Händler kämpfen gegen Ladendiebstahl

Ob Supermärkte, Einzel- oder der Fachhandel: Geschäfte erleiden hohe Verluste durch Diebstähle- auch in der Oberlausitz. Foto: Matthias Wehnert
Ladendiebstähle in Deutschland boomen und können für Händler existenzgefährdend sein – auch in unserer Region. Steffen Linke befragte dazu David Tobias, den Geschäftsführer des Handelsverbandes Sachsen e.V.
Herr Tobias, wie viel Waren im Wert von circa wie viel Euro werden jährlich im Einzelhandel deutschlandweit und speziell in Sachsen geklaut?
David Tobias: Das EHI Retail Institute ermittelte für 2024 einen deutschlandweiten Inventurschaden in Höhe von knapp fünf Milliarden Euro. Für Sachsen beträgt der Verlust über 225 Millionen Euro. Damit sind die Inventurdifferenzen im Vergleich zum Vorjahr erneut gestiegen.
Inwieweit gibt es dabei eine Dunkelziffer? Sprich: Wie viele Ladendiebstähle bleiben unentdeckt?
David Tobias: Es ist davon auszugehen, dass rund 98 Prozent der Diebstähle nicht direkt erkannt und somit nicht angezeigt werden. Hinzu kommt eine gewisse Anzeigemüdigkeit infolge mangelhafter Strafverfolgung. Das heißt, immer mehr Unternehmen resignieren und zeigen nicht mehr alle erkannten Fälle an.
Wer kommt denn als typischer Ladendieb in Frage – Menschen mit wenig Geld, Drogenabhängige oder organisierte Banden...?
David Tobias: Ladendiebstähle werden immer häufiger organisiert begangen – entweder als beauftragte Einzeltäter oder in Gruppen mit gezielter Aufgabenverteilung. Laut der aktuellen Händlerbefragung geht rund ein Drittel des Gesamtschadens auf das Konto solcher Tätergruppen. Für den Handel ist es nahezu unmöglich, diese Taten zu erkennen, zu dokumentieren und Tatverdächtige aus den Gruppen zu überführen. Die größte Herausforderung besteht darin, den zunehmenden Bandendiebstählen in organisierter und gewerbsmäßiger Form in den Geschäften und in der Logistikkette gerecht zu werden. Viele Einzelhändler sind sich sicher, dass der organisierte Diebstahl immer professioneller und weiter zunehmen wird.
Welche Artikel stehen denn oben auf der Liste der Ladendiebstähle?
David Tobias: Dies lässt sich nicht pauschal sagen und hängt von der jeweiligen Branche ab.
Grundsätzlich haben die Diebstähle sowohl im Food- als auch im Non-Food Bereich zugenommen.
Im Fokus stehen unter anderem Kaffee, Spirituosen, Tabak, Kosmetik, Elektronik- und Sportartikel, Markenprodukte usw..
Nach welchem Muster gehen Ladendiebe erfahrungsgemäß vor?
David Tobias: Hierzu liegen uns keine generellen Informationen vor. Für gewerbsmäßig organisierte Bandendiebstähle lässt sich aber eine gezielte Aufgabenverteilung ausmachen: Das Verkaufspersonal wird demnach beobachtet, abgelenkt oder abschirmt, Diebesgut in „Depots“ zusammengestellt, abgegriffen und eingesteckt. Die Ware wird aus dem Geschäft getragen und der Fluchtweg gesichert.
Können Ladendiebstähle die Existenz der Händler gefährden?
David Tobias: Ladendiebstahl trifft die Händler direkt im Gewinn.
Die gestohlene Ware ist bezahlt, kann aber nicht verkauft werden.
Bei niedrigen Margen sind enorme Mehrumsätze nötig, um dies zu kompensieren. Der Ladendiebstahl ist nicht die alleinige Herausforderung, entwickelt sich jedoch im Zusammenspiel mit Inflation, Mieten und Kostendruck zum kritischen Faktor.
Wie können sich Händler vor Ladendiebstählen schützen?
David Tobias: Der Handel gibt im Durchschnitt aller Branchen aktuell etwa 0,33 Prozent seines Umsatzes für Sicherheitsmaßnahmen aus. Dazu zählen externe Maßnahmen wie Kosten für Artikelsicherung, Kameraüberwachung, Detektiveinsätze, Testkäufe, Schulungsmaßnahmen und sonstige Sicherheitsmaßnahmen wie beispielsweise diebstahlhemmende Verkaufsträger oder Software-Analysetools zur Datenauswertung.
Aber auch interne Maßnahmen wie zum Beispiel das Anbringen und Deaktivieren bzw. Entsichern von Warensicherungen, Bestandskontrollen, interne Schulungen, Datenanalysen und Kameraüberwachung etc. kommen hinzu.
Die Schulung des Personals hinsichtlich Erhöhung der Aufmerksamkeit hat nach wie vor mit Abstand die höchste Priorität, gefolgt von dem Ausbau der Kamera- und Videotechnik.
