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Smart und dennoch nicht ungestüm digital

Smart und dennoch nicht ungestüm digital

Informatiklehrer Robert Koegler vor der Oberschule Rauschwalde Foto: Till Scholtz-Knobloch

Die Oberschule Rauschwalde schreitet digital voran und ist erneut ausgezeichnet worden. Sie gehört nun zu etwa 150 digitalen Vorreiterschulen im Lande. Erfahrung paart sich mit der Reflexion, welche konventionellen Wege nicht zu verwerfen sind.

Görlitz.
Die Oberschule Rauschwalde in Görlitz zählt jetzt zu den „Smart Schools“ in Deutschland. Der Digitalverband Bitkom zeichnete die Einrichtung im Rahmen des bundesweiten Wettbewerbs 2026 aus und hat sie damit in ein Netzwerk über 150 digitaler Vorreiterschulen aufgenommen. Die Preisverleihung fand am 16. April in Berlin im Rahmen der „Smart Education Night“ statt, die Jury stand unter Leitung von Bundesbildungsministerin Karin Prien. Auch der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung Thomas Jarzombek nahm teil. Informatiklehrer Robert Koegler, der mit Schulsozialarbeiterin Cindy Hülle nach Berlin gereist war, suchte Gespräche aber anderweitig: „Das ist im Grunde eine Ebene zu hoch. Das hilft uns eigentlich nicht. Wenn wir etwas brauchen, dann brauchen wir Geld für Ausstattung und das ist ja Ländersache. Wichtiger war mir also mit anderen Schulen ins Gespräch zu kommen, die andere Erfahrungen einbringen und so mit anderen Ideen inspirieren.“

Ausschlaggebend für die Preisverleihung nach Rauschwalde ist nach Angaben aus dem Umfeld der Jury das pädagogische Konzept der Schule, das klassische Unterrichtsstrukturen mit Kooperationen aus der Wirtschaft und schulischer Sozialarbeit verbindet. Ein Schwerpunkt liegt auf praxisnaher digitaler Bildung: Im Informatikunterricht werden etwa Datenverarbeitung und Geschäftsmodelle großer Plattformen wie TikTok analysiert und kritisch eingeordnet, ergänzt durch Projekte zur Medienkompetenz und Resilienz im Umgang mit den digitalen Angeboten.

Die Schule arbeitet dabei mit externen Partnern wie einer IT-Praxisfirma zusammen und versteht digitale Bildung nicht als Einzelprojekt, sondern als integrierten Bestandteil des Schulalltags. Nach der Preisverleihung gab es ein weiteres Netzwerktreffen der „Smart Schools“ in Berlin. Für die Oberschule Rauschwalde ist es bereits die vierte bundesweite Auszeichnung seit 2024.

Der Niederschlesische Kurier war bei der Pressemitteilung zur Preisverleihung jedoch über die Triggerworte „Resilienz“ von Schülern gegenüber Medienangeboten und „Haltung“ nach dem aktuellen Skandal um die woke Politisierung von Schülern durch ein Projekt der Amadeu-Antonio-Stiftung in der Oberschule von Schleife im Landkreis Görlitz skeptisch und fragte bei der Oberschule Rauschwalde nach, wovor die Görlitzer Schüler denn im Rahmen des hiesigen Projektes überhaupt resilient (widerstandsfähig) werden sollen. Denn der zeitgeistliche Wortgebrauch lasse ja eventuell auf eine etwaige Delegitimierung alternativer Medien schließen.

Schulleiterin Winnie Scholz-Kunitz stellt klar, es gehe hier nur um die Datenschutzkompetenz, „keine Medienpolitik. Die Schüler analysieren App-Berechtigungen auf ihren eigenen Smartphones, werten BigData-Heatmaps aus und untersuchen, welche Daten TikTok über sie erhebt“, dies unter dem Projekttitel ’Du bist das Produkt’. Ziel sei also ein technisches Verständnis: Wer sammelt was, wozu, und was folgt daraus für mein Verhalten? „Welche Medien Schüler inhaltlich bevorzugen, ist nicht Gegenstand des Projekts. Das wäre auch nicht unsere Aufgabe.“ Die Schule arbeite im multiprofessionellen Team: Informatiklehrkraft, Schulsozialarbeit und unser IT-Kooperationspartner QESTIT Görlitz. QESTIT bringe als Wirtschaftspartner fachliche Expertise in den Informatikunterricht – als Zweitlehrer. Das schließe zudem Lücken, die der Lehrermangel reiße und verbinde Schule mit beruflicher Praxis. „Die Schulsozialarbeit begleitet, wo technische Aufklärung allein nicht reicht – das ist an jeder Schule nötig, bei uns aber fest ins Konzept eingebunden.“

Zur allgemeinen Einordnung der Sinnhaftigkeit des Projektes fragte die Redaktion des weiteren, ob Kreidetafeln an der Schule gänzlich verschwunden seien oder als Sicherheit im Zeichen der aufgrund der Energiewende zu erwartenden Blackouts noch in Reserve vorhanden sind. Dies auch vor dem Hintergrund, dass Schweden aufgrund sinkender Leseleistungen, Konzentrationsproblemen und wachsender Abhängigkeit von Bildschirmen – und nicht zuletzt in Erkenntnis, dass digitale Werkzeuge analoge Grundlagen nicht automatisch verbessern, sondern mitunter sogar verdrängen – den Weg der Digitaleuphorie verlassen hat. Winnie Scholz-Kunitz betont dazu: „Der Befund aus Schweden ist ernst zu nehmen und in unserem Kollegium bekannt. Digitale Werkzeuge ersetzen bei uns keine Grundlagen – sie ergänzen sie. Handschrift, analoge Textarbeit und Rechnen ohne Gerät sind fester Bestandteil des Unterrichts.“ Kreidetafeln seien aber zugunsten von Whiteboards ersetzt worden – „der Kreidestaub verträgt sich schlecht mit der Technik“, so die Schulleiterin. Und Informatiklehrer Robert Koegler führt aus: „Die Displays haben wir mit Flügeltüren beschaffen lassen: Zumachen, Stift nehmen, fertig. Kein Strom nötig, kein Bildschirm im Blickfeld. Digital Detox ist das nicht – aber es war eine bewusste Entscheidung, analoge Arbeit nicht aus dem Raum zu drängen. Unser Ansatz lautet: Verstehen vor Klicken. Im KI-Unterricht fragen wir zuerst, was ein Algorithmus tut – bevor Schüler ihn nutzen.“

Till Scholtz-Knobloch / 25.04.2026

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