Zehn Millionen Euro für das Allendeviertel

Der Porenstein, den Ministerin Regina Kraushaar in der Hand hält, lässt Wasser leicht von oben hinein, aber nur schwer unten wieder heraus.
Das zweitgrößte Wohngebiet der Stadt Bautzen stand in der öffentlichen Wahrnehmung oftmals im Schatten des Gesundbrunnens. Doch das soll sich jetzt ändern.
Bautzen. Wer in Bautzen von Chile spricht, der meint nicht unbedingt das südamerikanische Land. Denn das zweitgrößte Wohngebiet der Stadt trägt zumindest im Volksmund ebenfalls diesen Namen, wie Andrea Kubank weiß: „Das Viertel nennt sich umgangssprachlich Allende- oder Chile-Viertel, weil die Straße, die hier hindurchführt, nach Dr. Salvador Allende benannt wurde“, erklärte die Mitgründerin des Allende-Treffs vor wenigen Tagen Regina Kraushaar, der sächsischen Staatsministerin für Infrastruktur und Landesentwicklung.
Diese war gekommen, um dem Bautzener Oberbürgermeister Karsten Vogt einen Förderbescheid über knapp zehn Millionen Euro aus dem Programm „Sozialer Zusammenhalt – Zusammenleben im Quartier“ für die Entwicklung des Allende-Viertels zu übergeben.
Davon soll auch der 2024 im früheren Lotto-Laden eingerichtete Allende-Treff profitieren. Er hat sich zu einem beliebten Anlaufpunkt etabliert. Hier wird gemeinsam gelesen, gebastelt, gesungen und vieles mehr.
Und er soll sich weiter entwickeln – zu einem „Gesundheitsstandort und Quartierszentrum“, wie es in der Förderbegründung heißt. Regina Kraushaar übergab den Bescheid in dem kleinen Amphitheater, das sich südlich an die frühere Wohngebiets-Gaststätte Andena anschließt und wo ihr Blick auf ein DDR-typisches Kunstwerk fiel, das selbst vielen Bautzenern wohl noch kaum aufgefallen sein dürfte.
Es zeigt unter anderem einen aus Mosaiksteinen gestalteten Regenbogen. „Dieser Regenbogen, der heute für Vielfalt steht, hat vielleicht auch damals für Hoffnung, für Vielfalt gestanden“, meinte die Ministerin. Dass die damaligen Schöpfer des Kunstwerkes die Bedeutung, die dem Regenbogen heute oftmals zugeschrieben wird, im Blick hatten, darf aber wohl eher bezweifelt werden.
Wenn man darauf verzichtet ihn mit politischer Symbolik aufzuladen und ihn einfach das sein lässt, was er eigentlich ist – ein wunderschönes Naturschauspiel – kommt man ihren Intentionen sicher wesentlich näher.
Fakt ist jedoch, dass das Kunstwerk ebenso wie auch das Allende-Viertel selbst in die Jahre gekommen ist, wie auch die Ministerin bemerkte: „Wenn wir heute, 50 Jahre später, darüber nachdenken, dann stehen wir auf Treppen, die dem Einen oder Anderen ein Hindernis sind“, sprach sie die an manchen Stellen fehlende Barrierefreiheit an. Andererseits böten Wohngebiete wie das Allende-Viertel „gutes und bezahlbares Wohnen auch für Menschen mit geringem Einkommen, mit einer bescheidenen Rente.“
Auch der Bautzener Oberbürgermeister Karsten Vogt freut sich über die Perspektiven, die sich für das zweitgrößte Wohngebiet der Stadt nun eröffnen: „Damalige Stadtplaner haben es als völlig normal angesehen, dass zwei Kinder in einem Kinderzimmer zusammen wohnen. Und mitunter wohnte später auch das dritte Kind mit in diesem einen Zimmer.“ Das entspreche allerdings in keiner Weise mehr den heutigen Ansprüchen an das Wohnen: „Als Stadt müssen wir darauf reagieren, dass sich die Bedürfnisse der Bewohner verändern und entsprechend die Zuschnitte der Wohnungen anpassen.“
Auch das markante neungeschossige Hochhaus soll von dem Förderprogramm profitieren.
Der Oberlausitzer Kurier berichtete bereits ausführlich über die hier geplanten Maßnahmen. Die Geschäftsführerin der Bautzener Wohnungsbaugesellschaft (BWB), Kirsten Schönherr, legt allerdings Wert auf die Feststellung, dass diese Investitionen nur zu einem geringen Teil aus der Städtebauförderung finanziert werden. 25 Millionen Euro will die BWB demnach investieren, elf Millionen Euro kommen aus dem sächsischen Programm „preiswerter Mietwohnungsbau.“ Die BWB-Geschäftsführerin und Oberbürgermeister Karsten Vogt betonen auch die große Bedeutung des „Schwammstadt“-Konzeptes, mit dem das Wohngebiet für die Herausforderungen des Klimawandels fit gemacht werden soll und das unter anderem die Verwendung von Materialien, die Regenwasser besser speichern, beinhaltet. Die Flächenversiegelung soll reduziert und zusätzliche Grünstrukturen sollen geschaffen werden. Auch Dach und Fassadenbegrünungen gehören zu diesem Konzept.
