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Nachruf: Tod eines ’Handlungs’-Reisenden

Nachruf: Tod eines ’Handlungs’-Reisenden

Im Winter und Frühjahr war Seeger im Stadtbild sofort an seiner orangefarbenen Jacke zu erkennen, zuletzt traf man ihn meist mit einem St.-Patricks-Day-Hut an. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Görlitz. Erst am 18. Dezember 2021 hatte der Niederschlesische Kurier in der Titelgeschichte „Klare Sicht auf die Wölkle und die Welt“ Behördenschreck Immanuel Joachim Seeger porträtiert. Der 60-jährige ohne festen Wohnsitz (behördlich OFW) führte seinen Kampf gegen Ämter – nachdem er letztes Jahr aus Bad Lippspringe bei Paderborn per Bahn nach Görlitz gekommen war – nun an der Neiße und sprengte bei vielen Menschen die üblichen Vorstellungen von einem Tippelbruder.

Obwohl er sich selbst keineswegs als obdachlos, sondern mal an der „oberen feuchten Wiese“, mal im „ordentlich finsteren Wald“ wohnhaft sah, konnte er ein erstaunliches Maß an Körperhygiene halten und hielt sich konsequent fern von Alkohol und anderen Drogen.

Als kulturbeflissener Mensch tauchte er gar überraschend im Anzug bei Kulturveranstaltungen auf und trieb dennoch mit vereinnahmender Diskussionsfreude viele zur Verzweiflung. Mit Gespür dafür, wer ohne Standesdünkel etwas Substanzielles zu sagen hat, verwickelte er immer mehr Menschen in Gespräche. Es entwickelte sich zur Nervenprobe, wenn der Schwabe noch „geschwind“ etwas loswerden und das Gespräch kein Ende mehr nehmen wollte. Denn es muss im Leben des Immanuel Joachim Seeger etwas gegen haben, das den Diplomingenieur im Telekommunikationswesen mit Top-Einkommmen aus der üblichen Bahn riss.

Elke Kany, eine langjährige Freundin aus Paderborn, die zur Bestattung von Immanuel Joachim Seeger anreisen möchte, berichtet dem Niederschlesien Kurier, dass den Verstorbenen ein Erlebnis besonders aufgewühlt habe. Er habe bei einer Behörde 5 Euro zahlen müssen und habe dies aus zahlreichen Kleingeldmünzen begleichen wollen. Die Beamtin habe in wegen des Klimpergeldes harsch des Raumes verwiesen! In Paderborn sei sein Markenzeichen eine edle Schiebermütze im Stile eines Seebärens im Hamburger Hafen gewesen.

Die Berichterstattung vom Dezember hauchte den im Stadtbild omnipräsenten und regelmäßigen Kirchgänger Mut und Selbstbewusstsein ein, was ihm auch leicht Gegnerschaft einbrachte. Elke Kany berichtet, dass er schon in Paderborn immer wieder Menschen zur Rede stellte, wenn diese z.B. Müll auf die Straße warfen, statt einen Mülleimer zu benutzen.

Trug eine solche Courage des stets Handelnden und nie etwas mit sich machen lassenden Schwaben möglicherweise gar zu seinem Tod bei? In Internetforen machte sein Tod am Mittwoch, dem 8. Juni, schnell die Runde – ein körperlicher Angriff auf ihn vor Pfingsten auf dem Lutherplatz sei ursächlich für Verletzungen am Kopf sowie innere Verletzungen.

Tatsache ist, dass Seeger – der Hilfe nicht annehmen wollte – kurz vor seinem Tod z.B. auf allen Vieren mit Schmerzen vor der Stadtmission in der Langenstraße krabbelte.

Auf Anfrage des Niederschlesischen Kuriers teilt Polizeisprecherin Anja Leuschner mit. „Zu den Umständen seines Todes hat die Kriminalpolizei ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die bisherigen Ermittlungen ergaben keine Hinweise darauf, dass der Mann Opfer einer Straftat wurde bzw. an deren Folgen verstorben ist. Aufgrund von Hinweisen zu einer möglichen Körperverletzung auf dem Lutherplatz zum Nachteil des Mannes ermittelt die Polizei ebenfalls. In diesem Zusammenhang wurde durch die Staatsanwaltschaft Görlitz eine Obduktion angeregt. Diese wird in den kommenden Tagen stattfinden. Die Ermittlungen laufen derzeit in alle Richtungen.“
Mit dieser Passage war auch der kundgetanen Verwunderung der Redaktion Wind aus dem Segel genommen: „Welchen Kriterien folgt die tägliche Auswahl der Polizeimeldungen, wenn vermeintliche Kapitalverbrechen oder zumindest Taten so tragischen Ausgangs nicht vorkommen? Wird aus diesem eventuellen Kommunikationsdefizit ein Überdenken der Kriterien erwachsen?“.

Speziell hierzu schrieb Anja Leuschner ferner: „Aus Respekt vor den zu schützenden Persönlichkeitsrechten der Verstorbenen vermeiden wir es, über nicht natürliche Todesfälle zu berichten. Dies gilt vor allem für Suizide, medizinisch bedingte Todesfälle und wenn die Umstände des Todes noch völlig ungeklärt sind.“
Görlitz hat ein Original und Maskottchen verloren, an den sich die Erinnerung aus nur etwas mehr als ein Jahr in Görlitz speist. Dabei hatte er genau hier seine Nischen gefunden. Seeger hatte das Zeug, dauerhaft ein wichtiger Indikator dafür zu sein, wo die Gesellschaft der Stadt versagt. Der Nachwelt bleiben in erster Linie Fragmente eines Zeugnisses, wie gefallene, aber nicht gebrochene Menschen wie Seeger auch öffentlicher Belustigung preisgegeben werden. Am 16. Januar 2016 sang er als Kandidat von „Deutschland sucht den Superstar“ zum wie ein Honigkuchenpferd grinsenden Dieter Bohlen gerichtet die eigene Lyrik: „Kommt herbei ihr lieben Leut’, Didis Endzeit/Erntzeit (?) feiern wir heut’. Vor vielen Jahr’n wurd’ der Didi geborn’. Er bringt viel Freude in die Welt – das ist sein Geld.“

Der Eigenbetrieb Städtischer Friedhof konnte der Redaktion zum Wochenbeginn noch keinen Bestattungstermin mitteilen.

Till Scholtz-Knobloch / 21.06.2022

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