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Kontaktlos 100 Jahre Hockey zelebrieren

Kontaktlos 100 Jahre Hockey zelebrieren

Desinfektionsspray und große Sicherheitsabstände zwischen den Sportlern kennzeichnen den schwierigen Wiedereintritt in den Sport wie hier beim Hockeytraining der Jugend des Postsportvereins Görlitz auf der Eiswiese. Foto: Till Scholtz-Knobloch

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Trainer Stefan Gärtner konnte zum HCN-Training Montag nur drei Jungs der Jahrgänge 2009/2010 begrüßen. Foto: Scholtz-Knobloch

Die Pandemie hat den Sport im Würgegriff. Langsam hält dieser wieder Einzug. Auch der Hockeysport ist kalt erwischt worden – und das im Jubiläumsjahr. Denn sowohl in Niesky, als auch in Görlitz blickt man 2020 auf eine einhundertjährige Geschichte zurück. Und wie 1920, so gibt es auch jetzt wieder erste Gehversuche.

Görlitz/Niesky.
Immerhin 13 Kinder und damit fast die volle Besatzung stehen am Mittwoch vergangener Woche um 18.00 Uhr auf dem Kunstrasen der Eiswiese in Görlitz-Biesnitz und freuen sich nach vielen Wochen der Pandemiepause darauf, endlich wieder den Schläger schwingen zu dürfen.

Nachwuchtrainer David Ressel und Richard „Ricci“ Liska haben die Kinder des Postsportvereins in großen Abständen entlang der Mittellinie postiert und erläutern vom Mittelkreis laut, was nun alles in Sachen Distanz und Desinfektion zu beachten sei. Die Worte kommen aufgrund der Entfernung ganz Außen kaum an, doch in den folgenden 1 1/2 Stunden sieht man dennoch im Grunde keine gewagten Manöver der Spieler. Alle scheinen schon von zuhause auf die neue Situation vorbereitet worden zu sein.

Und so wird deutlich länger als sonst der Ball zielgenau zu Mannschaftskollegen geschoben und von diesen gestoppt. Bei verunglückten Bällen kommt es beim Holen kaum zu Annäherungen, bei denen man auf die Lippen beißen müsste.

Auch einige der Senioren haben sich nun am Spielfeldrand eingefunden. Robert Kretschmar berichtet: „Dienstlich passt das heute nicht mehr selbst zu starten, aber viele von uns sind auf spontane Verabredung per Whatsapp einfach mal runter zum Platz gefahren, damit wir uns absprechen, wie es nun auch bei uns weitergeht.“ Kretschmar schaut zum Nachwuchs und meint lakonisch: „Schieben und stoppen, damit können wir uns jetzt auch eine Weile beschäftigen.“ Immerhin könnte man ja auch vom Schusskreis den Torwart beschäftigen.

Schon tags zuvor hatte er seinen Sohn Luis ins Stadion der Freundschaft zum Fußballtraining bei Blau-Weiß Deutsch Ossig begleitet. „Die haben sich im Grunde auch nur ständig den Ball zugeschossen“, was die Freude an der Bewegung dennocheigentlich kaum geschmälert hätte.

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Die beiden gerade gegründeten Kontrahenten aus Görlitz und Niesky verabredeten sich als Nachbarn gleich zum Spiel. 1921 strahlten sie friedlich vereint in die Linse. Foto: HC Niesky 1920

Auch Trainer David Ressel schaut etwas skeptisch und bespricht sich noch während des Trainings mit Abteilungsleiter Bernd Hensel. „Es könnte sein, dass wir das Training vielleicht nur am Mittwoch, nicht aber wie sonst auch am Freitag anbieten. Das Mögliche ist für zwei Trainingstage dann vielleicht doch nicht genug“, meint Bernd Hensel und bestätigte diese Strategie auch mit einer Nachricht an diesem Dienstag an die Eltern. David Ressel zieht dennoch eine positive Bilanz: „Natürlich ist es langweiliger kontaktlos zu spielen, aber ich habe immer wieder gesehen, dass es für die Kinder doch ein Erlebnis war, dass sie sich überhaupt wieder bewegen konnten“.

Beim HC Niesky ist in der gleichen Altersklasse am Montag dieser Woche deutlich weniger los als einige Tage zuvor in Görlitz. Ganze drei Jungs sind hier erschienen und erwecken rein optisch eher den Eindruck, ein Vater sei mit seinen Söhnen unterwegs. Allerdings haben die Nieskyer im Hockey gegenüber der Kreisstadt traditionell die Nase vorn, sind keinem Mehrspartenverein angeschlossen und in den Altersklassen auch feiner aufgegliedert.

Eigentlich sollte nun alles auf ein großes Jubiläum zum 100. Geburtstag des Vereins hinauslaufen, das der Verein am 4. und 5. Juli auf dem Platz mit einem großen Festzelt feiern wollte. Nun muss der Verein umdenken, wie man das Jubiläum, dem sich der Niederschlesische Kurier noch genauer widmen wird, würdig begeht. Alternativen sind denkbar, da der genaue Gründungstag nicht überliefert ist und das ganze Jahr für ein Jubiläum daher quasi offensteht.

Unstrittig dürfte sein, dass sich die Görlitzer und Nieskyer Hockey-Enthusiasten 1920 gegenseitig befruchteten. Heute kaum bekannt ist, dass ein enormer Schub zum Sport an der frischen Luft Folge der Pandemie damals war. Die Spanische Grippe 1918-1920 hatte nicht vorwiegend Alte, sondern gerade junge Leute befallen, die nach Infektion und Schützengräben im Krieg nun in der Bewegung eine Befreiung suchte.

In Görlitz war Hockey schon seit dem 10. Mai 1914 bekannt, als Spieler aus Breslau und Dresden ihre Sportart beim Fußballpionier SC Preußen vorführten, der sich nach dem Krieg in STC umbenannte. Nachdem 1920 die Damen des SC Schlesien Breslau und des Akademischen Sportvereins Dresden in Görlitz aufeinandertrafen wurde am 30. Mai die STC-Hockey-Abteilung gebildet, die 1933 mit dem 1923 gegründeten „Görlitzer HC“ zum „SC Rot-Weiß Görlitz“ fusionierte. Eine große Zeit mit mehren schlesischen Meisterschaften auf dem östlich der Neiße gelegenen Schenkendorffplatz folgte. In der DDR ging es 1946 bei Energie und 1950 bei Motor mit dem Hockey weiter, ehe die Abteilung 1979 zur BSG Post wechselte. Vielleicht ist es auch den etwas verschwommenen Spuren geschuldet, dass man beim Post-SV an Jubiläumsfeierlichkeiten bislang nicht dachte. Aber eigentlich schreit eine 100-jährige Geschichte des Hockeys in der Region ja auch nach einem gemeinsamen Rückblick auf vermutlich gemeinsame Wurzeln.

Till Scholtz-Knobloch / 24.05.2020

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