Direkt zum Inhalt springen
Info & Kommentare

Jeder 5. ist weg: Was die Pendlerzahlen verraten

Jeder 5. ist weg: Was die Pendlerzahlen verraten

44.000 Menschen aus den Landkreisen Bautzen und Görlitz pendeln täglich aus Foto: ambrozinio; Adobe Stock

Bautzen/Görlitz. Stellen Sie sich vor, sie wohnen in Bautzen oder Görlitz, in einer der schönsten Gegenden des Landes. Aber Ihr Geld verdienen Sie in München, Hamburg oder Dresden. Klingt verrückt? Ist für Zehntausende in der Lausitz Alltag.
44.000 Menschen aus den Landkreisen Bautzen und Görlitz pendeln täglich aus. Das ist mehr als jeder fünfte Beschäftigte. Sie suchen Jobs, die es hier nicht gibt – oder die hier deutlich schlechter bezahlt werden. In manchen Berufen klafft eine Lohnlücke von bis zu 1.700 Euro im Monat.
Doch während die einen Richtung Westen oder in die Großstädte aufbrechen, bleiben andere zurück. Und mit ihnen ein Problem, das immer größer wird.

Die alarmierenden Zahlen der Jugend

Die aktuellen Arbeitsmarktzahlen für Februar zeichnen ein zwiespältiges Bild. Die Arbeitslosigkeit insgesamt ist leicht gesunken. Aber bei den Jugendlichen unter 25 Jahren gibt es einen Anstieg: plus 6,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Knapp 1.900 junge Menschen sind aktuell ohne Job. Und das Schlimmste: Drei Viertel von ihnen haben keinen Berufsabschluss.
„Es ist erschreckend, die Anzahl der arbeitslosen Jugendlichen ohne Berufsabschluss ist stetig steigend“, sagt Anna Metz, Geschäftsführerin Operativ der Agentur für Arbeit Bautzen, im Gespräch mit unserer Redaktion. Dabei seien es doch gerade die jungen Menschen, „die als Fachkräfte nachwachsen könnten, um so die Arbeitsplätze bei den Arbeitgebern, die Fachkräfte suchen, zu besetzen.“
Der Befund ist bitter: Die Gutqualifizierten gehen, die Ungelernten bleiben – und werden arbeitslos. „Das ist tatsächlich eine herausfordernde Situation“, räumt Metz ein. „Und wir können dem nur entgegensteuern, indem die jungen Menschen den Weg gehen, sich ausbilden zu lassen.“

Warum die Jugend keine Ausbildung macht

Doch genau hier scheitert es. Die Gründe sind vielfältig. Metz nennt einen ganz profanen: das schnelle Geld.
„Oftmals ist es halt einfacher, nach der Schule Helfertätigkeiten aufzunehmen. Das schnelle Geld lockt“, erklärt sie. „Die Ausbildung ist ein längerer Weg mit möglicherweise niedrigeren Ausbildungsgehältern, als jetzt, sage ich mal, Helferarbeiten, wo man auch in einem Monat paar tausend Euro bekommt, aber durch punktuelle, temporäre Arbeitseinsätze.“
Die Agentur für Arbeit versuche gegenzusteuern, mit Berufsorientierung in den Schulen, mit assistierter Ausbildung, mit Unterstützung, wenn es im Betrieb mal hakt. Doch die Erfolge bleiben aus. Die Situation hat sich sogar verschlimmert.
Auf die Frage, ob ein radikaleres Umdenken nötig sei – etwa eine Ausbildungspflicht nach österreichischem Vorbild, wo Jugendliche bis 18 entweder eine Schule besuchen, eine Lehre machen oder an einer berufsvorbereitenden Maßnahme teilnehmen müssen – reagiert Metz zurückhaltend. „Das ist ein sehr radikaler Ansatz aus meiner Sicht“, sagt sie. „Ich setze da auch mehr auf die Eigenmotivation, die Freiwilligkeit.“
Nur: Bei den Jugendlichen kommt das offenbar nicht an.

Die Pendler: 44.000 auf Achse

Während die einen keine Ausbildung finden oder wollen, sind die anderen längst weg. Die Pendlerzahlen sind stabil hoch: 44.000 Auspendler stehen etwa 34.000 Einpendler gegenüber – die meisten von ihnen kommen inzwischen aus Polen und Tschechien. Plus 63 Prozent seit 2018, fast 10.000 Menschen täglich.
Doch Metz warnt davor, sich darauf auszuruhen. „Der Arbeitsmarkt in Polen und Tschechien entwickelt sich sehr gut aktuell, sodass der Anreiz für polnische und tschechische Arbeitnehmer nicht mehr so hoch ist wie heute noch oder in den letzten Jahren, hier zu uns in die Lausitz zu kommen.“
Eine gefährliche Abhängigkeit, denn die Lücke, die die Auspendler reißen, ist riesig. Besonders schmerzhaft: Je höher die Qualifikation, desto höher die Lohnunterschiede – und desto größer der Drang weg. Ein Drittel der Spezialisten und Experten arbeitet außerhalb. Genau die Leute, die die Region für den Strukturwandel bräuchte.

Warum sie nicht wiederkommen

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat berechnet: Nur etwa zehn Prozent der Auspendler kämen überhaupt für eine Rückkehr infrage. Das sind 4.400 von 44.000. 
Das Potenzial, Auspendler tatsächlich zurückzuholen, ist aus Sicht der Arbeitsagentur überschaubar. Es beschränkt sich im Wesentlichen auf jene, bei denen der Lohnunterschied zwischen der Lausitz und dem Pendelziel so gering ist, dass er die Strapazen der täglichen Reise nicht mehr aufwiegt. Je weiter die Strecke und je kleiner die Lohndifferenz, desto eher denken Pendler darüber nach, ihren Arbeitsweg zu überdenken.
Doch in den meisten Fällen ist das Gegenteil der Fall. Bis zu 1.700 Euro mehr im Monat – dafür nehmen Pendler weite Strecken in Kauf. Appelle an die Heimatliebe? Nette Idee, aber wirkungslos. Metz räumt ein: „Solche Appelle führen wir ja regelmäßig durch“ – etwa mit Berufsrückkehrermessen zu Ostern und Weihnachten. „Aber das genügt nicht.“

Die paradoxe Stellenlage

Und dann ist da noch ein Widerspruch, den die aktuellen Zahlen offenbaren. Die Agentur für Arbeit meldet 4.100 freie Stellen – ein Plus von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Klingt nach einer guten Nachricht. Doch bei genauerem Hinsehen fällt auf: Die meisten Stellen gibt es in der Zeitarbeit. 1.060 Jobs – noch vor dem verarbeitenden Gewerbe und den Dienstleistungen.
Ist Zeitarbeit eine Chance oder ein Zeichen für eine prekäre Arbeitsmarktstruktur? „Ich würde fast sagen, sowohl als auch“, antwortet Metz. „Zeitarbeit bietet natürlich immer einen guten Einstieg, um erstmal Fuß zu fassen, um zu schauen, ist der Job was für mich, komme ich im Unternehmen klar? Und viele Zeitarbeitnehmer empfinden dann ja auch ihren Weg in die dauerhafte Beschäftigung des Unternehmens.“
Gleichzeitig sei die hohe Zahl an Zeitarbeitsstellen aber auch ein Indiz dafür, „dass die Unternehmen sich scheuen, langfristig zu binden und eben weniger Menschen einzustellen.“

Die große demografische Welle

Doch das eigentliche Problem kommt erst noch. 56.500 Beschäftigte gehen in den nächsten Jahren in Rente. Ein Viertel der Belegschaft. Allein mit den rund 20.000 Arbeitslosen in Ostsachsen ist diese Lücke nicht zu schließen – das weiß auch Metz.
„Wir müssen eigentlich im Dreiklang anpacken.“, beschreibt sie die Herausforderung. „Wir müssen die jungen Menschen bei uns halten. Wir müssen die vorhandenen Fachkräfte stärken durch Weiterentwicklung. 
Und wir müssen Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen, weiter zu uns zu kommen.“ Drei Baustellen – und keine davon ist einfach.

Uwe Tschirner / 23.03.2026

Schlagworte zum Artikel

Was sagen Sie zu dem Thema?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung

Die Mail-Adresse wird nur für Rückfragen verwendet und spätestens nach 14 Tagen gelöscht.

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, dass der angegebene Name, Ihre Email-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, von uns im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die Email-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder weiter gegeben. Weitere Informationen zum Datenschutz bei alles-lausitz.de finden Sie hier. Bitte lesen Sie unsere Netiquette.

Weitere aktuelle Artikel