Papierne Zeugen der Geschichte

Das Kreisarchiv Bautzen in Kamenz ist eine Fundgrube für papierene Zeitzeugen, die Geschichten erzählen.
Beim Tag der Archive zeigte das Kreisarchiv Kamenz einen Teil seiner Schätze. In der ehemaligen Schule lagern rund 3,2 Kilometer Akten. Trotz Digitalisierung wächst deren Bestand.
Kamenz. Eine Abstellkammer, darin nachlässig gestapelte Kartons mit alten Unterlagen, etikettiert ohne System. Einmal im Jahr kommt jemand herein, pustet den Staub weg und findet, was er sucht – oder auch nicht. Solche Archive gibt es. Und es gibt die professionell organisierten, wie das Kreisarchiv Bautzen in Kamenz. Seit 2009 lagern hier auf vier Etagen einer umgebauten Förderschule über drei Kilometer Akten, geordnet nach einem ausgeklügelten System und verzeichnet in den sogenannten Findbüchern. Damit die papierenen Zeugen der Geschichte nicht schimmeln oder verblassen, dürfen sie nur wenig Licht abbekommen und müssen bei einer bestimmten Temperatur und Luftfeuchte gelagert werden. Eine Kombination aus Rollschränken hilft, Platz in den Räumen zu sparen. Im Brandfall wird mit Gas gelöscht, damit an den Unterlagen möglichst wenig Schaden entsteht. „Man sieht: Ein Archiv sachgerecht zu betreiben, ist nicht ganz billig“, sagt Andreas Pietsch. Der Archivar gehört zum fünfköpfigen Team des Kreisarchivs. Heute, am 7. März, präsentiert das Team sein Haus zum Tag der Archive. Dieser findet seit 2001 deutschlandweit aller zwei Jahre immer am ersten März-Wochenende statt. „Damit soll die Arbeit der Archive mehr in den Fokus der Gesellschaft gerückt werden“, betont Pietsch. Das Kreisarchiv auf dem Jesauer Feldweg kann seinem Eindruck nach die Werbung gebrauchen: Denn nicht alle Einwohner des Landkreises wüssten, dass es eine solche Einrichtung in der Lessingstadt gibt. Beim Tag der Archive 2024 hätten immerhin zwischen 50 und 70 Besucher den Weg hierher gefunden. In diesem Jahr herrscht etwas weniger Andrang, schätzt Pietsch, was sicher auch mit dem frühlingshaften Wetter zusammenhängt. Bis zum Schluss um 16 Uhr ist aber noch Zeit. Unter anderem steht eine weitere Führung durch das Magazin auf dem Programm.
Um den Gästen zu zeigen, wie das Kreisarchiv arbeitet, setzt das Team bei der Veranstaltung drei Schwerpunkte: „Zum einen haben wir Material aufbereitet, das die Geschichte des Kinderlagers Bischofswerda nach 1945 illustriert“, berichtet Andreas Pietsch. Dort wurden Mädchen und Jungen aufgenommen, die ohne Eltern und andere Angehörige aus den damaligen Ostgebieten vertrieben worden waren. „Bis heute erkennen sich manchmal Besucher auf den Fotos aus dieser Zeit wieder. Das ist immer sehr bewegend“, erzählt der Archivar. Zum zweiten haben die Mitarbeiter historische Postkarten von Gebäuden und Bauunterlagen zusammengestellt. Zum dritten schuf die Auszubildende Celina Lehmann die kleine Dauerausstellung „Mehr als Papier – Der Arbeitsalltag im Archiv“. Eine Vitrine zeigt eine Auswahl der Medientypen, die man hier bearbeitet: neben Akten Disketten, CDs, USB-Sticks, Tonbänder, Karten, Pläne, Fotos, Postkarten, Mikrofilme und Zeitungen. Die Archivare nehmen ständig neues Material auf, das zu einem großen Teil nach wie vor in Papierform vorliegt, erfassen es und ordnen es ein. Daneben digitalisieren sie den Bestand weiter. Außerdem führen sie die Aufsicht über kleinere Archive, wie auf Gemeindeebene, und beraten die dortigen Mitarbeiter.
Im letzten Jahr hat das Kreisarchiv in Kamenz rund 900 Anfragen bekommen. Besonders ergiebig für die Recherche ist die Kreismeldekartei aus DDR-Zeiten, die das jeweilige Volkspolizei-Kreisamt geführt hat, so die Erfahrung von Andreas Pietsch. „Oft bitten uns Nachlassverwalter, die nach Todesfällen Angehörige suchen, dort Angaben zu den Personen herauszuziehen.“ Auch Familienforscher nutzen diese Materialien. Ortschronisten wiederum schauen gerne in die historischen Gemeindeunterlagen, um ihre Dorfgeschichte zu vervollständigen. Auch das älteste Dokument im Kreisarchiv Bautzen gehört in diese Kategorie: eine Steuerliste von 1579.