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Über Bô Yin Râs spirituelles Erwachen

Über Bô Yin Râs spirituelles Erwachen

Viele Anregungen gibt es bereits seit der Jahreswende. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Görlitz. Von 1920 bis 1924 bestand in Görlitz der in deutschsprachigen Landen Aufsehen erregende Jakob-Böhme-Bund. Dessen Gründer und führende Figur bis 1923 war Bô Yin Râ (bürgerlich Joseph Anton Schneiderfranken), der den Bund – bei Aufgreifen des Namens Böhme quasi als Traditionsmarker – in innerer Spiritualität, religiöser Erneuerung, der Überwindung starrer Konfessionen und der Verbindung von Kunst, Mystik und Lebensreform formte. „Seine Zeit in Griechenland 1912/13 stellt die Zäsur und den Ort seines spirituellen Erwachens dar, doch durch die Wirren des 1. Weltkrieges konnte sich dieses Erwachen erst in Görlitz ab 1917 auswirken“, umschreibt Klaus Weingarten die Bedeutung Görlitz’ für dessen Lebensweg. 
Nach seinen späteren Schilderungen habe Bô Yin Râ in Görlitz erkannt, dass der Mensch neben seiner äußeren Persönlichkeit einen „ewigen“ oder geistigen Wesenskern besitze. Dies begriff er nicht bloß als emotionale Eingebung, sondern als dauerhafte innere Gewissheit und Ausgangspunkt seines gesamten späteren Wirkens. Der innere Mensch erfahre durch bewusste geistige Entwicklung Zugang zu einer höheren Wirklichkeit.

Visionär und zeitenthoben

Insofern verstand er seine Schriften nicht als Philosophie oder Religion im üblichen Sinn, sondern als Anleitung zu innerer Erkenntnis und geistiger Selbstverwandlung. Stilistisch wirken seine Schriften visionär und bewusst zeitenthoben.
„Wir möchten die damaligen Umstände und das Anliegen des Jakob-Böhme-Bundes so greifbar wie möglich vermitteln“, schreiben die beiden Experten Klaus Weingarten und Veit-Johannes Stratmann aus dem Wunsch heraus, „eine neue, zukunftsfähige und lebendige Entwicklung für Künstler anzustoßen“, die sich von den Gedanken und dem Werk Bô Yin Râs inspirieren lassen möchten.

Ein Ergebnis dessen ist die vollständig neu gestaltete Internetseite des neuen Jacob-Böhme-Bundes unter www.jakob-boehme-bund.de. Durch die Recherchen Weingartens konnten unter der Rubrik „Texte zur Kunst“ sieben bislang unveröffentlichte Texte Bô Yin Râs zugänglich gemacht werden. Parallel dazu läuft seit geraumer Zeit eine umfangreiche Forschungsarbeit über die innersten Ziele des historischen Jakob-Böhme-Bundes und die Vorstellungen einer „Art neuen Sakralkunst“, wie Bô Yin Râ sie einst formulierte. Daraus soll bis zum Winter 2026 ein erster Film hervorgehen, der die geistigen und künstlerischen Zusammenhänge dieser Bewegung darstellt.

Sonderausstellung wird am 28. Mai eröffnet

Erste Gespräche über eine mögliche Ausstellung unter dem Dach des Jacob-Böhme-Bundes in der Görlitzer Stadthalle für die Jahre 2029 oder 2030 haben bereits begonnen. Aktuell läuft erst einmal viel auf den 150. Geburtstag von Bô Yin Râ zu, der am 25. November 1876 in Aschaffenburg geboren wurde.

Am 28. Mai eröffnet in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften in Görlitz um 17.00 Uhr die Sonderausstellung mit dem Titel „Bô Yin Râ. Das geistige Lehrwerk“, kuratiert von Kai Wenzel. Bis zum 4. Oktober wird in der Schatzkammer des Barockhauses in Görlitz das geistige Lehrwerk Bô Yin Râs präsentiert.

Begleitend dazu laden Klaus Weingarten und Jörg Heidemann am 29. Mai zu „Anmerkungen zum Lehrwerk von Bô Yin Râ“ ab 10.30 Uhr in das Literaturhaus Alte Synagoge in Görlitz ein. Dabei geht es auch um die Verbindung zwischen Schneiderfranken und Gustav Meyrink – Themen, die den geistigen Hintergrund der damaligen Zeit ausleuchten.

Im November folgen um den eigentlichen Geburtstag weitere Höhepunkte. Es ist ein Festbankett geplant, ehe vom 27. November bis 14. Februar 2027 im Dom Kultury eine ambitionierte Ausstellung eröffnet wird: die Rekonstruktion der Gemäldeausstellung von Joseph Schneiderfranken von 1919 in Görlitz. Hochwertige Faksimiles sollen dort genau an jenem Ort gezeigt werden, an dem bereits vor über hundert Jahren die Originale ausgestellt waren. Ergänzt wird die Schau auch durch ein Filmprojekt über die Entstehung des Jakob-Böhme-Bundes, initiiert von Klaus Weingarten mit Hauke Johanna Gerdes und Jan Korthäuer.

Auch Veit-Johannes Stratmann wird Ende November seine langjährige Forschungsarbeit öffentlich vorstellen. In einem ersten Bildvortrag der Reihe „Das Ziel des Jakob-Böhme-Bundes“ möchte er nach zweijähriger Recherche exemplarisch der Frage nachgehen, was Bô Yin Râ unter einer „neuen Sakralkunst“ verstand.

Parallel gibt es 2026 auch in der Schweiz eine große Schau. In der Villa Gladiola in Massagno bei Lugano hat die Stiftung Bô Yin Râ eine Ausstellung mit Griechenlandskizzen Bô Yin Râs eingerichtet (www. bo-yin-ra.ch).

Ferner gibt es Jubiläumspublikationen. Das „Buch vom lebendigen Gott“ erscheint in Goldleinen mit einer Silber-Banderole. Zudem gibt es eine zweisprachige Ausgabe des Buches „Psalmen“ in Deutsch und Englisch aus dem Kober-Verlag. Deutsche und Schweizer haben gemeinsam ein zwölfteiliges Kartenset neu aufgelegt – mit stimmungsvollen Fotografien von Paul Meider und ausgewählten Zitaten von Bô Yin Râ. Vor allem aber war bereits zur Jahreswende unter der Ägide Klaus Weingartens im Verlag Magische Blätter das „Almanach der Magischen Blätter 2026“ mit über 450 Seiten erschienen. Der Niederschlesische Kurier darf sich glücklich schätzen, dass zwei längere Artikel in Gänze darin Aufnahme gefunden haben und damit von der Fachwelt geschätzt wurden.

Till Scholtz-Knobloch / 25.05.2026

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