Mit dem Zelt gegen Krisen junger Leute

Thomas Herzer aus Görlitz arbeitet mit Jugendlichen, bei denen alle bisherigen Jugendhilfemaßnahmen versagt haben. Gerade ist er wieder mit einem Jugendlichen zu einer mehrmonatigen Wandertherapie aufgebrochen. Sinkende Temperaturen halten ihn nicht auf. Foto: privat
Wenn Thomas Herzer aus Görlitz sein Zelt, Schlafsack und weitere Campingausrüstung zusammenpackt, bereitet er sich nicht etwa auf einen Urlaub vor. Diese Dinge benötigt er für seinen Beruf. Er arbeitet in der Jugendhilfe mit Kindern und Jugendlichen, die durch herkömmliche pädagogische Angebote wie Wohngruppen, Pflegefamilien und punktuelle therapeutische Hilfen nicht mehr erreichbar sind.
Region. Meist gehen schwierige Familiengeschichten dem auffälligen Verhalten der Jugendlichen voraus. Sie werden als Systemsprenger bezeichnet. An diesem Punkt beginnt Thomas Herzer mit der individuellen Jugendarbeit.
Für etwa drei Monate begibt er sich mit seinem Schützling, der zwischen 13 und 17 Jahren alt ist, auf Wanderschaft in einer Eins-zu-eins-Betreuung. Je nach Jugendlichen und Dauer des Projekts werden schon mal locker 1.000 km Wegstrecke zurückgelegt. Anfang Oktober ist er erneut mit einem Jugendlichen aufgebrochen, bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr. Die Route führt vom Bodensee bis an Nord- oder Ostsee. Für den Jugendlichen ist die Teilnahme an solch einem Reiseprojekt freiwillig. Anders als sein Schützling weiß Thomas Herzer im Vorfeld genau, welche Aufgabe vor ihm liegt. „Die Arbeit innerhalb der Reiseprojekte ist eine ganz intensive Zeit. Jeder hat sein Zelt dabei, bis auf wenige Ausnahmen ist das Zelt unser Schlafplatz, wir versorgen uns selbst, ein Back-up gibt es nicht, nur wir und die Natur und das auch bei den nun fallenden Temperaturen“, erzählt er. Was für Außenstehende auf den ersten Blick wie ein großes Abenteuer aussieht, ist in Wirklichkeit therapeutische und pädagogische Arbeit. „Ich habe es mit Jugendlichen zu tun, die im permanenten Konflikt mit der Gesellschaft und den Normwerten stehen. Erfahrungen mit Drogen sind keine Seltenheit. Ihnen fällt schwer Grenzen und Regeln einzuhalten, mitunter auch die des Gesetzgebers. In den frühen Lebensphasen konnten sie durch schwierige Verhältnisse in den Herkunftsfamilien keinerlei Bindung und kein Vertrauen aufbauen.
In den meisten Fällen sind sie nicht beschulbar, das heißt die allgemeine Schulpflicht, die es in Deutschland gibt, ist auf diese Jugendlichen nicht mehr anwendbar.“
Mit Jugendlichen, die diesen Hintergrund haben, verbringt er während der Reise 24 Stunden, jeden Tag. Der Jugendliche lernt die Wechselbeziehung zwischen Ursache und Wirkung. Wenn ich einen Schlafplatz möchte, muss ich mein Zelt aufbauen. Wenn ich Durst habe, muss ich entweder Quellwasser aufbereiten oder einen Einkauf organisieren. Um meinen Hunger zu stillen, muss ich mir Essen zubereiten. Um fit für die nächste Etappe zu sein, muss meine Nahrung einen guten Nährwert haben. Auch den Umgang und den Wert von Geld lernt der Jugendliche. Es gibt ein Tagesbudget, welches das Notwendige abdeckt und sinnvoll für die Woche eingeteilt werden muss. Die Wanderrouten werden immer ein bis zwei Tage im Voraus geplant, dabei hat der Jugendliche ein Mitspracherecht, was natürlich die Motivation erhöht.
Draußen in der freien Natur gibt es kein Netz mehr wie zum Beispiel in Wohngruppen. Die Jugendlichen sind entkoppelt von allen Netzwerken, Freunden und Bekannten. Die Wanderung startet nicht am aktuellen Wohnort oder im Herkunftsgebiet, sondern in einer Region, die für den Jugendlichen mit keiner früheren Erfahrung in Verbindung steht. Gleiches gilt für die geplante Wanderroute. Ein Handy ist auf der Reise nicht erlaubt, ebenso wenig der Konsum von Alkohol oder Drogen. Das ist der therapeutische Ansatz. Ihre Probleme haben sie immer dabei, mit Thomas Herzer aber einen Betreuer an der Seite, der als Kommunikationspsychologe mit langer Erfahrung in der Jugendarbeit die Jugendlichen immer wieder auffangen kann. Für ihn bedeutet das, sehr viel aushalten zu können.
„Ich weiß natürlich, was mich auf den Reiseprojekten erwartet. Die Muster sind immer identisch. Am Anfang in der Kennenlernphase läuft alles noch recht harmonisch, wir nennen diese Phase ‚Honeymoon’. Der Jugendliche erzählt mir von seinen Interessen und Erwartungen. Nach etwa zwei Wochen fängt er dann an, mehr und mehr die Grenzen auszutesten. Oft geht das mit großen Wutausbrüchen, viel Frust oder persönlichen Beleidigungen einher, auch körperliche Angriffe waren schon dabei. Ich habe tatsächlich auch einen Security Kurs besucht, um auf alles gut vorbereitet zu sein und richtig reagieren kann. Aber diese Reibung und deren gute Auflösung schafft Entwicklung. Das Wichtigste ist, dass die Jugendlichen verstehen: Mein Handeln hat eine Konsequenz und trotzdem ist jemand an meiner Seite, auf den ich mich verlassen kann. Viele Jugendliche erleben das auf der Wanderreise zum ersten Mal in ihrem Leben“, berichtet Thomas Herzer.
Handeln hat Konsequenzen
„Während der Wanderzeit ist meine mentale Belastung natürlich hoch. Ich bin verantwortlich und muss 24 Stunden am Tag verfügbar sein. Meine körperliche Fitness muss ebenfalls stimmen. Wenn es um die Aufarbeitung der schwierigen Biografien der Jugendlichen geht, bin ich ein aktiver Teil und trotzdem muss ich mich von der emotionalen Ebene, die das mit sich bringt, abgrenzen. Für die Jugendlichen habe ich eine große Vorbildwirkung, für uns zählt allein das Zurechtfinden in der Natur. Während meines Einsatzes habe ich keine Pause, auch endet mein Arbeitstag nicht im Feierabend“, sagt er.
Und trotzdem ist es sein Traumberuf. Auf den Wanderprojekten kann er mit den Jugendlichen direkt in der jeweiligen Situation arbeiten. Diese Form der Jugendhilfe bewirkt bei den allermeisten nach den drei Monaten eine Veränderung. Allein dass sie durchgehalten und neue Fähigkeiten erworben haben, ist für diese Jugendlichen eine enorme Leistung. Viele haben das Gefühl, etwas erfolgreich zu Ende gebracht zu haben, das erste Mal im Leben. Sie lernen, ihre Umgebung und sich neu einzuordnen. Das hat einen positiven Einfluss auf den Selbstwert. Während dieser drei Monate erleben die Jugendlichen eine wirkliche Verbindung, die für sie äußerst einprägsam ist. „Unterwegs machen wir natürlich viele positive Erfahrungen, das können Beobachtungen in der Natur sein, aber auch Begegnungen mit Mitmenschen, die uns sehr bewegen. Wenn uns fremde Menschen zum Beispiel einladen, auf ihrem Grundstück das Zelt aufzubauen und uns mit einer Kleinigkeit bewirten, sind das für die Jugendlichen ganz wertvolle Erfahrungen.“ Einblicke in seine Arbeit gibt es auf Instagram unter gemeinsam.los.
Seit fünf Jahren arbeitet Thomas Herzer, der seine Ausbildung an der Hochschule Zittau/Görlitz absolviert hat, für verschiedene Träger in dieser Therapieform. In der ganzen Zeit gab es nur einen Abbruch der Reise. Wichtig ist es, die Jugendlichen nach dieser intensiven Reisezeit weiter passend zu begleiten, damit sie so wenig wie möglich in die alten Muster zurückfallen, denn die Gefahr, dass das passiert, ist sehr hoch. Daher möchte Thomas Herzer im Landkreis Görlitz gern einen eigenen Träger der individualpädagogischen Jugendhilfe aufbauen, der eine therapeutische Anschlussbetreuung und soziale Anbindung aus einer Hand anbieten kann. Die Fallzahlen der Jugendlichen steigen in Deutschland und leider ist die Entwicklung auch im Landkreis Görlitz abzulesen.