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Symbol einer Zeitenwende

Symbol einer Zeitenwende

Stammkunde Henry Pfohl (rechts) fühlte sich in der Videothek Thunder immer bestens beraten, wenn er bei Eberhard Junge nach den neusten Action-, Western- oder Science-Fiction-Filmen fragte und stets gut beraten wurde. Foto: Till Scholtz-Knobloch

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Conny Junge (links) und ihre Schwester Katrin Olbrich beim Plausch mit Kundschaft am Tresen. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Görlitz. „Das Geschäft hat etwas für Görlitz mitgebracht“, sagt Eberhard Junge (61), der im Kürze seine Videothek Thunder am Görlitzer Wilhelmsplatz schließt. Drei Jahrzehnte werden nun nicht ganz voll, aber 29 Jahre der Videothek Thunder haben Görlitz mitgeprägt und sind so etwas wie das Symbol einer ganzen Epoche. Es scheint, als gehe die Nachwendezeit, die zugleich eine Epoche einer alltagstechnischen Revolution war, zu Ende. Und genau diese ist nun so rasant geworden, dass ein Schild „Videothek“ bald so historisch anmutet wie andere verblichene Schriftzüge der Stadt wie Sattler oder Hutmacher.

„Seit vier oder fünf Jahren spüren wir den schleichenden Rückgang immer deutlicher, vor allem seitdem die Internetverbindungen ausgebaut werden“, sagt Lange, dessen Geschäft der heiße Sommer und die Fußball-WM 2018 zusätzlich zugesetzt haben. Mit den schnellen Internetverbindungen ist der Trend, aktuelle Filme im Internet zu „streamen“ unaufhaltbar, der Gang zu einem Laden für eine Ausleihe wirkt da schon fast retro. Und so ist Lange auch nur aufgrund seiner zentralen Lage und des umfassendsten Angebots in der Stadt der letzte Mohikaner, der noch durchgehalten hat.

Anfang 1990 hatte der Metallbauschlosser bei Kema Eberhard Junge die Chance ergriffen, die der Zusammenbruch des Alten und der Aufbau des Neuen mit sich brachte. Schon im März 1990 bot er in seiner Wohnung den ersten 200 Kunden Filme zur Ausleihe über Listen an. Die Sache sei auch deshalb so gut angelaufen, da Rainer Drewka aus Dortmund, der Ehemann der Cousine seiner Frau, damals eine Expansion gen Osten plante und die familiären Verbindungen hier gleich das nötige Fachwissen und die entsprechenden Erfahrungen einbrachten.

Der Nachholbedarf sei so riesig gewesen, dass noch im März an der Elisabethstraße der erste Laden entstand, der 1998 aufgrund der Restitution der jüdischen Alteigentümer aufgegeben werden musste. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits Filialen in Königshufen (An der Terrasse) und in Weinhübel an der Zittauer Straße.

Wer so lange wie Eberhard und Conny Junge mit Stammkunden wächst, der trägt auch manches diskrete Wissen mit sich herum. Aber die „Diskretion gehört zum Geschäft“, sagt Eberhard Junge im Hinblick darauf, dass er auch im Segment von Erotik- und Horrorfilmen genau weiß, welcher Kunde worauf steht. „Es gab auch Kunden aus Weihübel, die nach Königshufen zur Ausleihe gekommen sind und umgekehrt“, schmunzelt er.

Eberhard Junge stellt fest, dass eines seit der Wende bis zuletzt gegolten habe: „Nach meinem Eindruck wurde im Osten Deutschlands der DVD-Player oder Blue Ray schneller gekauft als im Westen. Vielleicht ist da noch ein Stück vom Drang übriggeblieben, etwas nachzuholen, was einst nicht greifbar war“. Ein erkleckliches Zubrot zum Geschäft habe auch der Verkauf von Knallkörpern vor Silvester beigetragen.

Anfang Mai wird Eberhard Junge sämtliche Filme und Videospiele zum Verkauf in den Regalen freigeben. Wehmut ist schon dabei, denn den 1998 bezogenen zentralen Laden am Wilhelmsplatz hat er doppelt ins Herz geschlossen. „Als 15- oder 16-Jähriger habe ich, als hier noch eine Selbstbedienungsgaststätte angesiedelt war, übrigens mein erstes Bier getrunken“, sagt er in dem Wissen, dass nach 1945 mancher vom Krieg Verarmte hier eine heiße Kohlrübensuppen bekommen hat.

Glücklich ist er, dass sich für ihn, seine Frau und auch die Angestellten berufliche Perspektiven abzeichnen. „Wir mussten niemanden kündigen“, betont er. Aber die Kunden, bei denen er sich für die lange Treue bedankt, werden ihm fehlen.

Till Scholtz-Knobloch / 22.04.2019

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