Eine kleine Geschichte des Tankens

Ulf Berger und seine Frau Antje in der alten Schmiede auf der Breiten Straße in Kamenz. Hier restauriert Berger Tanksäulen wie diese und stellt sie dann in seinem Tankstellenmuseum auf. Foto: Beate Diederichs
Ulf Berger betreibt in Kamenz ein Tankstellenmuseum: Er hat eine alte Shell-Tankstelle restauriert und sammelt und erneuert Tanksäulen, die aus der Zeit bis 1945 stammen. Alles ehrenamtlich und unterstützt von seiner Familie. „Ich staune immer wieder darüber, welche Vielfalt an Bauarten und Farben es bei Tanksäulen gibt“, sagt er
Kamenz. Wenn Ulf Berger an die Tankstelle denkt, die sein Großvater an der Breiten Straße in Kamenz betrieb, riecht er sie fast noch: die Abgase der knatternden Trabis, die aufgereiht auf ihr Benzin warteten. Wie die meisten Tankstellen in der DDR gehörte auch die kleine in Kamenz zu der staatseigenen Firma Minol. „Als 1982 eine größere und moderne Station in Wiesa eröffnet wurde, rentierte sich die Tankstelle meines Großvaters nicht mehr und wurde geschlossen“, erinnert sich Berger, der damals 14 Jahre alt war. Dabei hatte die Einrichtung eine interessante Geschichte: 1925 erhielt der Schmiedemeister Richard Feuchtemeyer die offizielle Erlaubnis, an der Breiten Straße die erste Tankstelle der Lessingstadt zu eröffnen. Zunächst stand dort nur eine Tanksäule. Mitte der 30-er Jahre errichtete man das Gebäude, das heute noch zu sehen ist. Nach dem Krieg konnte man dort zuerst Sprit von Shell tanken, was an der gelb-roten Gestaltung zu erkennen war, die das Markenzeichen des Konzerns ist. Nach der Schließung verfiel die Tankstelle zusehends.
Die Tanks hatte man schon 1990 entfernt. „1999 berieten wir in der Familie, was mit dem Gebäude geschehen sollte. Mein Opa, der damals schon sehr alt war, betonte: Solange ich lebe, bleibt es stehen!“ Ulf Berger, der bei seinem Großvater eine Ausbildung zum Schmied absolviert hatte, renovierte die Tankstelle. Eine Arbeit von mehreren Jahren, die nur mit Unterstützung seiner Frau Antje und zahlreicher Fachleute möglich war. Denn Berger konnte sich ihr erst nach Dienstschluss und ehrenamtlich widmen, führt er doch ein Metallbauunternehmen im Kamenzer Gewerbegebiet. „Einige derjenigen, die den Baufortschritt verfolgten, fragten mich damals, ob ich auch die Tanksäulen wieder aufstellen würde“, erzählt er.
Die beiden ursprünglichen waren bereits verschrottet. Aber Berger fand ein Paar ähnliche, die er später wiederum durch zwei ersetzte, die baugleich zu den Originalen waren. „So begann ich mich für Tanksäulen zu interessieren und nahm mir vor, von jedem Treibstoffunternehmen, das bis 1945 in Deutschland existierte, ein Exemplar zu beschaffen. Dabei staune ich immer wieder, welche Vielfalt es an Bauarten und Farben bei Tanksäulen gibt.“
Nach und nach füllten sich das Erdgeschoss des Bergerschen Wohnhauses neben der alten Tankstelle und die Werkstattscheune mit Exponaten. 40 bis 50 dürften es derzeit sein, schätzt der Museumsbetreiber. Etwa die Hälfte davon ist restauriert. Berger findet die Tanksäulen über Mund-zu-Mund-Propaganda, über Kleinanzeigen und über die Kontaktfunktion auf seiner Homepage. Daneben sammelt er alles, was die Geschichte des Tankens von den Anfängen an dokumentiert: Werbeschilder, Fotos, Firmenschreiben, Öldosen, Karten. „Diese Historie beginnt nicht mit dem Auto, sondern schon vorher, als man Petroleum zum Leuchten tankte“, erläutert der Kamenzer. Manche Anbieter verlangen Geld für die Gegenstände, andere nicht. Ulf Berger erinnert sich an einen Mann aus Bernsdorf, der ihm einst eine Tüte mit kleineren Exponaten und einem Erklärzettel an die Tür hängte. Die Tanksäulen selbst holt Berger jedoch meist vor Ort ab – ob sie nun zerlegt oder am Stück sind. „Einige Exemplare fehlen mir in meiner Sammlung noch – wie diese Säule der Firma Wiol, die wie ein Bohrturm aussieht“, sagt er und zeigt ein Foto mit dem seltenen Gegenstand.
Um die Tanksäulen zu restaurieren, bringt Ulf Berger sie in die ehemalige Schmiede auf seinem Grundstück, die nach wie vor voll eingerichtet ist. „Dort brauche ich dann zunächst zwei Sachen: einen Stuhl und ein Bier, um die Arbeit zu planen.“ Zunächst nimmt er das Stück auseinander, schaut, ob Teile fehlen und er sie aus seinem Fundus ersetzen kann. Manchmal muss er auch die Blechhülle reparieren oder einen Teil neu bauen. Am Ende wird gestrahlt, lackiert – und alles wieder zusammengesetzt. Zwischen 80 und 400 Stunden dauert dieser Prozess, mitunter über Jahre. „Und dann kommt noch die Herausforderung, einen Platz für das Stück zu finden. Denn in den Ausstellungsräumen wird es langsam eng.“ Ulf Berger kann als Ehrenamtler keine festen Öffnungszeiten anbieten. Doch auf Anfrage führt er, als Tankwart gekleidet, Gruppen von Interessierten durch sein Reich. Oft sind das Leute mit einem Bezug zu Autos und Motoren, aber nicht nur. Die Resonanz ist groß. „Ich mache diese Führungen sehr gerne und bereite mich gut darauf vor.“ Auch Besucher aus dem Ausland waren schon da, aus Tschechien, Polen, Frankreich, gar aus Mexiko und Südafrika. Berger hat recherchiert, wo es in Deutschland ähnliche Orte wie seinen gibt, und wurde nur bedingt fündig: Es existierten einzelne Sammler, fand er heraus, und ein weiteres Tankstellenmuseum in Borsdorf bei Leipzig. „Doch mein Konzept, bei dem die Tanksäulen im Mittelpunkt stehen, ist wohl mehr oder weniger einzigartig.“