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Dorferleben zwischen Erinnerung und Wandel

Dorferleben zwischen Erinnerung und Wandel

18 Tafeln der Berthelsdorfer Ge(h)schichten zeigen mit viel Bildmaterial das alte Berthelsdorf. Foto: Bettina Hennig

Berthelsdorf. Seit einigen Jahren ist die Schule in Berthelsdorf schon geschlossen. Das einstige Schulgebäude beherbergt heute ein frisch saniertes Dorfgemeinschaftshaus mit vielfältiger Nutzung. Dieses Gebäude wurde erhalten. Von einigen anderen in Berthelsdorf kann man das leider nicht behaupten. Das Dorf hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Auch wenn der Ort ein idyllisches Ortsbild präsentiert, wurden einige Gebäude abgerissen oder mussten dem Verfall überlassen werden. Welchen Glanz sie früher einmal hatten, das weiß heute kaum noch jemand. 

Sonja Adler und der Verein Dorferleben e.V. Berthelsdorf, dem sie seit 2022 angehört, wollen das nicht hinnehmen. „Viele unserer vor allem jüngeren Einwohner wissen wenig über die Geschichte unseres Dorfes. Schule und oft auch Beruf finden meist außerhalb statt. Viele greifen in der Freizeit lieber zu digitalen Medien als zu einem Buch über Heimatgeschichte. Das war für uns der Anlass, den sprichwörtlichen Propheten zum Berg zu gehen zu lassen.“ Was sie damit meint: Der Verein bringt alte Geschichten und Geschichte mitten in den Ort zurück.

Seit 1993 beschäftigt sich Sonja Adler mit der Dorfchronik. Dabei hatte sie Unterstützung durch den ehemaligen Geschichtslehrer Joachim Löwe und Siegfried Kuchta, der im Ort der „fliegende Ortschronist“ genannt wurde. Mit der Kamera hielt der im letzten Jahr hundertjährig Verstorbene Momente des Dorflebens in Bildern und auf Video fest. Auch der ehemalige Bürgermeister Günter John erforschte die Ortschronik. Anlässlich der 700-Jahrfeier 2017 brachte der Berthelsdorfer Sven Scholz das Buch „Berthelsdorfer Ge(h)schichten“ heraus. Wenig später erinnerte eine private Initiative von Dr. Holger Roland, dessen Vorfahren die heute nicht mehr existierende Obermühle besaßen, mit einer Tafel an den ehemaligen Standort der Mühle.

„Mit dem Buch, den umfangreichen Fotosammlungen, der Schulausstellung und der Heimatausstellung der ehemaligen Berthelsdorfer Kreativgruppe, die der Verein Dorferleben e.V. Berthelsdorf übernommen hat, verfügte unser Verein über so viel Dorfgeschichte, dass unsere Archive überliefen und die spannenden Geschichten nach außen wollten. Inspiriert durch die Tafel an der Obermühle haben wir Fördermittel beantragt und einen Betrag von 7.500 Euro bewilligt bekommen“, freut sich Sonja Adler. Ein Produzent für weitere Tafeln und das Berthelsdorfer Autorenteam für die Inhalte wurden schnell gefunden. Die Kosten beliefen sich auf 15.000 Euro, die andere Hälfte des Betrags wurde vom Verein finanziert.

Seit Anfang Mai stehen an 18 Stellen im Ort nun Infotafeln, die über Vergessenes und Vergangenes berichten. Der Berthelsdorfer-Ge(h)schichten- Pfad ist etwa sieben Kilometer lang und kann problemlos mit dem Fahrrad befahren werden. Die meisten Tafeln kann man aber auch mit dem Auto erreichen, was vor allem ältere Menschen freuen dürfte. Mit vielen Bildern und wenig Text sind sie verständlich gestaltet. Innerhalb weniger Momente fühlt man sich an den kleinen Bahnhof der Schmalspurbahnlinie Herrnhut-Bernstadt zurückversetzt, in die Zeit als im „Stockhaus“ Trunkenbolde und kriminelle Taugenichtse Besserung gelobten oder in die Blütezeit der Webereien in der Oberlausitz. Für die ältere Generation sind es liebliche Erinnerungen. Bei Jüngeren oder Zugezogenen soll aus einer lebendigen Geschichte Verbundenheit mit dem Ort gefördert werden. Touristen der Region können mit den Tafeln in das historische Kultur- und Industriegut ihrer Urlaubsregion eintauchen. „Im Moment erinnert nur die Dorfgeschichte an die sage und schreibe 13 Gaststätten und Schankwirtschaften, die Berthelsdorf einmal hatte“, erzählt Sonja Adler, als sie auf das zugewucherte Areal einer ehemaligen Bäckerei in der Dorfmitte verweist. Auch diese ist verlassen. „Wer weiß, was die Zukunft bringt. Dinge ändern sich ja immer wieder“, lässt sie voller Heimatliebe verlauten.

Bis es vielleicht so weit ist, bleibt die Ortsgeschichte dank der Tafeln lebendig. Sogar für die digital geprägte Generation halten sie einiges bereit. Mittels QR-Code gelangen Besucher auf die Webseite der Ortsgeschichte, wo weiterführende Informationen zu finden sind. Diese werden vom Verein stetig erweitert. Zum Rundweg gibt es einen Flyer, der in örtlichen Stellen und Touristen-Informationen erhältlich ist. Auch an zentralen Tafeln, wie an der alten Schule sind sie zu finden. Das Projekt wurde durch die Leader Region Kottmar und die Stadt Herrnhut unterstützt und finanziert. Ebenso flossen dazu Mittel der EU.

Bettina Hennig / 16.06.2026

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