„Unsere Städte waren noch nie so schön.“

Jochen Kaminsky ist in seiner Rolle als Zittauer Nachtwächter fast schon 20 Jahre unterwegs. Foto: Archiv/privat
Jochen Kaminsky ist mittlerweile seit fast 20 Jahren als Zittauer Nachtwächter unterwegs. Der 68-Jährige hat in seiner Rolle als Gästeführer auch immer ein bisschen die Stadtentwicklung von Zittau im Blick.

Prächtige Bauwerke wie zum Beispiel die ehemalige Baugewerkeschule in Zittau erstrahlen im neuen-alten Glanz. Foto: privat
Zittau. Insgesamt stecken Jochen Kaminsky bisher etwa 2.800 Führungen – das sind etwa 3.000 Kilometer Zittauer Pflaster – in den Beinen! Dabei sind das nur die Nachtwächterrunden. Jochen Kaminsky hat auch noch ein paar andere mehr oder weniger historische Figuren dargestellt – unter anderem das Schleifermännchen, den Mitternachtsmönch und den Stadthauptmann. Die gefragteste Figur ist aber zweifellos der Nachtwächter. Hinzu kommen noch unzählige klassische Stadtführungen für Busgruppen, denn über sein Gästeführerbüro sind in der Zeit etwa 3.000 Reiseleitungen für Busgruppen abgewickelt worden, die auch mindestens eine Stadtführung beinhalten – und das zwischen Dresden und Krakau bzw. zwischen Cottbus und Prag.
„Alles in allem komme ich da auf gut 60.000 Gäste. Allein beim Nachtwächter dürften es gut und gern 20.000 gewesen sein“, betont er.
Und er fährt fort: „Da wir als Stadtführer immer wechselndes Publikum haben, ist auch jede Führung ein wenig anders – schon allein das Wetter spielt eine große Rolle und dann kommt es auf die Zusammensetzung der Gruppen an. Es gibt Leute, die hängen einem an den Lippen und genießen es, unterhalten zu werden – aber es gibt auch Leute, die müssen während der Führung ,ganz wichtige Dinge am Handy’ klären. Da frage ich mich manchmal, warum die die Führung dann erst buchen und auch bezahlen.“
Der überwiegende Teil der Gäste von auswärts ist laut seinen Erfahrungen überrascht, wie schön Zittau ist und welche großartige Geschichte die Stadt haben muss. Prächtige Bauwerke wie zum Beispiel die Baugewerkeschule, die Klosterkirche oder das Alte Gymnasium würden im neuen-alten Glanz erstrahlen.
Die Einheimischen dagegen seien sehr oft ein wenig „betriebsblind“ und sehen es nicht – Ausnahmen bestätigen die Regel.
„Wenn ich die Leute dann zum Beispiel ins Mandauer Glanz-Viertel, sprich das Künstlerviertel, bringe, setzt das dem anerkennenden Erstaunen noch einen oben drauf“, berichtet er. Bei einigen Busgruppen seien auch einige wenige Leute, die der Meinung sind: ,Na hier ist aber auch noch viel kaputt’.“ „Ja und wenn ich dann mal nachfrage, woran sie das festmachen oder gar, wo sie herkommen, dann fangen sie plötzlich an zu denken. Ich sehe es jedenfalls so: So schön wie unsere Städte heute sind, waren sie in der Vergangenheit noch nie. Alles andere sind romantisch verklärte Ansichten von gemalten Postkarten.“ Und inwieweit ist aus Sicht des Stadtführers ein ordentliches Stadtbild wichtig? „Sagen wir es mal so – niemand würde gern jemanden in seine Wohnung lassen, wenn sie nicht aufgeräumt ist – und so ist es auch mit einer Stadt“, antwortet er.
Bei der Stadtentwicklung in den vergangenen Jahren würde sich Jochen Kaminsky aus Sicht des Stadtführers noch mehr und schnellere Entwicklungsstufen durchaus wünschen: „Wir müssen aber auch realistisch bleiben. Deswegen fällt mein Fazit überwiegend positiv aus.“
Was ihm allergrößten Respekt abringt, sind die Initiativen privater Unternehmer, die sich mitunter auf Investitionen einlassen, „die mir Herzklopfen bereiten würden. Mir widerstrebt es da, einzelne Personen zu nennen, weil ich niemanden vergessen möchte. Da es aber mehr oder weniger meinen direkten Führungsweg betrifft, seien eventuell die sogenannte ehemalige Altstadtküche auf der Neustadt und das Schuhhaus Kellner erwähnt.“ Aber das sei dann doch schon wieder zu kurz gegriffen, „denn ich weiß von einigen Um- und Ausbauprojekten, die nicht direkt da liegen, wo ich mit Gästen vorbeikomme. Was ich mit großer Freude begrüßt habe, ist der neue Spielplatz zwischen Baugewerkeschule und Kreuzkirche. Davon dürften es noch mehr sein.“
Die Sauberkeit in der Stadt hat nach seiner Auffassung im Großen und Ganzen nicht so direkt gelitten. Ihm fällt aber auf, dass die Schmierereien an Hauswänden wieder zunehmen. Dann gibt es auch Sachen, die jeweils am einzelnen Bürger hängen. Die berühmten Kippen einfach so wegzuwerfen, scheint von manchem geradezu als Bürgerrecht angesehen zu werden – zumal einige Zeitgenossen ihre Wohnungsfenster als Entsorgungsanstalt zu benutzen scheinen. Auch die vielerorts auffallenden Hundehaufen gerade auch auf dem Gebiet des Grünen Ringes sind ein Übel.
„Und – was mich schon lange ein wenig stört – wo auch der Einzelne gefragt ist, sind die Mülltonnen, die schon am Freitag vor die Häuser gestellt werden, obwohl die Abfuhr erst am Montag oder gar Dienstag erfolgt“, sagt er.
Was ihm ganz negativ auffällt, ist das zunehmend aggressive Verhalten einiger sehr, sehr jungen Leute – und das zu später Stunde in der Stadt. „Das ist jetzt kein Ruf nach der Polizei, denn die hat genügend andere Problem zu lösen, aber vielleicht sollten sich auch Eltern mal Gedanken darüber machen, wo und wie sich ihre Zöglinge so aufhalten bzw. aufführen.“ Und er fährt fort: „Leider hat man bei einer Stadtführung nie so richtig die Zeit, alles Wissenswerte und jede Sehenswürdigkeit zu vermitteln – also umfassend zu sein. Deshalb ist jede Stadtführung ein wenig anders, jeder hat so ein bestimmtes Repertoire und das ist auch gut so. Ich bin mir ganz sicher, dass wir hier in Zittau absolut wissende und engagierte Stadtführerinnen und Stadtführer haben – denen brauche ich weiß Gott keine Ratschläge erteilen.“
Und wie lange will Jochen Kaminsky selbst noch in die Rolle des Zittauer Nachtwächters oder anderer Figuren schlüpfen? „So lange wie ich mich noch ohne Gehhilfe fortbewegen kann und so lange ich das Gefühl habe, noch unterhaltsam zu sein – so lange werde ich wohl weitermachen“, antwortet er. Und ein Faktor liegt ihm noch am Herzen: „Dreimal nach dem Weg gefragt worden zu sein und es zufällig gewusst zu haben – das macht noch lange keinen Gästeführer aus. Das ist eine doch recht hoch qualifizierte Tätigkeit, vor die die Götter erstmal viel Fleiß und ,büffeln’ gesetzt haben.“