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„Viele möchten ihre eigene Tracht haben“

„Viele möchten ihre eigene Tracht haben“

Petra Kupke und Praktikantin Julia beim Knüpfen der Perlennetze, die zu vielen sorbischen Frauentrachten gehören. Dabei sind Geduld und Fingerspitzengefühl gefragt. Foto: Beate Diederichs

Seit 1993 schneidert Petra Kupke in ihrem Atelier in Räckelwitz sorbische Trachten. Jedes Stück ist ein Unikat. Ihre Arbeit ist nach wie vor sehr gefragt. „Zu DDR-Zeiten gab man die Trachten innerhalb der Familie weiter. Heute kaufen sich viele ihre eigene“, sagt sie. Dennoch fürchtet sie, dass zukünftig ein Teil der Kenntnisse des Schneiderhandwerks verloren gehen könnte. Denn es mangelt an Nachwuchs.

Räckelwitz. Nach den Feierlichkeiten von Weihnachten und dem Jahreswechsel nehmen zahlreiche Menschen den Januar als lang, dunkel und arm an Höhepunkten wahr. Doch für die sorbischen Kinder ist das anders: Am 25. Januar feiern sie die Vogelhochzeit. In der Region um Bautzen und Kamenz tragen die Mädchen dabei die Hochzeitstracht der katholischen Sorbinnen, an ihre kleinen Körper angepasst: lange schwarze Ärmel, weiße Schürze, grüne Bänder. Die Jungen sind mit schwarzem Frack und Zylinder ausstaffiert. „In den 90-er Jahren habe ich mehrere Kindergärten mit Trachten für ganze Hochzeitszüge ausgestattet“, erinnert sich Petra Kupke. Auch heute noch lege man den Grundstein dafür, dass die Kinder die Tracht lieben, im Kindergarten, fügt die Schneidermeisterin hinzu. Jetzt, im Oktober, habe sie bereits Aufträge für die Vogelhochzeit bekommen. Petra Kupke arbeitet im Rhythmus der Jahreshöhepunkte: Nach der Vogelhochzeit schneidert sie Trachten für Ostern, für die Erstkommunion und für Fronleichnam. Auch die Festtracht der erwachsenen katholischen Sorbinnen wird oft in Auftrag gegeben. Petra Kupke trägt sie bei besonderen Anlässen selbst. In ihrem Atelier in Räckelwitz zeigt sie an einer Trachtenpuppe, wie sie aussieht: eine weiße Bluse, ein schwarzes Mieder mit Rock und eine Schürze mit Blumenmuster in Rottönen.

Die Grundlagen des Handwerks lernte Petra Kupke von 1984 bis 1986 bei ihrer Ausbildung zur Bekleidungsfacharbeiterin im VEB Bekleidung Kamenz. 1990 wurde ihr dort wie vielen anderen gekündigt. Da war sie im siebenten Monat mit ihrer Tochter schwanger und baute gerade mit ihrem Mann ein Haus in Räckelwitz. „Schneiderin wollte ich seit der fünften Klasse werden. Also habe ich es dann mit Trachten probiert und mich hier selbstständig gemacht“, erzählt sie. Einen Großteil dessen, was sie heute beherrscht, schaute sie sich bei älteren Frauen aus der Umgebung ab. „Ich habe mich da reingefuchst und merkte schnell, dass ich eine Marktlücke entdeckt hatte.“ 2012 schloss sie ihren Meisterkurs ab. Arbeit war immer ausreichend da. Lange konnte Petra Kupke Mitarbeiterinnen beschäftigen und Lehrlinge ausbilden. Seit rund zwanzig Jahren ist sie Einzelkämpferin. „Genug zu tun ist nach wie vor. Aber die Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel der Mindestlohn, machen es sehr schwer, jemanden einzustellen.“ Viele Jahre hat sie ihre Fertigkeiten auch bei Kursen der Volkshochschule und bei Ganztagsangeboten an der lokalen Schule vermittelt. Beide waren sehr gefragt. Das schafft sie momentan aus Zeitgründen nicht. Problematisch ist: Das besondere Wissen darum, wie Trachten hergestellt und angelegt werden, wird hauptsächlich durch Mundpropaganda weitergegeben und ist nur in wenigen Büchern festgehalten. „Daher fürchte ich, dass diese Kenntnisse perspektivisch verloren gehen könnten.“ Auch sei es schwer, Nachwuchs zu finden, vor allem auch in der Region. Praktikantin Julia aus der Nähe von Pirna, die derzeit im Atelier mit Geduld und Fingerspitzengefühl Perlen für ein Netz aufreiht, absolviert eine schulische Schneiderausbildung in Kassel. Man merkt Petra Kupke die Freude an, die junge Frau anzuleiten. „Sie ist ein echtes Talent.“ Das Perlennetz, an dem Julia knüpft, wird eine Puppe in Brautjungferntracht zieren. Die Meisterin selbst gestaltet ein Modell von 1925 nach. Es soll in einigen Jahren an einer lebensgroßen Figurine im Sorbischen Museum Bautzen zu bewundern sein.

Hoffnungsvoll stimmt die Schneiderin, dass katholische wie evangelische Sorbinnen ihrem Eindruck nach bei Festen wieder verstärkt Tracht tragen. „In der DDR war das zwar auch so, aber damals gab man die Trachten innerhalb der Familie weiter. Heute sind das Geld und die Möglichkeit da, sich seine eigene Tracht anfertigen zu lassen.“ Die Fachfrau näht dabei am unteren Rand der langen Röcke, die typisch sind für die sorbische katholische Tracht, einen Stoffstreifen um – quasi als Reserve. Damit kann die Trägerin den Rock unkompliziert länger machen und so ihre persönliche Tracht über Jahre und Jahrzehnte behalten.

Seit 1993 fertigt Petra Kupke in ihrer Werkstatt Trachten und Festkleider, stattet Puppen mit Trachten aus und führt Änderungen durch. „Jedes Stück ist ein Unikat“, sagt sie. Ihre Waren wurden sogar an so entfernte Orte wie Norwegen oder Kanada geliefert. Denn es gibt in der Lausitz nur sehr wenige außer ihr, die diese Art der Trachtenherstellung beherrschen, die sehr aufwändig ist. Daher haben ihre Stücke auch einen gewissen Preis. 

Beate Diederichs / 31.10.2026

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