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Michael Kretschmers Versprechen im neuen Risikogebiet

Michael Kretschmers Versprechen im neuen Risikogebiet

Ministerpräsident Michael Kretschmer mit Mund-Nasenschutz am 20. Oktober in Görlitz Foto: Matthias Wehnert

Der Landkreis Görlitz ist aufgrund stark ansteigender Infektionszahlen seit Montag offiziell ein Corona-Risikogebiet. Das hält den Ministerpräsidenten nicht davon ab, denen eine offene Debatte zu versprechen, die Gefahren von Covid 19 überschätzt sehen.

Landkreis Görlitz. Der Wert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gilt in den deutschen Landkreisen als maßgeblich für die weitere Corona-Strategie. Diese sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz bei Covid-19-Infektionen hat im Landkreis Görlitz nun die kritische Marke von 50 überschritten und erreichte am Mittwoch gar den Wert von 72,02. Aufgrund der Überschreitung der Grenze von 50 Fällen hat der Landkreis Görlitz weitere Anordnungen im Wege einer Allgemeinverfügung getroffen, die seit vergangenem Montag gelten. Die Allgemeinverfügung bestimmt u.a., dass Adressen von Besuchern von Gaststätten oder Sportveranstaltungen erfasst werden müssen, um Infektionsnachverfolgungen zu ermöglichen. Familienfeiern sind nur bis zu 25 Personen zulässig. Großveranstaltungen mit über 1.000 Besuchern sind gänzlich ausgeschlossen.

Bei einer Pressekonferenz im Landratsamt betonte Landrat Bernd Lange, dass mittlerweile 298 Kreisbedienstete ganz oder teilweise über Teams mit Sonderaufgaben um Coronabelangen betraut sind, während Dr. Ulrike Waegner-Voigt vom ärztlichen Dienst des Kreisgesundheitsamtes damit zu kämpfen hat, dass Laborkapazitäten bereits „an ihre Grenzen gehen.“ Bei den Infizierten gäbe es zwischen drei und 85 Kontaktpersonen, womit sich ein Teil des hohen Arbeitsaufkommens begründet.

Martina Weber, Zweite Beigeordnete und Sozialdezernentin, berichtete, dass allein am Freitag, dem 16. Oktober im Zusammenhang mit der Bund-Länder-Konferenz zur Pandemie 1.700 Anrufe mit Fragen zu Corona eingingen, ein Großteil konnte wegen der Kapazitäten nicht beantwortet werden. Nach ersten aufklärenden Presseberichten sei das Anruferaufkommen am Sonnabend dann bereits auf 129 Anrufe abgefallen, wobei nun 92% der Anrufer durchkamen.

Hinsichtlich der Unsicherheit im Zusammenhang mit Reisen, die man nach Möglichkeit natürlich unterlassen solle, führte der Landrat aus, dass man sich für einen eventuell erforderlichen Negativtest selbst an den Hausarzt wenden sollte. In der föderalen deutschen Struktur und regionalen Unterschieden sollte man die Unterkunft, die man aufsuchen wolle, vor Reiseantritt selbst anrufen, um Klarheit zu gewinnen. „Ich war kürzlich in einem Nettomarkt im Süden des Landkreises und habe dort gesehen, dass viele keinen Mund-Nasenschutz getragen haben“, klagte Bernd Lange, obwohl die Infektionen im Kreisgebiet nun eher im Oberland aufflammen. „Wenn ich jetzt den Ort nenne, bekomme ich eh wieder Ärger (...) Vielleicht liegt das ja auch daran, dass der Norden aus dem Frühjahr mit den Infektionsgeschehen in Priebus, Niesky und Weißwasser die Gefahrenlage stärker verinnerlicht hat“, so seine Mutmaßung. Nach der Pandemie würden aber sicher auch Kritiker damit kommen, dass er Rechnungsprüfer mit Arbeiten rund um Corona eingesetzt hätte.

Mittlerweile ist bekannt, dass Hotspots oft dort entstehen, wo inhäusig gesungen, Sport getrieben oder engagiert diskutiert wird – also dort, wo Aerosole durch starke Atemfrequenz angetrieben werden. Vor diesem Hintergrund wollte der Niederschlesische Kurier von Bernd Lange wissen, wieso in der Allgemeinverfügung wieder auf die Anzahl von sich treffenden Personen verwiesen wird, anstatt z.B. Gesang in geschlossenen Räumen auch bei kleineren Gruppen auf die rote Liste zu setzen. „In der DDR hat man auch z.B. das Singen des Schlesierlieds verboten, aber im Ernst, eine solche Prüfung würde noch stärker Denunziation befördern, denke ich“.
Gleichwohl warf Anja Pfalz vom Infektionsschutz im Kreisgesundheitsamt ein, würden „die meisten Infektionen im Landkreis Görlitz im Familien- und Freundeskreis“ ihre Ursache haben. Auf der Pressekonferenz wurde bekannt, dass es sich beim dem mittlerweile 26. Toten im Kreis im Zusammenhang der Pandemie um einen 91 Jahre alten Mann mit relevanter Vorerkrankung handelt.

Und so gibt das Profil der Opfer denen neues Futter, die das Ausmaß der Schwere der Pandemie in Zweifel ziehen. Teilnehmer der Görlitzer „Montagsspaziergänge“, die praktisch stille Demonstrationen darstellen, hatten Ministerpräsident Michael Kretschmer am Montag im Restaurant Patrizierhaus St. Johann in ein längeres Gespräch um Corona verwickelt, das als Youtube-Film unter dem Titel „Ministerpräsident Kretschmer lädt Görlitzer Corona-Kritiker ein!“ zu finden ist.

Mit seiner Geduldigkeit verschaffte sich Kretschmer Anerkennung unter den Kritikern und versprach sogar an einer Diskussion teilzunehmen, in der auch einmal Experten zu Wort kommen sollen, die Deutungen des für die Bundesregierung maßgeblichen Robert-Koch-Instituts in Zweifel ziehen wie die Mediziner Prof. Sucharit Bhakdi von der Uni Mainz oder Dr. Wolfgang Wodarg, MdB aus der SPD.

Kretschmer betonte hier wie auch noch einmal am Dienstag beim ersten Spatenstich für das neue Senckenberg-Gebäude in Görlitz, dass es sich so verhalte wie im Straßenverkehr: „Egal, ob der einzelne nun bestehende Regelungen teilt: Bei Rot bleibt man stehen, bei Grün darf man gehen“. Er sehe jedoch das Anliegen als berechtigt an, dass man die Gegenseite dennoch hören müsse und räumte damit gewissermaßen ein, dass dies häufig nicht geschehe. Allerdings nannte er die Kontrahenten vom Montag beim ersten Spatenstich für Senckenberg am Dienstag dann auch pauschal „Leugner und solche, die verharmlosen“. Mit ihm werde es jedoch auch in schwierigerer Lage keine Grenzschließungen mehr geben. „Wir behandeln unsere Nachbarn genau so wie Nachbarkreise in Deutschland auch“.

Die neue Allgemeinverfügung des Landkreises Görlitz finden Sie im Internet vollständig unter: coronavirus.landkreis.gr

Till Scholtz-Knobloch / 25.10.2020

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