Direkt zum Inhalt springen
Info & Kommentare

Oberlausitz-Niederschlesien als diskriminierender Name?

Oberlausitz-Niederschlesien als diskriminierender Name?

Wolfgang Liebehenschel – ein Nachfahre Martin Luthers – ist vielen Görlitzern als engagierter Kämpfer für das kulturgeschichtliche Erbe der Stadt bestens bekannt. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Hagenwerder. Mit Beschluss des Görlitzer Stadtrates vom 4. November wurde festgelegt, dass die Stadt für die Grenzbrücke zwischen Hagenwerder und Radmeritz (Radomierzyce) den Namen „Oberlausitz-Niederschlesien-Brücke“ vorschlägt.

Dieser Vorschlag wurde so auch mit Schreiben des Oberbürgermeisters an das zuständige Sächsische Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr (SMWA) übermittelt, damit dieses die Zustimmung der polnischen Seite für die Namensgebung einholt und danach die Namensgebung formal vollzogen werden kann.

Der aus Görlitz stammende frühere Oberbaurat und Hochbauamtsleiter in Berlin-Kreuzberg sowie Leitender Baudirektor und Unterer Denkmalschützer für Berlin-Kreuzberg, Wolfgang Liebehenschel, übt gegenüber der Redaktion des Niederschlesischen Kuriers Kritik an der Reihenfolge der Namensteile. Die namentliche Gleichstellung von Niederschlesien und Oberlausitz in dem Brückennamen sei „geschichtsklitternd“ angesichts der Tatsache, dass die völkerrechtswidrige Anordnung der SED-Bezirksleitung zur Angliederung Schlesiens westlich der Neiße an Sachsen ohne Volksbefragung vom 23. Juli 1952 diktiert wurde. Richtiger wäre für die Brücke mit zwei ebenso schlesisch wie oberlausitzischen Ufern der Name: Niederschlesien-Oberlausitz-Brücke. „Damit wäre endlich der Ruch kommunistischer Geschichtsklitterung beendet“, so Wolfgang Liebehenschel, der von Berlin aus das Geschehen in Görlitz stets verfolgt.

Till Scholtz-Knobloch / 03.01.2022

Schlagworte zum Artikel

Was sagen Sie zu dem Thema?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung

Die Mail-Adresse wird nur für Rückfragen verwendet und spätestens nach 14 Tagen gelöscht.

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, dass der angegebene Name, Ihre Email-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, von uns im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die Email-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder weiter gegeben. Weitere Informationen zum Datenschutz bei alles-lausitz.de finden Sie hier. Bitte lesen Sie unsere Netiquette.

Kommentare zum Artikel "Oberlausitz-Niederschlesien als diskriminierender Name?"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Nolli schrieb am

    Dann hat Johannes wohl übersehen, dass die als Niederschlesien bezeichneten Gebiete der OBERLAUSITZ östlich und westlich der Neiße zwar einerseits schon lange zur Oberlausitz gehört haben, aber seit 1815 auch zu Schlesien und in dieser Zeit Schlesien einen kräftigen Stempel hinterlassen hat. Es ist richtig: Erst durch die von Preußen initiierten Aufteilung Sachsens und damit der Oberlausitz 1815, wurden diese Teile preußisch. Sie wurden aber nicht dem Kreis Liegnitz zugeordnet, sondern dem Rerierungsbezirk Liegnitz. Joahnnes gehört wie viele der radikalen Oberlausitzer zu der Gruppe, die nicht akzeptieren können, dass sich Identitäten auch überschneiden können und Oberlausitz und Niederschlesien eigentlich kein Gegensatz sein müssen. Es ist jedoch erstaunlich, dass es immer wieder Stimmen gibt, die aus der sächsischen Oberlausitz den schlesischen Oberlausitzern ein Bein abhacken wollen. Das führt im Endeffekt dazu, dass man auf die Oberlausitz keine Lust mehr hat. Es ist also ein Stück Selbstverstümmelung des Oberlausitzgefühls! Übrigens sind nicht erst 1945 Schlesier in die die schlesischen Teile der Oberlausitz gekommen. Der Aufschwung von Görlitz ist Teil einer Blüte Schlesiens im 19. und 20. Jahrhundert. Hingegen ist z.B. im seit 1815 (auch) schlesischen Hoyerswerda später ein großer Zuzug von Sachsen erfolgt, der dort zur Folge hatte, dass ein schlesisches Gefühl dort eher die Ausnahme ist. Es ist in der Geschichte oft etwas komplizierter, wie es Menschen mit einfachen Erklärungen wie Johannes, Brawor oder Tony darstellen möchten. Überlegt euch gut, ob ihr den Oberlausitzer Zusammenhalt dadurch kaputt machen möchtet, indem ihr einen eben auch schlesischen Weg nach 1815 einfach wereden wollt. An solchen Worten wie "Niemals" erkennt man doch die plumpe einseitige Zwangsbekehrung. Man kann vielleicht streiten, ob eine Brücke nun so wichtig in der Benennung ist oder ob Schlesien untergeht, wenn es erst an zweiter Stelle steht. Unzweifelhaft bleibt, dass am linken und am rechten Ufer die Oberlausitz liegt und das zugleich am linken und am rechten Ufer Niederschlesien liegt.

  2. Johannes schrieb am

    Dann hat der Herr Liebehenschel wohl übersehen, dass die als Niederschlesien bezeichneten Gebiete der OBERLAUSITZ östlich und westlich der Neiße schon immer zur Oberlausitz gehört haben und nie zu Schlesien. Erst durch die von Preußen initiierten Aufteilung Sachsens und damit der Oberlausitz 1815, wurden diese Teile preußisch, und politisch dem schlesischen Kreis Liegnitz zugeordnet. Der Name "Oberlausitz-Niederschlesien-Brücke" ist daher ok, da man hier von der Oberlausitz in Richtung Niederschlesien fährt. Von daher ist Sachsen eigentlich ein kleiner Kriegsgewinnler, da es nach der Wende Gebiete zwischen Hoyerswerda, Weißwasser und Görlitz zurück bekam, welche Preußen 1815 annektiert hat. Manche mögen es nicht wahrhaben wollen, aber es gibt historisch gesehen heute in Deutschland keine schlesischen Gebietsteile mehr, sondern nur Teile der Oberlausitz welche heute in Polen liegen. Sehr wohl haben aber viele schlesische Menschen mit ihrer Identität hier nach der Vertreibung ihre Heimat gefunden haben.

  3. Bawor schrieb am

    Johannes Wüsten schreibt ungefähr um das Jahr 1932, als Görlitz noch "schlesisch" war: "Mit Görlitz selbst haben die verschiedenen Friedenskongresse die verschiedensten Blödheiten angestellt... Seit 1814 gehört die Stadt zu Schlesien, zu dem sie bestimmt nicht gehört. Schlesien ist was ganz anderes als die Oberlausitz. Breslau zum Beispiel ist schlesisch. Görlitz unter gar keinen Umständen!" Da ist nichts zu ergänzen. Bereits der Kommentator "Tony" legt sauber und treffend dar, wie es eigentlich zu der schlesischen Episode kam und wie es zu bewerten ist. Für mich ist die übermäßige Betonung "Schlesiens" revisionistisch, aus Richtung meist "konservativer" oder "rechter", in jedem Fall rückwärtsgewandter Geister, die sich einbilden, im Görlitzer Land die letzte Bastion des sonst besetzten oder geraubten Schlesiens zu erblicken. Lediglich Kromlau und Pechern haben einen wirklichen Bezug in Sachsen zum historischen Schlesien. Görlitz ist eine Brücke nach Schlesien, ggf. eine Erinnerung daran. Ebenfalls Wüsten: "In der Oberlausitz ist der schlesische Einschlag schon recht spürbar..." So kann man es versöhnlich stehen lassen - aber es bleibt die gute, alte Oberlausitz!

  4. Tony schrieb am

    Herr Liebehenschels Argumentation erscheint auf den ersten Blick schlüssig, wenn auch arg knapp. Allerdings übersieht er den, so steht zu vermuten, eigentlichen Grund für die gewählte Bezeichnung, welcher überhaupt erst zur Ausprägung des Namens Niederschlesien für dieses Gebiet geführt hat: Die Teilung der Oberlausitz im Zuge des Wiener Kongresses von 1815 und das Zuschlagen großer Teile zu Preußen.

    Bis dahin war die Oberlausitz ein in sich geschlossenes, in vielen Punkten autonomes Territorium am Ostrand Sachsens, als dessen stärkste Vertreter sich vor allem die Görlitzer Bürger verstanden. Erst in Folge des Wiener Kongresses wurden die Gebiete rund um Görlitz, Weißwasser, Hoyerswerda und Lauban überhaupt erst von Sachsen abgetrennt und preußisch. Auch wurden sie der Region Schlesien nur deshalb zugeschlagen, weil man damals aus politischen Gründen aus den hinzugewonnen Kreisen keine separate Provinz "Preußische Lausitz" (dann im Verbund mit der Niederlausitz) zu formen gedachte. Mit dem Fokus auf das Görlitzer Land als "Niederschlesien" unterschlägt er also seinerseits den zuvor ebenso aufgezwungenen Akt der Trennung. Zumal dieser durch das Einführen einer echten Staatsgrenze, teils mitten durch bestehende Ortschaften, völkerrechtlich noch weit anfechtbarer gewesen wäre. Der Einschnitt für die Bevölkerung war bei zugleich noch weniger Mitspracherecht noch wesentlich schärfer als der im Vergleich kleinere Bruch von 1952, denn es wurden eine neue Staatsbürgerschaft aufgezwungen sowie wirtschaftliche Verbindungen gewaltsam gekappt. Nur war zu dem Zeitpunkt das Völkerrecht in der Form noch nicht etabliert, sodass der Protest der Bevölkerung weitgehend stumm bleiben musste. Zugleich läuft er Gefahr, auf diese Weise dem eigentlichen Niederschlesien, welches seine historische Grenze mit der Oberlausitz östlich von Lauban hatte, einen Teil der eigenen Identität zu verweigern.

    Der gewählte Name für die Brücke ist daher ein durchaus gangbarer Kompromiss, der die Geschichte deutlich besser repräsentiert als die von Herrn Liebehenschel vorgeschlagene, umgekehrte Reihenfolge.