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Vor 75 Jahren brach der Fortschritt aus

Vor 75 Jahren brach der Fortschritt aus

Vor zwei Jahren gab es in der Alten Schmiede eine Fortschritt-Ausstellung, die unter anderem von der früheren Verkaufsleiterin Christina Lehnert gestaltet worden war. Foto: Archiv

Das gleichnamige Landmaschinenkombinat wurde am 2. Mai 1951 gegründet. Nur zwei der einst vier Fortschritt-Hauptorte erinnern daran, darunter Singwitz.

Singwitz. Man schrieb den 2. Mai 1951, als sich in Singwitz eine Dame und 23 Herren zu einer Versammlung trafen. Thema war die „Bildung eines Kombinats innerhalb der Vereinigung LBH (Land-, Bau- und Holzbearbeitungsmaschinen) in Ostsachsen“ – also nicht weniger als die Gründung des Kombinates „Fortschritt“, die an eben jenem Mittwoch in dem Ortsteil der Gemeinde Obergurig besiegelt wurde. „Es wurde ja lange darüber gestritten, ob Fortschritt in Singwitz oder in Neustadt gegründet wurde“, sagt der Oberguriger Bürgermeister Thomas Polpitz. „Dieses Protokoll zeigt, dass die entscheidende Sitzung in Singwitz stattfand.“ Dabei hält er einen kleinen Stapel von A4-Blättern in die Höhe, deren Aufdruck unverkennbare Spuren der Vervielfältigung mit Ormig-Papier aufweist. 

Jene 23 Herren und Emma Wagner – sie war die einzige Dame in der Runde – vertraten vier Betriebe, die sich bereits vor 1951 mit verschiedenen Aspekten des Landmaschinenbaus beschäftigt hatten: Fortschritt Neustadt, der Maschinen- und Getriebebau Kirschau, die Landmaschinenfabrik Bischofswerda und Kombinus Dreschmaschinenbau Singwitz. Emma Wagner nahm als Leiterin des letztgenannten Betriebes an der Beratung teil und hatte gute Chancen, zur Generaldirektorin ernannt zu werden. Letzten Endes jedoch übernahm der damals erst 25-jährige Dr. Bernhard Thieme diese Funktion, der später als „König von Ostsachsen“ bekannt werden sollte. Das Protokoll zeigt, dass durchaus kontrovers über diese Personalie diskutiert wurde. Gegen Thieme spreche, so LBH-Hauptdirektor Kurt Bernicke, dass ihm „das Zugehörigkeitsgefühl zu den Kumpeln an der Werkbank“ fehle. An Thieme selbst gerichtet sagte er: „Es liegt vielleicht zum Teil daran, dass Du aus anderen Kreisen kommst.“ Für Thieme spreche, „dass er ein guter Organisator ist. Er hat es verstanden, Feierstunden im Betrieb festlich auszugestalten. So wurden den Aktivisten Blumen überreicht.“ Auch an anderer Stelle wird in dem Protokoll deutlich, dass der Zusammenhalt mindestens genauso wichtig war wie ökonomische Kennzahlen. So wurde – neben dem Hauptingenieur und dem kaufmännischen Leiter – auch ein Kulturleiter berufen.

Wörtlich sagte Hauptdirektor Bernecke: „Wenn der Kulturleiter gefunden ist, werden wir ein Segelflugzeug bauen. Sie werden wieder fliegen, unsere Jugendlichen, und nicht auf Tanzböden herumhängen.“ Schließlich wurde Bernhard Thieme per Handschlag für seine neue Funktion verpflichtet.

All dies jährt sich nun zum 75. Male – ein guter Grund, an das wichtige Kapitel Industriegeschichte, das Fortschritt in Ostsachsen schrieb, zu erinnern. „Fortschritt war in unserem Ort allgegenwärtig. Überall sah man blaue Mähdrescher“, erinnert sich Bürgermeister Thomas Polpitz an längst vergangene Zeiten. „Tag und Nacht wurde im Werk gearbeitet, es war immer laut und hell.“ Als Bürgermeister der Gemeinde, in der dieses Werk beheimatet war, sei er „stolz auf diese Geschichte, aber auch froh, dass wir nicht Eigentümer der Liegenschaften sind.“ Denn die riesigen Hallen sind heute nur punktuell vermietet oder verkauft, der größte Teil steht leer.

Mit Singwitz und Neustadt/Sachsen erinnern zwei der ehemals vier Fortschritt-Hauptorte an das wichtige Jubiläum. „Wir wollen im so genannten Altbau (Zufahrt über die Fortschrittstraße, Anm. d. Red.) die Geschichte lebendig werden lassen“, so Thomas Polpitz. Am Samstag, 2. Mai, werden ab 14.00 Uhr die Modellausstellung und das Traditionszimmer geöffnet. 14.45 Uhr grüßt der Männergesangsverein Obergurig musikalisch, ab 16.00 Uhr gibt es eine Show der Tanzgruppe des SV Gnaschwitz-Doberschau. Ab 17.00 Uhr werden Bild- und Fachvorträge gehalten. Die Anreise mit einem Fortschritt-Fahrzeug ist gern gesehen! „Wir freuen uns auf viele alte Fortschritt-Werker“, betont der Oberguriger Bürgermeister. „Es ist immer wieder schön, die Begeisterung über das in dieser Zeit Geleistete in ihren Augen zu sehen und die Geschichten von damals zu hören.“ In Neustadt/Sachsen wird ebenfalls am 2. Mai in der Neustadthalle eine Ausstellung über die Fortschritt-Geschichte eröffnet, später findet eine Feierstunde statt.

Uwe Menschner / 25.04.2026

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