriet seine Anhängerschaft – die Schwenckfelder – rasch zwischen die Fronten der Konfessionen.

Im frühen 18. Jahrhundert spitzte sich die Lage in Schlesien dramatisch zu. Trotz der Fürsprache schlesischer Adliger wie der Gräfin von Schweinichen wurden die Schwenckfelder in Dörfern wie Harpersdorf (Twardocice), Lauterseiffen (Bielanka) oder Armenruh (Rochów) systematisch unterdrückt.

Die 1719 auf kaiserlichen Befehl eingerichtete Jesuitenmission setzte schwere Repressalien durch: Zwangstaufen von Neugeborenen, Inhaftierung im Stockhaus oder auf der Gröditzburg (Grodziec) und die Verweigerung eines ehrlichen Begräbnisses auf dem Kirchhof.

Obwohl Sprecher wie Georg Hauptmann und Abgesandte wie Christoph Hoffmann in Wien jahrelang mit 17 Petitionen vergeblich um Gnade beim Kaiser baten, blieb die Erhörung aus. Als der junge Graf Zinzendorf den Verfolgten schließlich Asyl auf seinen Gütern im sächsischen Berthelsdorf anbot, verließen 1726 heimlich über 170 Familien ihre Heimat an der schlesischen Grenze am Queis (Kwisa) – mit kaum mehr als Kleidung, Hausrat und ihren Erbauungsschriften.

Nach der Flucht aus Schlesien 1726 lebten mehrere hundert zeitweise in Görlitz, Hennersdorf, Berthelsdorf und Umgebung. „Wir wollen Jesus Christus geistlich genießen ... dafür sehen wir hier keine Möglichkeit mehr.“

Der Schwenckfeldhaus Berthelsdorf e.V. hatte am 22. August zu einem Festprogramm ins Zinzendorfschloss eingeladen. Den Auftakt bildete die Bildpräsentation „Woher sie kamen“, die Einblicke rund um die alte Heimat Harpersdorf vermittelte.
Der Nachmittag begann wissenschaftlich exakt mit dem Bildvortrag „Wohin sie gingen“ von Pfarrer Alexander Wieckowski aus Wurzen über die Zeit der Schwenckfelder in der Oberlausitz, die jedoch nach wenigen Jahren wieder ihre „bleibende Statt“ verließen. Auf politischen Druck musste ein Großteil der Gemeinde 1734 erneut aufbrechen. Die Reise führte sie nach Nordamerika, wo sich ihre Nachfahren im Bundesstaat Pennsylvania ansiedelten. Dort existiert bis heute die Schwenkfelder Church als Erbe dieser schlesischen Glaubensflüchtlinge.

Es folgte als Höhepunkt des Nachmittags das dreiszenische Anspiel von Margrit Kempgen „Warum sie gingen“, frei nach Fedor Sommers Roman „Die Schwenckfelder“. Das Laienensemble setzte sich aus Margrit Kempgen als Erzählerin, Heike Klengel als Gräfin Schweinichen, Rüdiger Laue als Pfarrer Johannes Samuel Neander, Jörg Giessler als Sprecher Georg Hauptmann, Dr. Stefan Ader-holt als Abgesandter Christoph Hoffmann, Gisela Hartwig als Bürgerin Barbara Jäkel sowie Jürgen Klengel als Bote des Grafen Zinzendorf zusammen.

Das Anspiel führte das Publikum in das Frühjahr 1726 zurück. Die Zerrissenheit des lutherischen Pfarrers Neander, der Zorn der resoluten Barbara Jäkel über die Grausamkeit der Jesuiten sowie der schwere Entschluss der Gemeindeführer Georg Hauptmann und Christoph Hoffmann wurden auf die Bühne gebracht. Als der Bote des Grafen Zinzendorf schließlich die lebensrettende Nachricht des Asyls überbrachte, war die Erleichterung im Saal greifbar. Zum Ausklang gab es Geselligkeit und Gelegenheit zur Besichtigung des Schwenckfeldhauses in der Oberen Dorfstraße 10/12.

Jörg Giessler/tsk / 29.08.2026

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