Wenn Verkehrsinfrastruktur Kulturerlebnisse verhagelt

Charlotte Ronas und Claudia Lüftenegger in Richard III. Das Argument einer reinen Frauenbesetzung war für andere Ensembles bei der Preisvergabe schwer zu schlagen. Foto: André Leischner
Letzte Woche war das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau Gastgeber des 13. Sächsischen Theatertreffens. 16 Bühnen aus Sachsen sowie angrenzenden Grenzregionen Polens und Tschechiens präsentierten 26 teils hochkarätige Vorstellungen. Aber die schlechte Infrastruktur bewies einmal mehr, dass in der Region nicht alles geht.
Görlitz. Bei dieser Fülle klassischer und zeitgenössischer Stücke fiel die Auswahl schwer, zumal Aufführungen zeitgleich in Görlitz und Zittau stattfanden. Meine Reise durch das Programm begann am 21. April in Zittau mit dem Rock- und Popmusical „Straße der Besten“. Das Stück nahm das Publikum mit auf eine typische DDR-Brigadefeier der 70er-Jahre, untermalt von den größten Hits dieser Dekade – eine gelungene Verknüpfung von Handlung und Musik.
Am Mittwoch zog es mich ins ausverkaufte Görlitzer Haus, wo Shakespeare mit „Richard III.“ lockte. Wer hier jedoch ein klassisches Shakespeare-Drama erwartete, wurde überrascht: Ein siebenköpfiges Frauenensemble aus Plauen interpretierte alle Männerrollen in einer turbulenten Groteske. Diese moderne Herangehensweise traf nicht jedermanns Geschmack.
Nach der Vorstellung fragte ich eine Gruppe Oberschüler nach ihren Eindrücken. Sie fanden das Stück prinzipiell gut, empfanden es aber streckenweise als langweilig wegen der langen Dialoge in altdeutscher Sprache. Ihre Meinung: Wenn schon modern, dann sollte alles – Sprache und Kostüme – konsequent modern sein. Bemerkenswert ist, dass die Jury ausgerechnet dieses Stück des Plauener Frauentheaters mit dem 1. Festivalpreis auszeichnete. 5.000 Euro, gestiftet von der Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien, gehen so an das Theater Plauen/Zwickau für das Stück unter Regie von Dirk Löschner. Die Jury hob eine geschlossene Konzeption und den präzisen Einsatz von Bühne, Kostüm und Puppenspiel hervor. Hervorgehoben wurde auch eine differenzierte Darstellung von Machtverhältnissen.
Als persönlichen Höhepunkt empfand ich die deutsch-polnische Gemeinschaftsproduktion der Theater Grünberg (Zielona Góra) und des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz: „Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben“ von Janosch. Auf der engen Zittauer Studiobühne spielte die Geschichte in einem hinterwäldlerischen, dreisprachigen Ort Oberschlesiens der 30er- und 40er-Jahre, den es heute so nicht mehr gibt.
Trotz der ernsten Zeit und schwierigen Lage agierten die vorwiegend jungen Schauspieler mit einer lockeren Leichtigkeit, in der das Zeitgeschehen nur am Rande durchklang – etwa mit der Bemerkung „Wenn der Jude geht, bekommen wir das ja günstiger…“. Die Mehrsprachigkeit im Stück faszinierte und schlug eine Brücke von der damaligen Zeit in unsere Gegenwart: Sie zeigte, dass Menschen auch mit mehreren Muttersprachen zusammen leben, lieben und streiten können.
Zusammenfassend war das 13. Sächsische Theatertreffen in Görlitz und Zittau ein voller Erfolg. Das nächste Treffen findet in Chemnitz statt. Als erste Einstimmung darauf kann man bereits vom 18. Juni bis 5. Juli das renommierte internationale Festival „Theater der Welt“ in Chemnitz besuchen. Aber ein zermürbendes Erlebnis 2026 gab es dann doch:
Zur Eröffnung des Theatertreffens war ich dank meines Theaterpasses mit dem ZVON nach Zittau angereist. Statt des Zuges verkehrte zwar ein Bus, aber ok. In seiner Eröffnungsrede hatte Intendant Daniel Morgenroth den Festivalpass hervorgehoben, der Gäste „bequem und kostenlos“ zu den Veranstaltungen bringe. Es regte sich lautstarker Unmut: Das stimme so nicht. Der Intendant und auch ich wunderte mich – schließlich war ich problemlos in Zittau angekommen.
Die Vorstellung endete um 21.30 Uhr. Laut Fahrplan sollte der letzte Zug – beziehungsweise der letzte Bus – um 22.03 Uhr ab Bahnhof fahren. Aber es war weit und breit kein Bus, keine Menschenseele unterwegs. Versteckt hinter dem regulären Fahrplan klemmte eine zerknüllte Fahrplanänderung: Der letzte Ersatzverkehr war demnach bereits um 21.40 Uhr abgefahren.
Es tauchte ein Dienstbus mit Mitarbeitern des ZVON auf. Ich fragte eine Mitarbeiterin, wie ich denn jetzt noch nach Görlitz käme. Sie trocken: „Gar nicht, nach 22.00 Uhr fährt hier nichts mehr. Nehmen Sie sich doch ein Taxi oder ein Hotelzimmer!“
Ich hinkte zur nächsten Tankstelle in der Hoffnung, dass dort vielleicht ein Lieferwagen oder ein Pkw Richtung Görlitz fahren würde. Der junge Tankwart schüttelte nur den Kopf. Die Zeiten, in denen abends noch Lieferfahrzeuge nach Görlitz fuhren, seien längst vorbei. Dann holte er sein Handy hervor und sagte: „Es gibt vielleicht noch eine Lösung. In einer halben Stunde fährt ein Zug nach Dresden. Wenn Sie sich beeilen, schaffen Sie den noch. Sie fahren dann bis Bischofswerda und warten dort etwa eine Stunde, bis der Trilex von Dresden nach Görlitz kommt.“ Ich erwischte den Zug tatsächlich.
In Bischofswerda meldeten sich schließlich Hunger und Durst. Am gegenüberliegenden Bahnsteig leuchtete ein prall gefüllter Automat mit Snacks und Getränken. Doch der Bahnsteig war zur Hälfte gesperrt, und genau hinter der festen Absperrung lachte mich der Automat unerreichbar an. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der Trilex aus Dresden. Als der Zug schließlich nachts in Görlitz einfuhr, eilten alle zum Hauptausgang – doch das Bahnhofsgebäude war verschlossen. Also wieder kehrtmachen und zum Südausgang marschieren. Statt rettender Taxis stand dort ein Polizeifahrzeug, das alle Aussteigenden mit Scheinwerfern voll ausleuchtete. Auf dem weiteren Weg vor der Brücke hielt ein Polizeitransporter, der uns abermals ausführlich ins Licht setzte. Da wusste ich: Jetzt bin ich wieder daheeme in Görlitz.