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Hannover 2023 als Plädoyer für Görlitz

Hannover 2023 als Plädoyer für Görlitz

Spätestens am Sonntag zog beim Schlesiertreffen in Hannover Tristesse ein. Foto: Harry Minkus

Rhetorische „Fernduelle“ zwischen Theo Waigel und Sudel Ede sind Geschichte. Mit dem Aussterben der Erlebnisgeneration zieht die Frage auf: Wann zieht das Schlesiertreffen endlich nach Görlitz – in eine fertige Stadthalle – um?

Görlitz/Reichenbach/Hannover. Der Braunschweiger Lehrer Harry Minkus gehörte mit seinen 49 Jahren zum jüngsten Zehntel der Besucher des diesjährigen Deutschlandtreffens der Schlesier im hannoverschen Kongresszentrum. „Und ich habe auch keinen jüngeren als meinen Sohn gesehen“, bekennt der Niedersachse schlesischer Herkunft, der mit seinem Junior im Grunde jährlich Schlesien bereist und ihm die Traditionen seiner Familie vermittelt. Aber Harry Minkus macht sich auch nichts vor: „Ich war nicht am besser frequentierten Samstag dabei, sondern am Sonntag. Doch an diesem Tag habe ich wohlwollend maximal 250 Gäste gezählt. Jede drittklassige türkische Hochzeit hat mehr Gäste“, meint er und merkt an, dass statt einem Kanzler oder wie 1989 einem Bundesfinanzminister Theo Waigel mit klaren politischen Forderungen für die Vertriebenen und heimatverbliebenen Schlesier, heute ja nicht einmal mehr ein Vertriebenenbeauftragter kraft seines Amtes vor das Mikrofon trete, sondern der „Niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe“ Deniz Kurku. Der sei ihm zwar nicht unsympathisch gewesen, aber: „Das ist nun wirklich keine politischen Veranstaltung mehr“. Dabei kämpfen die Deutschen in Polen derzeit kräftig mit dem Staat, der muttersprachlichen deutschen Schulunterricht in Minderheitsgebieten immer weiter beschneidet, während in Görlitz selbst Geschichtsunterricht in polnischer Schulsprache für Deutsche und polnische Kinder angeboten wird – samt polnischer Geschichtsinterpretation, in der Nikolaus Kopernikus dann zum Polen mutiert.

Der deutschen Sprache oft abhanden gekommen, war ein Plakat von Gästen aus der deutschen Minderheit in Polen sogar nur in polnischer Sprache (!) zu sehen, was der Vorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, der gebürtige Görlitzer, Stephan Rauhut jedoch positiv umzudeuten versteht.

„Manch einer fragte mich, was auf dem Plakat gefordert werde. Und so kam es letztlich auch darüber zu Gesprächen“. 

Die Zeitung der deutschen Minderheit berichtete gleichwohl gar nicht mehr aus Hannover und wenn man nach dem Schlesiertreffen 2023 Presseberichte aus Deutschland ergoogeln möchte, wird man ebenso nicht fündig. Das ist quasi die Höchststrafe! Doch von enttäuschendem Besuch will Stephan Rauhut nicht sprechen und entgegnet dem Niederschlesischen Kurier: „Von Enttäuschung kann keine Rede sein. Die Glashalle des HCC Kongresszentrums Hannover war bis zum letzten Platz gefüllt. Unsere Erwartungen wurden übertroffen. Dass keine 250.000 Menschen mehr zusammenkommen ist nicht neu, und das erwarten wir auch nicht mehr. Das Deutschlandtreffen ist ein Netzwerktreffen von Jung und Alt geworden, aller, die sich für Schlesien begeistern. Mein Eindruck war, es sind lange nicht mehr so viele junge Menschen dabei gewesen.“

Europeada in Görlitz?

Aber ist es angesichts eines weitgehenden Aussterbens der Erlebnisgeneration noch sinnvoll, am traditionellen Austragungsort Hannover festzuhalten, oder wäre es nicht langsam an der Zeit, das nächste Schlesiertreffen bereits nach Görlitz oder in eine andere schlesische Stadt hin zu vielen hier lebenden Schlesiern zu verlagern, möchte der Niederschlesische Kurier vom Landsmannschaftsvorsitzenden wissen. Der Austragungsort habe natürlich mit dem Patenschaftsverhältnis des Landes Niedersachsen zur Landsmannschaft Schlesien zu tun. Das Land Niedersachsen fördere das Deutschlandtreffen weiterhin. Aber Rauhut fügt auch an: „Es ist absolut vorstellbar, ein großes Schlesiertreffen in Görlitz zu organisieren. Die Nähe der Trachtengruppen und DFK-Gruppen (Anmerkung der Redaktion: Deutsche Freundschaftskreise als Gruppen der deutschen Minderheit in Polen) sowie die vielen Menschen, die sich in der schlesischen Lausitz zu Schlesien bekennen, sind sicher starke Gründe für ein mehrtägiges großes Freilufttreffen in der Görlitzer Alt- und Innenstadt“. Und weiter: „Die für die nächsten Jahre angedachte Europeade (2024 oder 2025) der europäischen Trachtentanzgruppen in Görlitz könnte dafür ein Startschuss sein.“ Ein wichtiger Aspekt sei ferner die Gründung einer landsmannschaftlichen Organisation im Kreis Görlitz. „Diese Gründung wird noch dieses Jahr stattfinden. Und natürlich wollen wir das Land Niedersachsen als Patenland weder aus der Verantwortung entlassen, noch vor den Kopf stoßen durch einen übereilten Umzug des Deutschlandtreffens“, kommt Rauhut dann doch klarer zum Markenkern.

Mit Schlesischen Musikfesten gezeigt, was geht

Hingegen zeigt er sich bei der Feststellung gereizt, politische Forderungen spielten faktisch keine Rolle mehr. „Das stimmt nicht. Die politischen Forderungen reichten eben von der Stärkung der deutschen Volksgruppe in Polen, speziell des muttersprachlichen Deutschunterrichtes bis zur Neuaufstellung und zum Ausbau der Kulturförderung der deutschen Heimatvertriebenen und Aussiedler in der Bundesrepublik. Die Rückkehr zu den europäischen Grundsätzen des Subsidiaritätsprinzips und eines Europas der Regionen war eine zentrale Forderung meiner Rede. Es reicht nicht, von einer grenzüberschreitenden europäischen Region Schlesien in Sonntagsreden zu sprechen, man muss die rechtlichen, politischen und bürokratischen Voraussetzungen dafür schaffen.“ Aber haben sich die organisierten Schlesier hier nicht doch zu weich gezeigt, auch um den Erhalt spärlicher Zuwendungen nicht zu gefährden, die angesichts des Umfangs heute im Grunde fast schon verzichtbar sein sollten? Stephan Rauhut betont, dass Projektförderungen stets zugenommen haben, also immer weniger institutionelle Förderung möglich war. Es gehe heute um „gezielte Projekte wie die grenzüberschreitenden Studentenseminare im Haus Schlesien Königswinter sowie in Oberschlesien – oder für Kulturveranstaltungen nach § 96 Bundesvertriebenengesetz. Die Kulturförderung des Bundes und der Länder ist also ein Gesetzesauftrag, ganz gleichgültig, ob die Erlebnisgeneration noch als Träger dieser Kultur vorhanden ist. Der Gesetzesauftrag bleibt und die landsmannschaftlichen Gruppen bundesweit füllen diesen Auftrag aus – ganz unterschiedlich stark – oft aus eigener Kraft – gefördert.“ Bloß weil die Landsmannschaft nicht in den Negativschlagzeilen stehe, heiße das nicht, dass man ’weich’ geworden sei. „Wir sind salonfähig geworden und erreichen dadurch viel mehr politisch als durch lautes Getöse oder provokante Thesen und unrealistische Forderungen. Mit unserem Weg der letzten zehn Jahre sind wir stärker in die Öffentlichkeit zurückgekehrt, als man sich das in den Jahrzehnten ab 1990 vorgestellt hat“, ist er nach Wegfall der großen politschen Prominenz sicher. „Wir werden wieder politisch ernst genommen, es gab Gruppenneugründungen, es gibt die neue bundesweite Gruppe ’Junges Schlesien’, wir werden in den Sozialen Netzwerken gefunden und in großer Zahl nachprüfbar verfolgt. Die Landsmannschaft Schlesien ist heute stärker und breiter aufgestellt als vor zehn oder 20 Jahren!“ Doch Beispiele wie „ein voll besetztes Bonner Münster bei einer schlesischen Maiandacht oder 6.000 Teilnehmer bei der Mutter-Anna-Wallfahrt der Landsmannschaft Schlesien im rheinischen Neviges“ bleiben punktuelle Ausnahmen. In der schlesischen Oberlausitz hatte sich die Landsmannschaft jüngst mit den „Schlesischen Musikfesten“ bewährt. Ob jedoch Nordrhein-Westfalen oder schlesische Lausitz: „All das sind starke Signale einer lebendigen schlesischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland“, so Rauhut.
Doch mit dem Generationenwechsel scheint der Trend zur Neiße hin unausweichlich und die Stadthalle hierbei eine wichtige Option zu sein. Doch auch das Görlitzer Hinterland bietet immer wieder Perspektiven. Lieder, mundartliche Lesungen und Volkstänze stehen so zum Beispiel im Mittelpunkt des 11. Treffens der Chöre der Vertriebenen und Spätaussiedler mit Chören aus Schlesien am 25. Juni in und um die St. Johanneskirche Reichenbach. Um 10.00 Uhr beginnt ein Festgottesdienst, anschließend folgt die Eröffnung mit den Hymnen früherer rein deutscher Siedlungsgebiete in Mittel- und Osteuropa. Im Anschluss laden Chöre zum Konzert in die St. Johanneskirche. Im Via-Regia-Haus Reichenbach wird es eine Ausstellung über Vertriebene und Volkstänze geben. Schwierig sieht es da eher um das Wissen um das Erbe auch bei uns aus. Denn in der Pressemitteilung der Stadt Reichenbach war von Deutschen aus Schlesien jenseits der Neiße nicht die Rede. Diese waren auf einmal nur profilarm „Gäste aus Polen“.

Till Scholtz-Knobloch / 23.06.2023

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Kommentare zum Artikel "Hannover 2023 als Plädoyer für Görlitz"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Isabella schrieb am

    Meine Damen und Herren, bin eigens zu diesem Treffen aus Oberschlesien angereist. Ihr Bericht, ohne, dass der Autor dabei gewesen anwesend gewesen war, ist eine Katastrophe des Journalismus. Einfach nur peinlich! Herr Minkus vor fünf Minuten vor dem Schluss dabei. Nun wird seine Meinung als maßgebend genommen... es ist so, als ob jemand fünf Minuten vor Filmschlussende ein Film gesehen hätte und eine Rezension schreibt. Mit Verlaub: Einfach nur peinlich. Ein Niveau einer Wochenendzeitung, nichts mehr und nichts wenigen..

  2. Stephan Rauhut schrieb am

    Es waren nicht "nur" der Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe, Deniz Kurku, anwesend, sondern auch die Präsidentin des niedersächsischen Landtages, Hanna Naber, die zuständige Innenministerin Behrens, der Fraktionsvorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Tonne oder der Vorsitzende der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU-Niedersachsen, Heiko Schmelzle anwesend. Darüber hinaus war die Vorsitzende des Innenausschusses des niedersächsischen Landtages, Doris Schröder-Köpf, anwesend.
    Außerdem wurde durch die niedersächsischen CDU-Landtagsfraktion ein Empfang im Landtag für die Landsmannschaft Schlesien gegeben.
    Mehr Politik geht wohl kaum. Vielleicht sollte der Autor des Artikels das nächste Mal persönlich beim Deutschlandtreffen der Schlesier dabei sein, um nicht so einseitig berichten zu müssen.

  3. Stephan Rauhut schrieb am

    https://landsmannschaft-schlesien.de/deutschlandtreffen-2023/nggallery/page/1

    Bilder sagen mehr als tausend Worte. Ein Titelbild zu nehmen mit einem leeren Saal vor Veranstaltungsbeginn ist nicht sehr aussagekräftig.

    Machen Sie sich selbst ein Bild.

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