Diese Tierfreunde sind „rinderverliebt“

Rinderglück bei den „Glücksrindern“: Zum Patentreffen werden sie von Mitgliedern des gleichnamigen Vereins, von Paten und Interessenten besucht. Da kann man schon mal an den Zaun kommen und sich die Streicheleinheiten abholen. Foto: Martin Hocher
2021 kaufte eine Gruppe Tierfreunde elf junge Rinder und rettete sie so vor dem Schlachter. Aus dieser Aktion entstand der Verein „Glücksrinder“ e. V., der nun in Kooperation mit einem Landwirt diese Tiere und drei weitere in einer Herde artgerecht hält. Ein Teil der Paten, die das finanzieren, besuchte Ende Juli seine Schützlinge gemeinsam mit den Vereinsmitgliedern auf der Weide.
Landkreis. Wo kommen denn auf einmal die ganzen Leute her? Eigentlich haben „Merle“, „Lotta“, „Pepe“ und die anderen Rinder mehr als genug Platz auf der 32 Hektar großen Wiese nahe Wittichenau. „Ich glaube, die Weide ist so groß, dass sie sie noch nie ganz abgegrast haben“, meint Vereinsmitglied Christiane Kubeja. Heute, am 26. Juli, jedoch stehen alle vierzehn „Glücksrinder“ vorn am Zaun und beobachten die Ankömmlinge: Neben Christiane Kubeja und weiteren Frauen und Männern vom Verein sind das diejenigen, die mit einer Patenschaft dafür sorgen, dass die Tiere unterhalten werden können, und solche, die das in Zukunft vielleicht tun möchten. Als ein Großteil der Autos neben der Weide geparkt, der Stand mit Infomaterial und das improvisierte Kuchenbuffet aufgebaut sind, trollen sich die Tiere wieder, um im hinteren Teil der Weide gemütlich zu grasen. „Einmal pro Jahr führen wir ein solches Patentreffen durch, bei dem Mitglieder, Paten und Interessenten ins Gespräch kommen und gemeinsam die Rinder auf der Weide besuchen können“, kommentiert Christiane Kubeja.
Den Paarhufern ging es nicht immer so gut wie jetzt: 2021 wollte ein Großharthauer seine private Rinderhaltung aufgeben. Elf noch sehr junge Tiere sollten zum Schlachter. „Wir, eine Gruppe von Freunden, die dem Tierschutz verbunden waren, kamen damals schnell überein: Das lassen wir nicht zu!“ erinnert sich Christiane Kubeja. Sie sprachen mit dem Landwirt. Der erlaubte, dass die Tierschützer ihm die Rinder abkauften – für 1.000 Euro pro Tier, zahlbar in Raten. Danach fanden sich sieben Gründungsmitglieder zum Verein „Glücksrinder“ e. V. zusammen, damit sie Spenden einwerben und so das Geld aufbringen konnten.
Der dauerhafte Unterhalt der Rinder – zu den elf kamen noch vier dazu, von denen eines, „Punky“, im letzten Jahr starb – ist über die Patenschaften gesichert. Mindestbetrag pro Monat sind fünf Euro. Jedes Tier habe mehrere Paten, die meisten seien vollumfänglich versorgt – aber noch nicht alle. „Unsere zutrauliche schokobraune Leitkuh „Angelika“, mit rund sechs Jahren das älteste Tier der Herde, hat beispielsweise sechs oder sieben davon, die sich in ihren Unterhalt teilen“, erzählt Christiane Kubeja.
Silke und ihre Familie geben seit 2022 im Jahr 300 Euro für „Flocke“, ein zurückhaltendes Tier, das sich nicht nach vorne drängt.
„Wir fanden sie mit ihren Sommersprossen auf der Nase so niedlich und wussten, dass sie bis dato noch keine Paten hatte“, sagt die Tierfreundin. Mit ein wenig Glück kann sie ihrem Schützling heute mal über die sommersprossige Nase streichen. Aus Versicherungsgründen dürfen die Paten die Tiere nur bei den Treffen gemeinsam mit den Mitgliedern besuchen. Deren gibt es jetzt 19.
Nach der Rettung im Jahr 2021 blieben die Rinder noch eine Weile in Großharthau. Dann stellte der Verein sie für einige Zeit bei einem Landwirt in Piskowitz unter. Laut Christiane Kubeja hat man nun in der Kooperation mit dem jetzigen Partner die Ideallösung gefunden: Im Winter stehen die Rinder in seinem geräumigen Stall in Commerau. Im Sommer grasen sie auf der Wiese. Der Landwirt kümmert sich um alles Praktische und bekommt dafür einen festen Betrag. Eine Rinderpatenschaft kostet pro Tier 100 bis 120 Euro im Monat plus eventuelle Tierarztkosten. Die Vereinsmitglieder sorgen für die Präsenz auf der Homepage und in den Sozialen Medien, erstellen Infomaterial und fahren auf Märkte, um sich bekannt zu machen und die Menschen zum Thema Tierschutz aufzuklären. Christiane Kubeja lobt, wie umsichtig der Bauer, der gerade mit einem Korb Semmeln und Möhren auf dem Weg zur Weide ist, mit den „Glücksrindern“ umgeht: Ochse „Dieter“ hatte sich kürzlich bei einem Konflikt mit „Carlino“ schlimm am Auge verletzt. „Unser Partner hat sofort den Tierarzt angerufen, „Dieter“ eingefangen und die Wunde erstversorgt.“ Tierarztkosten könnten in Zukunft eine Herausforderung werden, wenn die Tiere, die alle noch relativ jung sind, älter werden. Um dies überschaubar zu halten, soll die Herde so bleiben, wie sie ist. „Wir bekommen immer wieder Anfragen, ob wir Rinder aufnehmen, müssen aber ablehnen, da wir dem einzelnen Tier auch wirklich gerecht werden wollen.“
Die meisten Mitglieder motiviere, dass sie etwas für Rinder tun wollten, die als Nutztiere neben den klassischen Haustieren Hund oder Katze oft „durchs Raster fallen“, sagt Christiane Kubeja. „Ich glaube, wir sind einfach rinderverliebt. Für mich kann ich sagen: Wenn ich gestresst hier an der Weide ankomme, kann ich wieder durchatmen, wenn ich diesen ruhigen Wesen zuschaue.“ Mit Tieren umzugehen und sie zu schützen, prägt seit vielen Jahren die Existenz der gebürtigen Baden-Württembergerin, die jetzt in der Nähe von Bischofswerda wohnt. Dazu gehört für sie auch, sich vegan zu ernähren. Eine Lebensweise, die sie mit den anderen Vereinsmitgliedern inklusive Vorstand gemeinsam hat.