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Schulischer Abstand und kein Ende in Sicht

Schulischer Abstand und kein Ende in Sicht

In Tagen wie diesen müssen sich Schüler mit großem Abstand zum Singen beim Schulabschluss versammeln – hier am Görlitzer Curie-Gymnasium auf dem Wilhelmsplatz. Foto: Till Scholtz-Knobloch

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Eine neue Ära beginnt. Die Waldorfschüler nehmen ihre neue Schule am Güterbahnhof in Beschlag. Foto: Matthias Wehnert

Ein im Zeichen der Pandemie stehendes Schuljahr ist zu Ende gegangen. Im Joliot-Curie-Gymnasium Görlitz nahm man die lange Trennung der Schüler zum Anlass für einen öffentlichen Schulabschluss mit großem Abstand auf dem Wilhelmsplatz. Zeitgleich zogen die Waldorfschüler über diesen zu ihren neuen Standort im Güterbahnhof.

Görlitz. „Ich wart’ seit Wochen auf diesen Tag, und tanz’ vor Freude auf dem Wilhelmsplatz. Als wär’s ein Rhythmus, als gäb’s ein Lied – das mich ohne Corona durch Görlitz zieht. Komm dir entgegen, dich abzuhol’n, wie ausgemacht ... Es ist jetzt leise, so eine Sch... wie ihr mir fehlt. Dass die andern warten, um mit mir zu starten, in die Schule zu geh’n.“, erklingt es aus den Kehlen der Sextaner bis Oberprimaner des Jolit-Curie-Gymnasiums über den Wilhelmsplatz, um im Refrain zu münden: „In Krisen wie diesen. Wünschen wir uns Endlichkeit. In Krisen wie diesen. Hätt ich für Schule ewig Zeit. Wünschen wir uns Endlichkeit.“

Rektor Wolfgang Mayer erläutert: „Unsere Philosophie war, dass die Schüler noch ein Gemeinschaftserlebnis haben und sich wenigstens zum Abschluss alle sehen. Durch das Schichtsystem war das ja gar nicht möglich. Viele haben sich im gesamten Klassenverband die letzten Wochen also gar nicht gesehen“. Und so ist der, aufgrund einer Versammlungsvermeidung öffentlich gar nicht angekündigte musikalische Genuss nur ein Erlebnis für Schüler und Lehrer selbst sowie wenige Zufallspassanten, die zudem die Ehrung der erfolgreichsten Schüler auf dem Platz erleben. Die Zeugnisvergabe an diesem Freitag fand dann jedoch im Rahmen der einzelnen Klassen statt.
Den Text, der in Gemeinschaf nach langer Zeit ein Gänsehauterlebnis schuf, schrieb der stellvertretende Schulleiter Andreas Müller zur Melodie des Schlager-Punk-Hits „Tage wie diese“. „Ich wollte eigentlich mit meiner Familie zum Konzert der Toten Hosen. Irgendwie kam das Wort dabei zu mir und nicht ich zum Wort, der Reim hat mich gefunden“, erläutert er die Eingebung zu dem Stück, das zunächst eigentlich vorgesehen war, um online auf der Homepage der Schule hochgeladen zu werden.

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Andreas Müller (rechts) griff selbst in die Saiten um „In Krisen wie diesen...“ zu spielen. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Da sich die Lage besserte, war das ganze nun im Rahmen der Verlagerung vom Musikunterricht ins Freie möglich. Eine Schrecksekunde gab es dann dennoch um Viertel Elf, als skeptische Polizisten den Beleg für die Sondernutzungsgenehmigung durch die Stadt verlangten. Da eine Anlage zur genauen Ausgestaltung fehlte, ob die kleine Bühne im unter nun erweiterten Schutz stehenden Platz (der NSK berichtete) überhaupt aufgebaut werden durfte und der Eiswagen vom Weg aus die Ersparnisse der Klassenkassen in Eiscreme tauschen durfte, blieb zunächst offen, da das Stadtgrün für eine eigene Abnahme noch nicht am Platz war. Doch musste der Protest einer Anwohnerin so prinzipienversessen ohne Augenmaß erfolgen? Denn das Fehlen eines solchen wurde oft gerade bemängelt. Immerhin: Die zweite Runde der größenbedingt auf zwei Gruppen aufgeteilten Schülerschaft kommt dann ebenso in den gemeinschaftlichen Musikgenuss.

Den Schülern des anderen städtischen Gymnasiums, deAugustum-Annens, bleiben Gemeinschaftserlebnisse an diesem Tag gänzlich versagt: Ein tragischer Trauerfall in der Schülerschaft hatte hier, wo der Unterricht dieses Schuljahr in einer Aufteilung der Klassen in jeweils eine Vormittags- und eine Nachmittagsgruppe stattfand, zur gänzlicher Absage geführt.

Am Wilhelmsplatz ist aber auch in der Pause zwischen beiden Gruppen keine Ruhe. Während gerade umgebaut wird, ziehen unter Kindersprechchören „Wir ziehen um, wir ziehen um“ die Schüler der Freien Waldorfschule Jacob Böhme lauthals aus ihren Klassen in der Konsulstraße über den Wilhelmsplatz und weiter die Berliner Straße entlang zum Güterbahnhof. Doch im jeweils eigenen Erlebnisraum, nimmt man sich gegenseitig dabei nicht wirklich wahr.

Die Waldorfschüler haben jedoch auch schwer zu schleppen. Jeder trägt seinen Stuhl vom alten Schulstandort, wo der Unterricht an diesem 17. Juli letztmalig aufgenommen wurde, mit zum neuen im renovierten Güterbahnhof, in dem man nach den Ferien den Unterricht aufnehmen wird. „Wir laden quasi nur symbolisch unsere Last ab, denn natürlich werden die eigentlichen Möbeltransporter in den Schulferien ihre Arbeit versehen“, klärt Pädagoge Andreas Unger auf, der die 3. Klasse unterrichtet und wegen der Inklusion an der Schule auch für die Arbeit mit Förderkindern zuständig ist. Um die Abstände halbwegs gering zu halten, sind an diesem Tag Eltern nicht mit dabei.

Clara Steinkellner, die Klassenbetreuerin des 9. und 10. Jahrgangs und Englischlehrerin nimmt die Umzugslast gerne in Kauf. „Wir haben am Güterbahnhof nun mehr Platz mit dem Außengelände, waldorfspezifischen Fächern wie dem Gartenbau und Handwerk können wir dort mehr Raum geben. Wir sind zudem für die Stadt sichtbarer“, erläutert sie und bemerkt, dass es ja auch noch Plätze für Quereinsteiger an der Schule gebe.

Das Schuljahr habe bei der Waldorfschule so nicht allen im Zeichen von Corona gestanden. Jeden Dienstagnachmittag hatten sich die Lehrer im Güterbahnhof im provisorisch eingerichtetem Konferenzzimmer getroffen. Schüler haben Fliesen selbst bemalt, die nun in den Toiletten verbaut werden. Doch wie man mit Corona 2020/21 umgeht ist auch hier offen. „Erleben wir Corona und kein Ende in Sicht“, hieß es ja auch beim Gesang auf dem Wilhelmsplatz.

Till Scholtz-Knobloch / 26.07.2020

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