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Die Raumfahrt auf den Kopf gestellt

Die Raumfahrt auf den Kopf gestellt

Lukas Rietzschel, die Schauspieler Cornelia Werner und Swen Hönig und Rietzschels Gesprächspartner Cornelius Pollmer (v.l.n.r.) führten in Görlitz durch die Premierenlesung.

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Erst am Ende lüftete der agile Raumfahrer Rietzschel das Geheimnis, dass er hinter der Bühne die Lesung im Werk 1 manövrierte. Fotos: TSK

Mit seinem Erstlingsroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ hatte es Lukas Rietz-schel in die Bestsellerlisten geschafft. Die Aufarbeitung Ost setzt er nun mit „Raumfahrer“ fort. Für Ende Oktober verspricht der Lausitzer einen Zwischenstopp in Bautzen.

Bautzen. „95 Prozent der Lesungen fußen auf dem Konzept, dass ein Autor mit einem Glas Wasser vor dem Publikum sitzt“, landet Lukas Rietzschel den ersten Lacher bei der Premierenlesung seines neuen Romans „Raumfahrer“ im Werk 1 auf dem alten Görlitzer Waggonbaugelände. Und dies vor allem deswegen, weil Rietzschel diese Bemerkung skatspielenderweise im Gespräch mit Cornelius Pollmer, dem „Ostberichterstatter“ der Süddeutschen Zeitung fallen lässt, mit dem der 27-Jährige viele Generationserfahrungen eines Ostdeutschen teilt. Und zwar nicht auf der Bühne, sondern im Rahmen eines scheinbar eingespielten Schwarz-Weiß-Filmes, in dem Rietzschel und Pollmer weitläufig in zwei stilisierten Raumanzügen die Gedanken schweifen lassen und ob der Kluft mächtig schwitzen. Die Lesung dominieren nämlich vor der Leinwand auf der Bühne mit Cornelia Werner und Swen Hönig zwei Schauspieler, die szenisch aus Rietzschels neuem Roman lesen. Rietzschel selbst – so scheint es – ist gar nicht da. Als er auf der Leinwand bei einem Plausch beim Federballspiel mit Pollmer im Raumanzug über die Hitze klagt, dass nun endlich eine so etwa 15-minütige Pause nötig sei und die Besucher auf das Außengelände eilen, mutmaßen viele eher schmunzelnd als enttäuscht: „Der kommt heute gar nicht zu uns“.
Rietzschel hat damit die Idee einer Lesung im Grunde so auf den Kopf gestellt, wie es der weltbekannte, in Deutschbaselitz bei Kamenz geborene Maler Georg Baselitz es zur Marke gemacht hat, seine Gemälde stets auf den Kopf zu stellen. Rietzschel selbst ist im Deutschbaselitzer Nachbarort Räkelwitz zur Welt gekommen. Ist der Protagonist Jan in Rietzschels Roman „Raumfahrer“ mit Baselitz verwandt? Diese Frage führt im Romanverlauf zwei Stränge zusammen. Die von Baselitz und von Jans Familie, die stellvertretend für Biografien des Ostens aufgewickelt werden. Auf dem Klappentext heißt es, es gehe unter anderem „über Menschen, die nirgends so recht dazugehören, dass sie das Alte verloren haben und zum Neuen keinen Zugang finden, die in einem luftleeren Raum zwischen Gegenwart und Zukunft schweben, Raumfahrer sind“. Schwebenderweise sind auch Jans Eltern mit Narben durch die Wendejahre gekommen. 

Diese beobachtet er, um ihnen auf den Grund zu kommen. Und er fragt sich, hat das auch mit mir zu tun? „Es gibt einen Moment in dem Buch, da überkreuzen sich beide Familiengeschichten und dort kommt die Erkenntnis: Aha, vielleicht bin ich ein Raumfahrer wie die“, sagt der Autor im Gespräch mit dem Oberlausitzer Kurier.
Ihn leitet das Interesse der Nachgeboren, wobei Rietzschel hervorhebt, dass es ganz anders als bei der 68er-Generation sei. „68 – das war konfrontativ und zu Recht nachfragend. Das ist das Westbild, wie man mit einer anderen Generation umgeht“, erklärt der Autor. Aber ausgehend von 2014/15, also mit dem Aufkommen von Pegida, sei zu beobachten, dass aus der jungen Generation im Osten viele Bücher zur Ostidentität erläutern, dass hier eine Generation erst einmal zu „funktionieren“ hatte. 

„Das ist anders als 68, als Leute aus dem Krieg kamen und gleich in Institutionen drängten. Aber vielleicht nerven wir die Leute auch damit“, hängt er grübelnd über seinen Beitrag der Sicht des Ostens an. Auf der Leinwand hatte der Schwarz-Weiß-Rietzschel mit Helm schelmisch ausgeführt, dass ein guter Buchverkauf dazu beitragen könnte, 250.000 Euro zusammenzubekommen, um selbst ins All zu fliegen. 

Aber er stellt gegenüber unserer Zeitung klar: „Ich habe keine Sympathie für Milliardäre, die ihr Geld dafür rausschmeißen, so wie Amazon-Gründer Jeff Bezos.“ Eine Affinität zur Raumfahrt könne man aus dem Buchtitel jedenfalls nicht ableiten. Ein solcher Trugschluss kommt jedoch bei der Lesung auch niemals auf. Vielmehr versteht es Rietzschel – wie Pollmer auch – die Gedankenkraft in eine aussagestarke Sprache zu verwandeln, die in einem philosophischen Zirkel ebenso ihren Platz hätte, wie in einer Plauderei am Gartenzaun mit dem Nachbarn. 
Übrigens: Rietzschel und Pollmer erschienen in Görlitz kurz vor Ende dann doch noch im Raumanzug auf der Bühne. Ihre Schwarz-Weiß-Aufritte waren keine Einspielungen, sondern Live-Übertragungen vom Bereich hinter der Bühne.

Bei seinem Besuch im Bautzener Theater am 31. Oktober im Rahmen der Reihe „Lausitzer Literatur vorMittag“ geht es ab 11.00 Uhr weniger spektakulär zur Sache. „Lukas Rietzschel wird selbst aus seinem Roman vorlesen“, meinte die Sprecherin der Kultureinrichtung, Gabriele Suschke auf Anfrage. „Im Anschluss gibt es ein Zuschauergespräch mit dem preisgekrönten Autor, bei dem Fragen gestellt werden können.“ Karten sind schon jetzt unter Telefon (03591) 584-225 oder www.theater-bautzen.de erhältlich. 

Till Scholtz-Knobloch / Roland Kaiser / 28.09.2021

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Kommentare zum Artikel "Die Raumfahrt auf den Kopf gestellt"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Jürgen Hoppmann schrieb am

    Starautor Rietzel geht nach Hollywood, wir bleiben in Görlywood

    Dass die depressiv-verlogenen Dunkeldeutschland-Romane von Lukas Rietzschel https://lukasrietzschel.de/ in der Presse als »ostdeutsche Gegenwartsliteratur« promotete wird, mein eigener Roman jedoch von SZ-Chefredakteur Sebastian Beutler mit der Begründung »kein regionaler Bezug« mit Publikationssperre belegt ist, empört mich zutiefst. Anstatt verbittert zu implodieren, suche ich nach Unterstützern. Ohne Presse wären 15 Jahre Arbeit am Romanprojekt vergebens.

    Beim Endlektorat unterstützte mich der Rostocker Germanist Carsten Schmidt, über Berlin nach Görlitz gekommen. Seine Fachrezension zu Rietzschels Machwerk »Raumfahrer« (eine boshafte Verdrehung des Begriffs »Raumpioniere« junger innovativer Oberlausitzer https://www.raumpioniere-oberlausitz.de/) enthüllt gravierende Recherchefehler und mangelhafte literarische Qualität => https://www.feuilletonscout.com/raumfahrer-ein-klischee-universum-lukas-rietzschels-zweiter-roman/

    In allen führenden Leitmedien wird er als »Görlitzer Schriftsteller« bezeichnet. Sechs Jahre habe er hier gelebt, behauptet die SZ. Eine glatte Lüge: Viele Jahre war er in Kassel, residierte 2019/2020 im noblem Bayreuther Künstlerhaus »Villa Concordia«. Jetzt 2021/2022 tritt sein Stipendiat in der Villa Aurora in Hollywood an, via Promotion durch den Münchner DTV-Verlag. Trotzdem wird er von allen Leitmedien und vom MDR-Fernsehen als »Stimme Ostdeutschlands« zur hiesigen politischen Lage interviewt. Mit romantisch-depressivem Blick posiert er vor einem der letzten Görlitzer Schrotthäuser - kaum einer hat ihn je hier gesehen. Was Rietzschels Konzept für Literaturhaus in der hiesigen Synagoge betrifft? Ein Kölner hat die Immobilie günstig erworben. Die ehemals jüdischen Bethalle hat er zu seinen Privatgemächern umbauen lassen, Literaturlesungen: Ganz unten im dunklen, feuchten Garagenkeller.

    In keiner anderen Gegend Deutschland und sonst nirgends in der Welt würde, wie in Görlitz geschehen, ein literarischer Nestbeschmutzer, derart von Kulturservice, Stadtbibliothek und Comenius-Buchhandlung derart gehypt werden. Wem es nützt? Unternehmern, die Lohndumping in der Oberlausitz mit »rassischer Minderwertigkeit« legitimieren wollen, einer CDU/CSU, die Großinvestitionen wie das Nationale Wasserstoffzentrum hier nicht ansiedeln, obwohl die TU Cottbus führend in der Forschung ist, sondern einen Großteil der Mittel an Verkehrsminister Scheuers Wahlkreis Pfaffenhofen in Oberbayern vergeben, und einer Kunstmafia, die das Vier-Sparten-Theater Görlitz/Zittau abwickeln möchten, zur Abspielstätte Dresdner Schauspieler und Musiker herabstufen.

    Lukas Rietzschel, ein Nestbeschmutzer? Das geht nicht weit genug. Spätestens als in der Szenischen Lesung am 24. Juli 2021 seine Wortbilder deklamierten, als Dresdner Schauspieler deklamierten, ein Passant in Hoyerswerda sehe so aus, als ob er »mit einem Schwein an der Leine spazieren gehe«, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Dieser Schreiberling ist ein Rassist, der zum Bestsellerautor gehypt wird. Für mich gibt keine Juden in Deutschland, genauso wenig wie es Katholiken oder Muslime oder Westdeutsche bzw. Ostdeutsche in Deutschland gibt. Vielmehr gibt es Deutsche jüdischen, katholischen und muslimischen Glaubens, Deutsche in Ost- und Westdeutschland. Einen Teil unserer Bevölkerung mit herabsetzenden Wortbildern zu »Untermenschen« zu machen, das ist Volksverhetzung im Stil von Julius Streichers bayerischem Nazi-Hetzblatt »Der Stürmer«, das den Holocaust einleitete, und Tilo Sarrazins »Ständig neue kleine Kopftuchmädchen«. Genau wie Rietzschel spalten die Bestsellerautoren Streicher und Sarrazin die Bevölkerung, zum eigenen finanziellen Nutzen und dem Nutzen von Kreisen der Wirtschaft. Das Euroskeptiker und Rechtsradikale von Milliardären wie dem Degussa-Goldhändler Finck finanziert werden, haben FAZ und DIE ZEIT ausgiebig recherchiert.

    Welche Kreise den ach so unschuldigen Schriftsteller Rietzschel finanziert, der kaum je in Görlitz war und sich bald am Kalifornischen Sonnenstrand räkeln wird, bleibt zu eruieren => https://www.vatmh.org/de/stipendiaten-archiv.html?year=&category=&name=rietzschel&go=Filtern

    Neid? Sorry, aber wie man als seriöser Schriftsteller auf einen Schmierfinken sein, der mit »alternativen Fakten» Ostdeutsche als minderwertige Rasse darstellt?

    Mein eigener Roman? »Der Astrologe – eine gänzlich unwahre Geschichte«, 476 Seiten, spielt bei der Sächsischen Polizeiakademie Rothenburg/Oberlausitz, in Görlitz, in Dresden und vor dort aus in ganz Europa. Er ist witzig, er ist schräg, modern, keine Sekunde langweilig. Ich lebe wirklich hier, meine Unterstützer kommen ausschließlich aus der Region. Es gibt viel Ironie, aber keinen Hass auf Kosten von Minderheiten. Ein Dresdner Schauspieler, der seit vielen Jahren am Görlitzer Theater tätig ist, hat das 15-stündige Hörbuch eingesprochen. Einziges Manko: Da ich auf Hetze und Ossi-Bashing verzichte, habe ich kein Münchner Verlagshaus im Rücken, der mich nach Hollywood weglobt. Wozu auch? Wir sind Görlywood!

    Jürgen Hoppmann
    02826 Görlitz, Krischelstraße 13
    www.ArsAstrologica.com/thriller