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22 Aluchips als Start in viele neue Leben

22 Aluchips als Start in viele neue Leben

Nadine Ulbrich (im Rollstuhl) lebt mit ihrem Mann Hagen in der Wohnanlage „G22“ in oberer Etage. Korridore und der Schnitt der Wohnungen sind auf Behindertenbedürfnisse zugeschnitten. Ganz links Anika Arlt von der Hoffnungskirche, rechts von ihr Pfarrerin Brigitte Lampe. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Die Wohnanlage G22 inGörlitz-Königshufen hat Behinderten viele neue Perspektiven geboten. Sie feiert nun am 20. September ihr 30-jähriges Bestehen. Dies mit Rückendeckung der evangelischen Hoffnungskrichengemeinde – ihrem stetigen Begleiter. Ein historischer Rückblick und Einblicke in das Leben am Windmühlenweg von Bewohnerin Nadine Ulbrich.

Görlitz. Schon in jungen Jahren ist Nadine Ulbrich 1996 mit ihren Eltern in die Wohnanlage G22 gezogen. Auch wenn Sie heute mit ihrem Mann Hagen in einer anderen Wohnung der Anlage lebt, gab es immer die eine Konstante: Hier im Windmühlenweg ist das Leben im Rollstuhl viel einfacher zu bewerkstelligen als dort, wo der allgemeine Wohnungsmarkt unter Körperbehinderten für Verdruss, Umwege oder gar Resignation sorgt. Über die Treppe auf dem Titelbild braucht sie sich nicht kutschieren zu lassen, denn von anderer Stelle gibt es ebenerdigen Zugang oder eben Aufzüge. Wir sitzen in der Stube, die zu einer breiten Küche hin offen ist. Das Rangieren mit dem Rollstuhl ist hier kein Hindernis, vieles griffbereit. Ihr Mann zieht sich zur Arbeit ins Homeoffice zurück – seine Hilfe ist gar nicht notwendig.

Nadine Ulbrich berichtet: „Ich sage mal ganz ketzerisch: Es gibt ja meist keine Möglichkeit, als Behinderter eine Wohnung zu nehmen. Wo konnte man schon mit dem Rollstuhl in die Wohnung und sich alleine um alles kümmern? Es war das große Bedürfnis von Menschen mit Körperbehinderung, nicht ins Altersheim zu gehen.“ Sie spricht etwa über Bernd und Regina, die mit 30 Jahren aus dem Altersheim in der Wohnanlage zugezogen seien! Oft gebe es eben sonst keine Alternativen.
Mit am Tisch sitzt auch Brigitte Lampe, zuletzt Pfarrerin in Rothenburg. Noch heute hält sie in der Wohnanlage Andachten. „Aus der eigenen Betroffenheit – eine Freundin war selber schwerst körperbehindert – waren wir in der körperbehinderten Arbeit engagiert und kannten eine ganze Reihe junger Leute, die wirklich hier einziehen wollten, die aber noch nie alleine gelebt hatten“, berichtet sie. Zwei seien im Kinderheim groß geworden und von dort ging es ins Altersheim. Ein Ermutigen und ein Probieren war nötig

Es sei darum gegangen, eine Möglichkeit zu eröffnen. „Probiert mal aus, was ihr selber könnt“, hieß es: „Da haben wir dann so eine Art Selbstständigkeitstraining gemacht, mal so eine Woche lang.“

Nadine Ulbrich, findet sich in dieser Beschreibung gut wieder und übernimmt: „Ich fand es einfach erschreckend, dass es keine andere Perspektive gab.“ Viele Menschen mit Körperbehinderung stammten aus Wohnungen, in denen sie nicht zurechtkamen. „Dinge, die kleine Kinder selber können – eine Tür selber aufmachen, selber die Wohnung verlassen können – ohne fremde Hilfe“, seien für sie nicht möglich gewesen.

Behinderung ist jedoch längst nicht mehr Voraussetzung hier zu leben. „Heute wohnen in G22 Menschen mit Behinderung, Senioren und auch Familien. Ich würde sagen, es ist gut gemischt“, so Nadine Ulbrich. Daraus habe sich eine funktionierende Nachbarschaft entwickelt: „Wenn mir mal was runterfällt, kann ich zum Nachbarn gehen und sagen: Kannst du mir mal helfen?“

Auch Menschen ohne Behinderungen zogen ein

Ursprünglich war eine solche Mischung nicht vorgesehen. „Wir wollten gern eine Gemeinschaft, die altersmäßig durchmischt ist, auch von behinderten und nichtbehinderten Menschen“, erläutert sie. Nach der Wende sei dies jedoch nicht zugelassen worden. Begründet worden sei das unter anderem damit, dass die Wohnungen wegen ihrer besonderen Barrierefreiheit mehr Fläche benötigten und deshalb nicht an Menschen ohne Behinderung vergeben werden sollten. „Da haben wir um jeden Quadratmeter gekämpft, weil man mehr Fläche braucht“ – so passt es auch in die Erinnerungen von Brigitte Lampe, die bis zu den Anfängen 1977 zurückblickt. „Es gab damals zu DDR-Zeiten einen Diakon, Peter Goldammer († 2026), der den Auftrag bekam, sich um Menschen mit Körperbehinderung in unserer Landeskirche in Görlitz zu kümmern. Und da hat er die Körperbehinderten eingeladen, die ihm namentlich bekannt waren. Man wollte so etwas wie einen Beirat gründen, in dem man Probleme anspricht und dann versucht, Lösungen zu finden. Und als er fragte: ’Was beschäftigt euch am meisten?’, sagten mehrere: ’Wir haben Angst, wenn wir nicht mehr mit Stützen gehen können, wenn wir wirklich auf den Rollstuhl angewiesen sind, dass wir nicht mehr aus der Wohnung können.’“ Goldammer habe diese Wünsche nicht einfach vom Tisch gewischt und gesagt: „Ja, dann müssen wir überlegen, wie wir das machen können.“

Die DDR ließ sich begeistern

Während die einen anfingen zu beten, habe er das Anliegen in einer jungen Gemeinde vorgetragen. „Und da haben die Jugendlichen gesagt: ’Ja, da müssen wir etwas tun. Sie haben in ihre Hosentaschen gegriffen und zusammen 22 DDR-Mark gelegt“, berichtet Brigitte Lampe über die Währung, die dank schwacher Kaufkraft als „Aluchips“ belächelt wurde. Doch 22 DDR-Mark waren die erste Spende. „Und daraus dann die Hoffnung zu entwickeln, mit 22 Mark könne man anfangen und ein Haus bauen – und das in der DDR – das kann man nur Glaubenswerk nennen!“, stellt Brigitte Lampe fest. Der Name G22 war geboren.

Es gab Gespräche mit staatlichen Stellen und tatsächlich sei die DDR irgendwann bereit gewesen, das Projekt zu unterstützen. „Es kam ein Fünfjahrplan, es musste ja alles geplant werden. Und das Projekt wurde mit elf Millionen DDR-Mark veranschlagt. Gesammelt wurden bis zur Wende zwei Millionen“, so Lampe. Zur Wende habe die Annahme geherrscht, das nun alles besser werde. Doch zunächst wurden mit der Währungsumstellung aus zwei Millionen Mark Spenden, eine Million West-Mark.

Die Vorbereitung auf selbstständiges Wohnen unterstützte Brigitte Lampe mit Workshops auf dem Martinshof in Rothenburg. „Wir haben Interessenten einfach Aufträge gegeben: Ihr macht heute das Mittagessen, ihr macht die Zimmer sauber. Und dann haben sie einfach gemerkt: ’Ach ja, das kann ich’. Andere wohnten noch zu Hause, die hatten das noch nie ausprobieren dürfen, weil es eben immer die Mutti gemacht hat. Und sie merkten: ’Ach ja, mit dem Staubsauger, das geht eigentlich. Aber eine Kanne Kaffee auf den Tisch im Wohnzimmer bringen, das geht nicht, dann schwabbert es’. Um dann zu überlegen: ’Wie kann man es denn dann machen?’ Das waren einfach so kleine Dinge, um Menschen vorzubereiten.“ Das alles trug dazu bei, dass Körperbehinderte Mut fanden, das Leben in der eigenen G22-Wohnung selbst in die Hand zu nehmen. Am 27. April 1996 konnten die Schlüssel für die Wohnanlage tatsächlich übergeben werden. Insgesamt entstanden 56 barrierefreie Wohnungen mit rollstuhlgerechten Duschen und Toiletten.
 
Die aus der Entstehungsgeschichte bestehende Nähe zur Kirche und insbesondere zur Hoffnungskirchengemeinde in Königshufen bestehen ideell bis heute und drücken sich etwa in den regelmäßigen Andachten hier aus.

Neue Dienerin bei der Hoffnungskirchengemeinde

Daran möchte auch Anika Arlt festhalten. Ab 2016 gestaltete sie mit ihrem Mann das Gemeindeleben der Evangelischen Innenstadtgemeinde mit. Ende 2022 zog das Paar in die Nähe von Marburg an der Lahn. Inzwischen möchte Arlt Pfarrerin werden und nutzt dafür eine Quereinstiegsmöglichkeit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Als Prädikantin ist sie seit dem 1. Juni 2026 mit den pastoralen Diensten der Evangelischen Hoffnungskirche beauftragt. Dazu gehören die Gemeindearbeit, Seelsorge, Gottesdienste sowie Trauungen und Beerdigungen. Ab Oktober 2026 beginnt sie berufsbegleitend einen Online-Masterstudiengang an der Theologischen Fakultät Greifswald. Weil die Wohnanlage G22 seit deren Entstehung so eng durch Andachten, Gottesdienste und Feste verbunden ist, wird Anika Arlt nun das 30-jährige Bestehen der Wohnanlage nutzen, sich in Königshufen näher vorzustellen und die Gemeinde kennenzulernen. Von 2009 bis 2022 lebte die aus Nürnberg stammende Geistliche bereits in Görlitz und leitete 13 Jahre lang die Evangelische Stadtmission. 

Für das gegenseitige Kennenlernen und auch die Vorstellung der Wohnanlage G22 gibt es am Wochenende den passenden Rahmen.

Die G22 lädt ein!

Am Sonntag, dem 20. September, wird in Königshufen also das 30-jährige Bestehen der Wohnanlage G22 ausgiebig gefeiert. Das Gemeindefest der Kirchengemeinde findet von 10.00 bis 15.00 Uhr – beginnend mit einem Dankgottesdienst – auf dem Marktplatz der Wohnanlage am Windmühlenweg 26 statt. Dies entspricht einem Wunsch der Mieter. Bei schlechtem Wetter wird die Veranstaltung in die Hoffnungskirche beziehungsweise das dortige Gemeindezentrum verlegt. Der Anrufbeantworter der Gemeinde soll ab Freitag 12.00 Uhr etwaige Zweifel beseitigen. Zur Anfahrt ist sogar ein Fahrdienst im Einsatz, den Interessierte im Vorfeld unter der Telefonnummer (03581) 31 74 63 erreichen können.

Für die musikalische Gestaltung des Dankgottesdienstes ist ein Gospelprojekt vorgesehen. Beim Fest gibt es Kaffee und Kuchen, kalte Getränke, alkoholfreie Cocktails, Suppe, Bratwurst vom Grill, einen Eiswagen, Hüpfburg, Basteltisch, Kletterfelsen, Kinderschminken, einen Rollstuhlparcours, Grußworte, Posaunenchorbegleitung und auch Führungen durch die Wohnanlage.

Einmal die Woche kommen drei Marktstände angefahren und ermöglichen Bewohnern der Siedlung sogar gleich um die Ecke Einkäufe. Nicht jeder ist so mobil wie Nadine Ulbrich mit ihrem Rollstuhl, die es auch zum Neiße-Park schafft.

Normalität als Erfolg

Mit dem Blick auf alle Interessen in der Wohnanlage G22 resümiert sie: „Das Konzept als solches funktioniert sehr gut.“ Dass heute Behinderte, Senioren und ’normale’ Menschen Seite an Seite leben, mache das Leben hier aus. Dass es seinen normalen Gang gehe, trage in hohem Maße zur Zufriedenheit und zum Dazugehören einfach bei.

Till Scholtz-Knobloch / 18.09.2026

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