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Ein Beruf, in dem man Geschichte lebt

Ein Beruf, in dem man Geschichte lebt

Die Archivare Anne Lehmann und Andreas Pietsch zeigen die Rollregale im Kreisarchiv Bautzen in Kamenz, wo sich unzählige Kartons mit Unterlagen stapeln. Foto: Beate Diederichs

Andreas Pietsch und seine Kolleginnen vom Kreisarchiv Bautzen in Kamenz pflegen den umfangreichen Aktenbestand der Einrichtung und machen ihn für Recherchen nutzbar. Archivar zu sein, ist für Pietsch eine „schwierige, aber sehr schöne Tätigkeit“. Dafür sollte man, sagt er, vor allem Interesse für Geschichte, Genauigkeit und Fingerspitzengefühl im Umgang mit den analogen und digitalen Unterlagen mitbringen.

Landkreis. Ein bleiches Wesen, das seine Arbeitstage in fensterlosen Räumen bei Kunstlicht verbringt und in Akten wühlt, bis es selbst vom Staub der alten Papiere über und über bedeckt ist. Ein sehr überzogenes und zudem unzutreffendes Klischee von dem, was ein Archivar tut. Die Aufgaben, die sein Beruf mit sich bringt, sind durchaus abwechslungsreich, betont Andreas Pietsch: Seine Kolleginnen und er bewerten die ankommenden Akten, erfassen sie und machen sie nutzbar. Bei Bedarf werten sie sie nach verschiedenen Aspekten aus oder recherchieren im Auftrag von Interessenten. Zudem beraten sie kleinere Archive oder andere öffentliche Einrichtungen dazu, wie sie ihre Beständen archivieren sollten. An ihrem Wirkungsort, dem Kreisarchiv Bautzen in Kamenz, sind die Beschäftigten derzeit zu viert: Andreas Pietsch, Anne Lehmann, die für das Bauarchiv zuständig ist, die Leiterin Annegret Jahn-Marx und die Auszubildende Celina Lehmann. Doch mit dieser kleinen Besetzung ist die Arbeit kaum zu schaffen, zumal ständig neue Akten ankommen und in den Räumen noch ein großer Altbestand aus DDR-Zeiten schlummert, dessen Inhalt nur in groben Zügen bekannt ist und der noch erschlossen werden müsste. 

Wie der große Schwung Akten von Finanzämtern, den das Kreisarchiv demnächst erwartet, stammt ein Großteil der eingehenden Unterlagen aus der Verwaltung und den nachgeordneten Einrichtungen des Landkreises Bautzen. Andreas Pietsch erläutert, wie man damit umgeht: Man müsse zunächst bewerten, ob sie „archivwürdig“ seien, was seiner Aussage nach nur bei drei bis fünf Prozent der Unterlagen der Fall ist. „Dazu gehören unter anderem Dokumente zu Entscheidungen des Kreistages, Personalunterlagen wichtiger Funktionsträger, ausgewählte Unterlagen aus dem Sozialbereich oder Bauakten.“ Der große Rest, darunter etwa Blitzerfotos und die Niederschriften von Schuleingangsuntersuchungen, werde nach Ablauf der Aufbewahrungsfristen vernichtet. Die analogen Akten bekommen im Aufnahmeraum des Archivs eine sogenannte Akzessionsnummer. Ihre Eckdaten erfasst man dann im archiveigenen IT-System „AUGIAS“. Falls sie in schlechtem physischen Zustand sind, werden sie professionell gereinigt. Eventuelle Metallteile entfernt man, damit sie das Papier nicht schädigen. Am Ende werden die analogen Unterlagen in säurefreien Einschlagmappen verstaut, denen man eine Signatur zuweist. Sie landen wiederum in Archivkartons, die in Rollregalen aufbewahrt werden. Über die Signatur sind sie dann im Rechner verzeichnet und leicht zu finden.
 
Stellt ein Nutzer eine Anfrage zu einer Akte, muss er das schriftlich tun – entweder per E-Mail oder über einen Nutzungsantrag vor Ort. „Anfragen kann grundsätzlich jeder Bürger“, unterstreicht Andreas Pietsch. Bezüglich der Bezahlung sind Ortschronisten eine Ausnahme: Sie können kostenfrei recherchieren oder Recherchen in Auftrag geben. Wenn Privatpersonen zur ihrer Familiengeschichte forschen möchten oder gewerbliche Erbenermittler Informationen benötigen, müssen sie dafür einen moderaten Betrag entrichten. Auch interne Anfragen gibt es, erzählt Pietsch, beispielsweise wenn das Landratsamt für eine Ausstellung ein historisches Foto eines jüngst verstorbenen Politikers braucht. Für Recherchen zu Personen sei die Kreismeldekartei aus DDR-Zeiten eine wahre Fundgrube. Darin sind nicht nur Namen, Adressen und Geburts- und Sterbedaten festgehalten, sondern auch so sensible Informationen wie die, ob der Betreffende einen Waffenschein besaß oder adoptiert war. „Deshalb ist es zwar problemlos möglich, seine eigene Karte anzuschauen. Recherchen in den Karten anderer Personen sind aber nur unter strengen Auflagen erlaubt.“ 

Das Wissen über ihre Tätigkeit haben sich Andreas Pietsch und seine Kolleginnen auf unterschiedlichen Wegen angeeignet: Anne Lehmann absolvierte eine Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste, Fachrichtung Archiv – ebenso, wie es die derzeitige Auszubildende Celina Lehmann tut. Andreas Pietsch hatte ursprünglich ein Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Literaturwissenschaft abgeschlossen und etablierte sich über Fort- und Weiterbildungen im Beruf. Zudem könne man einen Bachelor- oder Masterstudiengang an der Fachhochschule Potsdam in dieser Richtung aufnehmen oder an der Archivhochschule in Marburg studieren, sagt Pietsch. „Archivar zu sein, ist auf jeden Fall eine sehr schöne Tätigkeit, bei der man Geschichte lebt.“ Dennoch sei der Beruf in vielerlei Hinsicht herausfordernd: Man sollte an Historie interessiert sein, genau arbeiten, eine gewisse IT-Affinität für die digitalen Prozesse in der Verwaltung besitzen, aber auch Fingerspitzengefühl mitbringen im Umgang mit alten Unterlagen, die dünn oder brüchig sein können. „Unser Beruf läuft derzeit ein wenig unter dem Radar, obwohl er doch so vielfältig ist. Wäre er bekannter, dann würden sich vielleicht auch mehr Jugendliche dafür entscheiden, die Archivwelt kennen zu lernen“, sagt Andreas Pietsch.

Beate Diederichs / 06.05.2026

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