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Traditionsgasthaus schließt die Türen

Traditionsgasthaus schließt die Türen

Bei Günter Zoch alias „Vittel“, wie er gern von seinen Freunden genannt wird, lässt sich noch dreieinhalb Wochen lang Platz nehmen – und das nicht nur am Stammtisch. Foto: RK

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Ab März stehen Besucher vor verschlossener Tür. Foto: RK

Nicht nur die Menschen im Malschwitzer Ortsteil Niedergurig müssen sich demnächst von einem liebgewonnenen Anlaufpunkt verabschieden. Die Tage der Gaststätte „Gute Quelle“ sind gezählt. Inhaber Günter Zoch hat neue Pläne.

Malschwitz. Engelfiguren, Glöckchen und die gesamte andere Weihnachtsdekoration, die noch zu Wochenbeginn den Gastraum schmückte, hat ausgedient. Mit Mariä Lichtmess an diesem Samstag wird traditionell der Schlusspunkt unter die Weihnachtszeit gesetzt. Gastwirt Günter Zoch mottet alles in Kisten ein. Mit einer großen Portion Wehmut und Herzbluten, wie er sagt. Denn erneut aufhängen wird er den Schmuck wohl nicht. Vielmehr steht dieser wie das gesamte Anwesen selbst zum Verkauf. Ende Februar schließt das Gasthaus „Gute Quelle“ im Malschwitzer Ortsteil Niedergurig seine Türen. Unklar bleibt zunächst, was danach kommt. Vorerst sollen sich nach den Vorstellungen des Unternehmers private Feiergesellschaften einmieten können. „Mit 70 Jahren ist, so denke ich, ein Zeitpunkt erreicht, an dem man guten Gewissens in den Ruhestand wechseln kann“, führt er zur Begründung an. 

Doch hinter dem Aus steckt noch eine andere Wahrheit: „Es finden sich einfach keine jüngeren Leute, die sich für Gastronomie im ländlichen Raum begeistern und die sich den damit verbundenen Herausforderungen stellen. Selbst innerhalb der Familie wollte bisher niemand in meine Fußstapfen treten.“ Das Gros der Menschen bevorzuge heutzutage, die Wochenenden und Feiertage viel lieber mit Freunden oder der Familie daheim zu verbringen als im Lokal hungrige und durstige Gäste zu bewirten beziehungsweise zu bekochen. „Mein bisheriges Team und ich waren immer für die Kunden da. Persönlich musste ich als Inhaber der Gaststube sehr oft zurückstecken. Meine Wohnung sah ich meist nur, wenn ich zu Bett ging und wenn ich mich am nächsten Morgen für den Arbeitstag fertigmachte. Auch dann hielt ich zur Stange, wenn die Einnahmen nicht ausreichten, um mir ein eigenes Gehalt auszuzahlen.“ Inzwischen hat seine langjährige Köchin ebenfalls das Rentenalter erreicht, Ersatz schien nicht in Sicht. „Sie soll auch ihr Privatleben im Alter genießen können“, meint der Gastronom. Unterdessen muss er bereits einigen Anrufern eine Absage erteilen, die gern bei ihm für die Zeit nach Februar einen Tisch reserviert hätten. So blieb auch der Mitarbeiterin eines Reisebüros nichts anderes übrig, als Günter Zoch alles Gute für die Zukunft zu wünschen. 

Ein Nachfolger oder Käufer für die Gastwirtschaft im Ortskern von Niedergurig war zunächst nicht in Sicht. „Für rund 95.000 Euro steht das Gebäude zum Verkauf“, erklärt der Selbstständige. „Ich kann mir gut vorstellen, dass die Gemeinde das Haus erwirbt und daraus eine Art Begegnungsstätte macht.“ In der Vergangenheit habe sich nicht nur einmal gezeigt, dass sich die „Gute Quelle“ gerade bei der Austragung von Bürgerversammlungen durchaus als nützlich erwies. „Dann ist hier kein Platz mehr frei gewesen“, weiß das Niederguriger Urgestein. Sollte er sein angestammtes Domizil nach dessen möglichen Verkauf tatsächlich räumen müssen, will er seinem Heimatort auf jeden Fall die Treue halten. „Ich versuche, hier eine kleine Wohnung zu beziehen. Irgendetwas Brauchbares wird sich schon für mich finden“, schmunzelt er. 

Trotz des immensen Arbeitspensums, das in den zurückliegenden 40 Jahren aufgrund des ununterbrochen hohen Gästezuspruches zu meistern war, oder gerade deshalb vermag Günter Zoch auf eine bewegende Zeit als Gastwirt zurückzublicken. Ein ganzes Buch sei er in der Lage zu schreiben, wie er erklärt. In einer Episode beispielsweise könnte der gelernte Gärtnermeister, der dank eines Stellengesuchs der früheren DDR-Handelskette „Konsum“ und seiner Liebe fürs Kellnern und Kochen den Fuß in die „Gute Quelle“ bekam, die Tricks eines manchen Gastes wiedergeben, nur um eine Gratismahlzeit abzufassen. In einer anderen würden wiederum die einst vom „Konsum“ vorgeschriebenen, 14-täglichen Discoveranstaltungen im über der Gaststube befindlichen Saal einen Platz finden. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass diese kaum jemanden im Ort störten und dass es nicht nur einmal Stunk gab, wenn Jugendliche aus Bautzen und Radibor hier aufeinandertrafen. Damals schritt keine Polizei ein. Wir mussten mit unserem Ordnungsdienst selbst schauen, wie wir mit den oft angetrunkenen Raufbolden klar kamen. Vor dem Haus lauerten die Volkspolizisten schließlich auf den einen oder anderen, der sich mit einer Alkoholfahne hinters Steuer gesetzt hatte.“ Auch Günter Zoch wurde eigenen Angaben zufolge schon einmal vor der eigenen Tür kontrolliert. „Erst als ich ins Röhrchen gepustet hatte und das Ergebnis feststand, schenkten mir die Polizisten Glauben. Das Mundstück nahmen sie nicht mit. Das durfte ich selbst entsorgen.“ Nachdem zweimal in Folge sein Herz streikte, verzichte er auf jeglichen Alkohol- und Tabakgebrauch. Aber auch hausinterne Partys mit einer aus Cottbus stammenden Striptease-Tänzerin und die Besuche von prominenten Künstlern würden in seine ganz persönliche Rückschau einfließen. Unerwähnt bliebe zudem nicht das Hochwasser vom September 2010. Innerhalb weniger Augenblicke bahnte sich vor mehr als acht Jahren trotz einer eilig errichteten Sandbarriere die braune Brühe ihren Weg von umliegenden Feldern über die Jeschützer Straße mitten hinein in das in einer Senke liegende Gasthaus. Mehrere Zentimeter hoch stand sie daraufhin im Gastraum, in der Küche, in den Toiletten. „Meine damalige Versicherung regulierte lediglich einen Bruchteil des Schadens. Nach einer Millioneninvestition in der Wendezeit musste ich erneut viel Geld ausgeben, um Besucher weiterhin empfangen und bewirten zu können. Für deren Zuspruch, der bis dato anhält, möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Ein großes Dankeschön gilt zudem meinen Geschäftspartnern und Mitarbeitern, die mich so lange Zeit begleitet haben.“ 

Die feuchten Augen des Niedergurigers lassen indes die Blicke durch die vertrauten Gaststättenräume kreisen. Unzählige Freundschaften, so befürchtet der langjährige Gaststättenleiter und nach der deutschen Einheit selbstständige Gastronom, werden nach der Schließung des Lokales abreißen. Günter Zoch bedauert dies ausdrücklich. Doch für ihn steht unwiderruflich fest: Er und die von ihm selbst so gut wie immer liebevoll dekorierte „Gute Quelle“ gehen ab März getrennte Wege.
Bürgermeister Matthias Seidel hingegen hofft, dass es für das Traditionslokal recht bald eine Perspektive gibt. „Aus der Historie heraus gehört in jeden Ort eine Gastwirtschaft, so auch nach Niedergurig. Deshalb ist es nur zu wünschen, dass sich schnellstens ein neuer Gastwirt für die ‚Gute Quelle’ findet.“ Eine Übernahme von Seiten der Kommune wollte das Gemeindeoberhaupt jedoch vorerst ausschließen, „da wir in Niedergurig auch die Räume des ehemaligen Spreecafés für die öffentliche Nutzung zur Verfügung stellen“. Und weiter: „Ich bin davon überzeugt, dass sich durch die gute Qualität der Gaststätte ein neuer Betreiber finden wird.“

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Roland Kaiser / 02.02.2019

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Kommentare zum Artikel "Traditionsgasthaus schließt die Türen"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Livini67 schrieb am

    Ich wünsche Herrn Zschoch und seinem Team alles Gute. Ich war als Jugendliche mit meinen damaligen Freund, der aus Niedergurig stammte, oft zur Disko. Auch das Essen war immer einmalig und sehr lecker.

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