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„Kamenz ist mit historisch 
wertvollen Orgeln gesegnet“

„Kamenz ist mit historisch 
wertvollen Orgeln gesegnet“

Am 21. September 2025 wurde die zweite neue gegossene Bronzeglocke für St. Marien geweiht. Dabei erklang eine Komposition des Kantors Michael Pöche, hier mit seiner Ehefrau Angelika: die „Kamenzer Glockensprüche“. Foto: privat

Seit 2001 war Michael Pöche als Kantor für alles zuständig, was in Kamenz mit Kirchenmusik zu tun hat. Nun geht er gemeinsam mit seiner Frau Angelika in den Ruhestand. Der Kantor wurde bei einem feierlichen Gottesdienst am 14. Dezember verabschiedet. 

Kamenz. Auf Tisch und Büfett im Wohnzimmer stehen die Geschenke dicht an dicht: Dankeskarten, Blumengestecke, Präsente. „Vor vier Tagen war der Abschiedsgottesdienst. Aber wir haben es noch nicht geschafft, alles anzuschauen und zu lesen“, erzählt Michael Pöche. Als er 2001 seinen Dienst als Kantor in Kamenz antrat, zog er mit seiner Frau Angelika in die Wohnung auf der Kirchstraße, unweit der Hauptkirche St. Marien. Nun ist es absehbar, dass das Ehepaar sie wieder verlässt: Die beiden haben für den Ruhestand ein neues Zuhause gefunden. In etwa einem halben Jahr planen sie, dort einzuziehen. „Mal sehen, wie wir es schaffen, hier alles hinauszuräumen, was sich in 24 Jahren angesammelt hat“, meint Angelika Pöche. Sie engagierte sich ehrenamtlich in der Kamenzer Kirchenmusik und beendet nun gemeinsam mit ihrem Mann den Dienst. Eventuell wird Pöches Nachfolger die Wohnung beziehen – der allerdings noch nicht gefunden ist. Was der scheidende Kantor beim Gottesdienst am 14. Dezember erlebte, hat ihn nach eigener Aussage tief bewegt. „Die Grußstunde danach musste vom Gemeindehaus in die Kirche verlegt werden, weil so viele Leute gekommen waren – darunter auch Vertreter meiner einstigen Gemeinde in Döbeln und ein ehemaliger Orgelschüler.“ Die musikalischen Kindergruppen der Kirchgemeinde schenkten Pöches einen selbstgebastelten Herrnhuter Stern. Dieser fand einen Ehrenplatz in der Wohnung. Der ehemalige Oberbürgermeister Roland Dantz und der aktuelle, Michael Preuß, würdigten Pöches Schaffen in einer Doppelrede. 

Dass Michael Pöche die Orgel als „sein“ Instrument auswählte, ergab sich – so berichtet er es. 1959 wurde er in Herrnhut geboren und wuchs in einem Pfarrhaus auf. Die Eltern ließen ihn und seinen Bruder bereits früh Klavier lernen. „Als ich dann mit zehn Jahren mit den Füßen von der Orgelbank den Boden erreichte, begann ich mich an diesem Instrument auszuprobieren. Später bekam ich Unterricht vom Herrnhuter Kantor.“ Pöche studierte Kirchenmusik in Dresden und Halle und wirkte von 1986 bis 2001 als Kantor in Döbeln. „Als solcher ist man für alles zuständig, was mit Kirchenmusik zu tun hat.“ Hier in der Kirchgemeinde Kamenz-Cunnersdorf heißt das: die Orgel bei Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen spielen, wie der sommerlichen Konzertreihe „Orgel punkt Fünf“. Die Hauptaufgabe des Kantors ist es jedoch, die verschiedenen Chorgruppen der Gemeinde zu leiten, von den Vorschulkindern, den „Marienspatzen“, über die Kurrende, den Chor der älteren Kinder, bis zum Kirchenchor, der Kantorei. Auch den Instrumentalkreisen stand Pöche vor: dem Musizierkreis, der Blockflöten zum Klingen bringt, dem Posaunenchor und dem „Collegium musicum“, einem eigenen kleinen Orchester der Kirchgemeinde. Das Komponieren gehört nicht automatisch zu den Aufgaben eines Kantors, sondern ergab sich in Kamenz aus den jeweiligen besonderen Anlässen. Während seines Kantorats schuf Michael Pöche insgesamt vier Stücke für die Stadt: unter anderem 2017 die „Kamenzer Reformationskantate“ zum 500. Geburtstag der Reformation. 

Was die Vielfalt an Orgeln in Kamenz angeht, konnte der Kantor immer aus dem Vollen schöpfen: „Die Stadt ist reich gesegnet mit historisch wertvollen und inzwischen gut restaurierten Instrumenten.“ In St. Marien erklingt die Walcker-Orgel, deren gründliche Überholung der Kantor in seinen ersten Kamenzer Jahren begleitete. Außerdem steht im Altarraum die älteste Orgel von Kamenz, ein kleines Instrument der Firma Kayser, das 1822 entstand. In St. Annen befindet sich mit der Mende-Orgel ein Instrument, dessen Klang als besonders schön gilt. Es wurde bereits 1994 saniert, in der Zeit von Pöches Vorgänger Christfried Baumann. St. Just schließlich, die äußerlich unauffällige Kirche am Fuße des Hutbergs, nennt eine Jehmlich-Orgel ihr Eigen. Neben den Orgelrestaurierungen fallen weitere Meilensteine in Pöches Epoche: 2011 wurde das Sakralmuseum in der Klosterkirche St. Annen eröffnet. So hat das Gebäude heute eine Doppelfunktion als geweihte Kirche und Museum. Über einen Gang ist es mit dem modernen Flachbau der Stadtinformation verbunden. „So konnte man die Klosterkirche erhalten.“ Dem fünfhundertsten Geburtstag des ehrwürdigen Hauses widmete der Kantor seine erste Komposition für die Lessingstadt: den „Kamenzer Sonnengesang“ nach Worten Franz von Assisis. Dass er seinen Dienst für die Kirchgemeinde mit dem Festjahr abschließen durfte, empfindet er als Privileg. Denn im Rahmen der Feierlichkeiten fand zum Beispiel ein großes Mendelssohn-Konzert mit der Neuen Lausitzer Philharmonie Görlitz statt. Innerhalb des „Glockenprojekts“ wurden zwei neue Glocken für St. Marien geweiht. Diese warten nun darauf, ihren Platz im Turm zu finden, nachdem die dortigen Bauarbeiten beendet sind.

Michael Pöche, der als Junge die Orgel liebgewann, wollte stets bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen die Begeisterung für die „Königin der Instrumente“ wecken. Den Jungen und Mädchen zeigte er sie gerne bei den regelmäßigen Schülerorgelführungen. „Ich demonstrierte ihnen, wie die Orgel aufgebaut ist und welche unterschiedlichen Arten von Pfeifen es gibt. Die älteren Kinder und Jugendlichen durften dann ihre Fitness beweisen, indem sie die Blasebälge traten oder sich an der Tastatur und dem Pedal ausprobierten.“ Erwachsene lernten das Instrument unter anderem bei Orgelführungen zum Tag des offenen Denkmals kennen. 

Dies wird alles zu den Aufgaben von Pöches Nachfolger gehören, wenn er gefunden ist. Das Ehepaar, das so stark in der Kamenzer Kirchenmusik aktiv war, wird sich in den kommenden Monaten zunächst darauf konzentrieren, sein neues Zuhause auf Vordermann zu bringen und den Umzug zu meistern. „Danach kann ich vielleicht ab und an Vertretungen übernehmen. Man wird sehen“, meint Michael Pöche. Doch dass er die Kamenzer Orgellandschaft für immer hinter sich lässt – das ist schwer vorstellbar.

Beate Diederichs / 12.01.2026

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