Direkt zum Inhalt springen
Info & Kommentare

„Pantoffeleingang“ zu den Büchern

„Pantoffeleingang“ zu den Büchern

Die alte Kirchenbank symbolisiert, dass es im 17. Jahrhundert in Kamenz schon einmal eine Kooperation zwischen einer Schule und einer Bibliothek gab. An diese Tradition knüpfen das Lessing-Gymnasium und die Stadtbibliothek an. Hier haben stellvertretend dafür die Bibliothekarinnen Andrea Reimann und Marion Kutter sowie die Lehrer Jens Krüger und Matthias Rohrbach auf der Bank Platz genommen.

Seit 2022 sind das Lessing-Gymnasium und die Stadtbibliothek Kamenz in einem gemeinsamen Komplex untergebracht. Ideale Bedingungen für eine Zusammenarbeit, von der alle profitieren: Schüler, Lehrer und Bibliothekarinnen.

Kamenz. Die Kamenzer Stadtbibliothek bietet das, was man mit einer modernem Bücherei verbindet: klar geordnete Regale in hellen Räumen, digitale Recherche und Ausleihe, eine angenehme Atmosphäre und Rückzugsmöglichkeiten, wenn man ein Medium eingehender studieren will. Die antike Holzbank nahe dem Durchgang zur Schule scheint auf den ersten Blick nicht zum zeitgemäßen Ambiente zu passen. Auf den zweiten jedoch schon. „Sie stammt ursprünglich aus der St.-Annen-Kirche. Diese ging 1666 eine Symbiose mit dem benachbarten Lyzeum ein, ein Miteinander zum gegenseitigen Vorteil: Beide Einrichtungen nutzten die Schulbibliothek und machten sie auch der Öffentlichkeit zugänglich“, erzählt Marion Kutter, die Leiterin der Stadtbibliothek Kamenz. An diese Tradition knüpften die Stadtbibliothek und das Lessing-Gymnasium an, als sie 2022 in den gemeinsamen Komplex zwischen Haberkornstraße und Oststraße zogen. Schon vorher hatten die Einrichtungen bei einzelnen Projekten zusammengearbeitet. Ihre räumliche Getrenntheit setzte dem aber Grenzen. Die intensive Kooperation heute zeigt auch ein gutes Miteinander zwischen dem Landkreis Bautzen, der für die Schule zuständig ist, und der Stadt Kamenz. Die Bibliothek steht allen Kindern und ihren Bildungseinrichtungen offen, bietet allein dafür rund 100 Veranstaltungen pro Jahr. Doch die Beziehung zum Gymnasium ist nicht nur durch dessen Nähe besonders.

Seit gut vier Jahren laufen täglich zahlreiche Schüler und Lehrer von der Schule durch den Gang, der die beiden Gebäudeteile verbindet, in die Bibliothek – in Pausen, Freistunden, auch im Unterricht. „Wir haben ihn Pantoffeleingang genannt, weil man darüber bequem und trockenen Fußes von einem ins andere Haus gelangt“, sagt Marion Kutter. Andrea Reimann, die Jugend- und Schulbibliothekarin, nickt.

Dass durch internes Umordnen von Aufgaben ihre Stelle geschaffen wurde und neben die der Kinderbibliothekarin Sabine Haufe trat, zeigt, wie professionell die Bibliothek auf die Bedürfnisse der Schüler eingeht. Mit ihren Kolleginnen hat sie Angebote für die verschiedenen Altersstufen konzipiert, die sie regelmäßig durchführen: So lernen bereits die „Schnupper-Kinder“ die Bibliothek kennen, die vor ihrem Wechsel zur weiterführenden Schule mit ihren Eltern einen Blick hinter die Kulissen der entsprechenden Einrichtung werfen. In der fünften Klasse zeigt Andrea Reimann den kleinen Gymnasiasten dann detaillierter, wie die Bibliothek funktioniert. Ab der sechsten Klasse offeriert sie Rechercheseminare zu analogen und digitalen Medien. Beim jährlichen Buchsommer können Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 16 spannende neue Bücher lesen und dafür eine gute Note bekommen. Ab und an kommen Autoren von Literatur für junge Leser vorbei, um ihre Werke zu präsentieren. Auch die Jugendlichen der oberen Jahrgänge nutzen die Bibliothek oft. „Sie finden hier zum Beispiel die gedruckten Werke, die sie für die Jahresarbeit in Klasse zehn benötigen, oder Sekundärliteratur in der Kursstufe“, berichtet Lehrer Jens Krüger. Manchmal stellten sie dabei sogar fest, dass die Bibliothek vor Ort mehr bietet als das Internet, so beim Thema Regionalgeschichte, fügt Marion Kutter hinzu. „Unsere Institution wirkt dann auch als Türöffner für weitere Recherchen, zum Beispiel auf Infotafeln in der Stadt oder im Stadtarchiv.“ Marion Kutter weist auch auf die umfangreichen Datenbanken hin, deren Nutzungsrechte die Bibliothek kauft und die sie als seriöse Informationsquelle den Schülern ans Herz legt. Wer einen Bibo-Ausweis hat, kann sie von jedem Ort aus digital nutzen. „Einmal kam ein Schüler zu uns, der für eine schriftliche Arbeit die Bildungssysteme verschiedener Länder vergleichen sollte, und meinte, dafür gebe es gar keine Literatur. In einer der Datenbanken wurde er schnell fündig“, erzählt die Leiterin.

Schüler und Lehrer profitierten auf vielfältige Weise von der Kooperation mit der Bibliothek, betont Matthias Rohrbach, der stellvertretende Schulleiter. Die Kinder und Jugendlichen eigneten sich dort Fähigkeiten an, die die Lehrkräfte im Unterricht aus Kapazitätsgründen nicht immer zeitintensiv vermitteln könnten: Quellen sorgfältig zu prüfen, länger konzentriert zu arbeiten, Material vor Ort zu vergleichen. „Viele bereiten sich in der Bibliothek auch auf Prüfungen oder Klausuren vor, weil da Ruhe herrscht – außer in den Pausen natürlich“, ergänzt Jens Krüger. Marion Kutter lobt, dass durch die Zusammenarbeit die Nutzer- und Ausleihzahlen beträchtlich gewachsen seien. Durch das enge Miteinander mit den Schülern erführen die Bibliothekarinnen zudem schnell, welche Themen sie interessieren, und könnten dann gezielt Medien dazu anschaffen. 

Zum Miteinander gehört allerdings auch, dass die Buchexpertinnen nicht nur medienpädagogisch, sondern allgemeinpädagogisch tätig werden. „In gewisser Weise sind wir auch Erzieher.“ Die Bibliothekarinnen müssen immer wieder auf die Nutzungsregeln hinweisen und sie auch mal nachdrücklicher durchsetzen. So steht Andrea Reimann oft in den Pausen mit einem Beutel am „Pantoffeleingang“, in dem die Schüler die mitgebrachten Brotbüchsen deponieren müssen. Denn in der Bibo ist Essen verboten. Auch bei den Normen zur Computernutzung und zum Telefonieren gibt es teils Gesprächsbedarf. „Doch im Großen und Ganzen klappt alles, wenn sich die Regeln erst einmal etabliert haben“, sagt die Bibliothekarin. Und falls doch mal jemand aus dem Rahmen fällt, könne man sich an den verantwortlichen Klassenlehrer oder Fachlehrer wenden. Der Weg ist jedenfalls kurz. 

Foto: Beate Diederichs

Beate Diederichs / 28.09.2026

Schlagworte zum Artikel

Was sagen Sie zu dem Thema?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung

Die Mail-Adresse wird nur für Rückfragen verwendet und spätestens nach 14 Tagen gelöscht.

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, dass der angegebene Name, Ihre Email-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, von uns im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die Email-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder weiter gegeben. Weitere Informationen zum Datenschutz bei alles-lausitz.de finden Sie hier. Bitte lesen Sie unsere Netiquette.

Weitere aktuelle Artikel