„Die Hälfte bleibt dauerhaft bei uns“

Früh übt sich: Beim Tomogara-Schnuppertraining sind bereits Kinder ab drei Jahren willkommen. Sie probieren dabei aus, ob sie ihr Herz für den Kampfsport entdecken können. Foto: Beate Diederichs
Sommerzeit – Ferienzeit. Oder Karate-Zeit? Im „Sport- und Freizeitzentrum Tomogara Ryu“ e. V. in Kamenz geht beides Hand in Hand. Wie jedes Jahr können sich derzeit Kinder ab drei Jahren in den Anfängergruppen ausprobieren. „Sie trainieren dabei gemeinsam mit den Mädchen und Jungen, die schon länger in diesen Gruppen sind, und entscheiden dann mit ihren Eltern, ob sie bei uns einsteigen wollen“, sagt Jan Geppert, Vereinsvorstand und Übungsleiter.
Kamenz. Die Fünf- und Sechsjährigen üben im Trainingsraum des „Tomogara“ die klassischen Beinbewegungen des Karate. Zwischen den weißen Anzügen ist der eine oder andere Farbtupfer zu sehen: Mädchen und Jungen, die noch nicht zur Anfängergruppe gehören und daher ihre normalen Sachen tragen, probieren beim Schnuppertraining aus, ob Karate etwas für sie sein könnte. Einige Eltern schauen zu. Während der Sommerferien kämen weniger Kinder aus der Anfängergruppe.
Daher könne sich der Übungsleiter verstärkt den drei oder vier Kleinen widmen, die sich zunächst einen Eindruck bilden wollen, erläutert Jan Geppert, Geschäftsführer des Vereins, Vorstand und erfahrener Übungsleiter. Das kostenlose und unverbindliche Schnupper-Angebot gibt es seit mindestens zwanzig Jahren. Es ist gestaffelt nach Altersgruppen. Schon Dreijährige können teilnehmen. „In den Ferien haben die Kinder Zeit, sich bei uns auszuprobieren. Idealerweise kommen sie drei oder vier Mal und schauen auch, ob sie einen Draht zu den Trainern finden“, betont Geppert. Oft melden sich die Jungen und Mädchen dann an, wenn sich im Herbst in der Schule alles eingespielt hat. „Rund die Hälfte bleibt dauerhaft bei uns“, berichtet der Vorstand.
Jan Geppert fragt oft die Eltern, warum sie ihre Kinder ermutigen, Karate oder einen anderen Kampfsport zu lernen. „Drei Gründe höre ich dann immer wieder: Der Sohn oder die Tochter soll sich verteidigen können. Er oder sie ist zu ruhig – oder zu aggressiv.“ Die Trainingsgruppen sind grundsätzlich für alle offen, die bereit sind, sich anzustrengen und am Ball zu bleiben. „Kampfsport kann jeder machen“, meint Geppert. In den Gruppen werden mindestens zehn Sprachen gesprochen – von Deutsch, natürlich, über Russisch, Spanisch bis zu Arabisch. „Wir betonen stets das Verbindende: den Sport. Reibereien gibt es kaum.“ Auch Kinder und Jugendliche mit Behinderungen sind dabei. Und wer glaubt, Kampfsport sei eine männliche Domäne, der irrt: Jan Geppert schätzt den Mädchenanteil auf rund 40 Prozent, Tendenz steigend. Generell sei der Konkurrenzdruck nicht so hoch wie beispielsweise im Fußball. Doch im direkten Kampf sieht man, wer siegt und wer unterliegt. Motivation entsteht auch dadurch, dass man gut genug sein will, um die Prüfung für einen bestimmten Anzug oder Gürtel zu schaffen.
Kampfsportarten wie Karate schulen den Menschen umfassend. Das weiß Jan Geppert aus langjähriger Erfahrung. „Was das Physische angeht, beinhalten sie ein Grundtraining für Muskulatur, Kondition, Reflexe und Koordination. Mental gesehen, fördern sie den Mut, sich mit jemandem auseinanderzusetzen, aber auch den Respekt vor der Verletzlichkeit des anderen.“ Scheinbar paradox: Allgemein verwundeten Kampfsportler ihr Gegenüber bei der Selbstverteidigung oder in realen Auseinandersetzungen selten gravierend – weil sie wüssten, wie sich Gewalt auswirkt, und weil sie etwaige Aggressionen bereits im Training abbauten.
Beim „Sport- und Freizeitzentrum Tomogara Ryu“ e. V. liegt der Fokus auf diesen Sportarten: Shotokan-Karate, Boxen, Kickboxen, Moderne Selbstverteidigung. Doch aus dem einstigen Karate-Verein ist seit der Wende ein überregionaler Mehrspartenverein geworden, der auch in Bischofswerda und Bautzen aktiv und mit rund 700 Mitgliedern plus Reha-Sportlern mittlerweile der fünftgrößte Sportverein des Landkreises ist. Nicht nur die Jüngsten sind hier präsent, sondern auch Ältere, zum Beispiel bei den Budo-Motion-Kursen, die Kampfsportelemente mit Gesundheitstraining verknüpfen. „Bei der Gymnastik haben wir sogar zwei Damen jenseits der 80. Sport hält eben jung“, sagt Jan Geppert.