Görlitz heißt weniger Schein, mehr Direktheit

„Deutschlands bestes Theater“ wechselt in der Intendanz von Daniel Morgenroth (links) zu Philipp Bormann (rechts) Foto: Till Scholtz-Knobloch
Noch vor dem Via-Thea-Straßentheater hatte der designierte Intendant Philipp Bormann und die künstlerische Leitung des Gerhart-Hauptmann-Theaters die neue Spielzeit 2026/27 vorgestellt. Daniel Morgenroth blickt auf ein bestelltes Feld und will Ostexpertise nun im Westen einbringen.
Görlitz. Der Intendantenwechsel von Daniel Morgenroth zu Nachfolger Philipp Bormann scheint sich ganz geschmeidig zu vollziehen, haben beide doch eine lange vertrauensvolle Zusammenarbeit. Bormann betont im Sechs-Augen-Gespräch mit seinem Vorgänger und der Redaktion: „Ich finde hier ein gut bereitetes Feld vor. Und ich habe ja jetzt schon mehrmals gesagt, so einen bewussten Veränderungsprozess, den habe ich nicht vor. Das zeigt sich ja auch in dem Spielzeitheft. Die persönlichen Akzente werden jetzt Stück für Stück einfließen. Aber es sind ja ohnehin die Akzente eines ganzen Teams. Eine Veränderung gibt es im Tanztheater, die einfach mit dem neuen Direktor Wagner Moreira zusammenhängt.“
Im ersten von Philipp Bormann verantworten Programm 2026/27 lautet das Motto „Grenze Mensch“. Damit fragt das Theater nach den Grenzen, an die Menschen geraten und nach der Kraft, diese zu verschieben, zu überschreiten oder auch bewusst zu respektieren.

Das Programm der Würzburger Spielzeit 2026/27 am Mainfranken-Theater unter Intendant Daniel Morgenroth Foto: Till Scholtz-Knobloch
In einer Zeit, die von Digitalisierung, Beschleunigung und Überforderung geprägt ist, setze das Theater damit einen bewussten Kontrast: auf das analoge, unmittelbare Zusammenkommen von Menschen. Auf Dialog ohne Bildschirm.
In der Spielzeit 2026/27 stehen nun 31 Neuproduktionen in allen Sparten auf dem Programm. Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Konzert und Junges Theater nähern sich dem Spielzeitmotto mit unterschiedlichen Perspektiven:
Im Musiktheater begegnen sich große Oper, Operette und musikalische Experimente. Georges Bizets „Carmen“ eröffnet Anfang Oktober die Musiktheatersaison und erzählt von Liebe, Freiheit und gesellschaftlichen Grenzüberschreitungen, Alban Bergs „Wozzeck“ zeichnet im Frühjahr 2027 das erschütternde Porträt eines Menschen am Rand der Gesellschaft.
Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ verbindet antike Mythologie, Satire und Revue und will mit der deutschen Erstaufführung einer erst kürzlich wiederentdeckten Ballettmusik überraschen. Mit „Messeschlager Gisela“ zieht ab Juni Leipziger Messeflair in den Alten Schlachthof Görlitz ein. Die Uraufführung „Gaga in Görliwood“ führt im Januar mit Fantasie, Lausitzer Theaterwelt und großer Unterhaltung von Hollywood nach Görliwood.
Dem analogen Kulturfreund
Das Schauspiel richtet den Blick auf gesellschaftliche Systeme und persönliche Grenzerfahrungen. Dalton Trumbos „Johnny zieht in den Krieg“ erzählt ab Oktober von Isolation und den Grenzen menschlicher Wahrnehmung. In Erich Kästners „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ geraten Menschen zwischen gesellschaftlichen Umbrüchen und moralischer Orientierungslosigkeit ins Wanken. Mit Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick“ kehrt ab Juni eine der bekanntesten deutschen Komödien als Sommertheater auf den Marktplatz Zittau zurück. Zu den Uraufführungen der Spielzeit gehören „Worte machen“ von Sigrid Behrens, ein spielerisches Stück über Sprache, Schweigen, Stille und Verständigung sowie „Bäumels Tod oder Im Wald“ von Jaroslav Rudiš, der dem weiterblätternden Leser dieser Ausgabe weiter hinten noch herausragend begegnen wird – ein eigens für das Gerhart-Hauptmann-Theater geschriebenes Stück voll Poesie und skurrilem Humor über die Grenzen von Leben und Tod.
Die Tanzsparte erkundet die Grenzen zwischen Körper, Projektion und Bewegung. „Coppélia – Ein mechanischer Traum“ verbindet ab November die Tanzcompagnie mit der Neuen Lausitzer Philharmonie, Urban Dance und elektronischen Klangwelten. Mit „Welt Raum“ entsteht im Frühjahr 2027 ein intergalaktischer Tanzabend zwischen Popmusik, Kosmos und Bewegung.
Auch die Konzertsparte setzt Akzente zwischen Grenzerfahrung und musikalischer Entdeckung. Zugleich feiert die Neue Lausitzer Philharmonie ihr 30-jähriges Jubiläum. Die Philharmonischen Konzerte widmen sich Themen wie Schicksal, Reisen, Ländervielfalt oder Zukunftsfragen und schlagen musikalische Brücken zwischen Polen, Tschechien und Deutschland. Ergänzt wird das Programm durch die „Glanzlichter“, das Weihnachtskonzert sowie das Junge Konzert, das seit 15 Jahren Musik, Theater, Tanz und Fantasie für Kinder und Familien verbindet. Der Vorverkauf läuft bereits.
Doch welche Erinnerungen bleiben für den scheidenden Daniel Morgenroth? Er stellt auf diese Frage auch unter aktuellen Eindrücken des Via Theas und in Begeisterung für die Mitarbeiter exemplarisch fest: „Wenn der Nico Berger aus unserer Buchhaltung mit unseren Verwaltungsangestellten aus Lust und Laune in der Freizeit eine Via-Thea-App programmiert, dann sagt das viel aus und das zieht sich als Enthusiasmus durch die ganze Belegschaft durch.“
„Klare Leute mit sehr klaren Aussagen“
Auch die Charakteristika von Görlitz haben bei Daniel Morgenroth tiefe Spuren hinterlassen. Auch wenn es in Görlitz eine Tendenz dazu gebe, das Schlechte hervorzuheben, sei die Region in Summe mit all ihren Brüchen, durch ihre Transformationen, unglaublich spannend. „Die Menschen hier sind klare Leute mit sehr klaren Aussagen und Haltungen – weniger Schein mehr Direktheit!“ Seinen in Hildesheim geborenen Nachfolger Philipp Bormann attestiert er: „Er ist großartig kreativ, klug, humorvoll und vor allem so ein unglaubliches Arbeitstier dazu.“
Ostexpertise am Main
Daniel Morgenroth steht in seinem Arbeitszimmer auf und greift im Regal zum eben dem Programm, das er in der Spielzeit 2026/27 nun am Mainfranken-Theater in Würzburg als Intendant zu verantworten hat. Er blättert gezielt zu Seite 63: „Die Ossis kommen“, einem deutsch-deutschen „Mini-Festival in Zusammenarbeit mit dem Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau“. Die erworbene Ost-Expertise findet sich auf den weiteren Seiten mit dem beispielhaften Leben des Samuel W. von Lukas Rietzschel oder in Form der DDR-Betriebsfeier bei der „Straße der besten“ von Amina Gusner und Heiko Senst. Der neue Würzburger Intendant beschreibt die Programmübersicht vom Main mit den Worten: „Und wenn Sie hier gucken, finden Sie hier dieses schöne Ereignis, das ich in Würzburg angezettelt habe.“
Grit Lemke werde in Würzburg aus ’Kinder von Hoy’ – tief in der Lausitz, in Hoyerswerda verwurzelt, lesen. Es behandelt Themen, die weit über die Region hinausreichen: Industrialisierung, Strukturwandel, Identität, Verlust von Heimat, gesellschaftliche Umbrüche und die Frage, wie Erinnerungen entstehen. Auch eine Podiumsdiskussion zu Fragen des Ostens sei geplant. „Ich möchte einfach das, was ich hier in den letzten fünf Jahren mitgenommen und gelernt habe über deutsch-deutsche Verhältnisse, über Osten und Westen, mitnehmen und schauen, was passiert, wenn wir das im Westen zeigen.“
Das ist auch deswegen ein interessanter Vergleich, weil da noch eine besondere Erinnerung an Görlitz mitschwingen wird. „Was mir atmosphärisch bleibt, ist, dass in Görlitz so vieles wie im Brennglas noch schärfer erscheint als im Rest der Republik. Nach meiner Erfahrung fallen die Menschen hier weniger auf Bullshit herein. Man guckt sehr viel genauer hinter die Dinge“, so Daniel Morgenroth. Das klingt weiterhin nach guten Zeiten fürs Theater an der Lausitzer Neiße.