Kommentar: Ursu bleibt – Kretschmer wird Kanzler

Noch-nicht-Bundeskanzler Michael Kretschmer und Wieder-OB-Octavian Ursu könnten künftig gemeinsam noch mehr Nippel durch die Lasche ziehen. Foto: Matthias Wehnert
Görlitz. Auch die nächsten sieben Jahre wird der Oberbürgermeister von Görlitz Octavian Ursu heißen. Wie bereits im ersten Wahlgang erwiesen sich die Stimmen der Briefwahl als entscheidend. Die Einbeziehung dieser Stimmen führten auch am vergangenen Sonntag letztlich noch dazu, dass sich das Blatt im Laufe des Abends wie im ersten Wahlgang noch einmal wendete. 55,8 Prozent der Stimmen für Ursu standen am Ende 44,2 Prozent der Stimmen für Sebastian Wippel gegenüber.
Während im Amtszimmer des Görlitzer Oberbürgermeisters am Untermarkt mit der Wiederwahl von Ocatavian Ursu erst einmal alles beim Alten bleibt, braut sich für die Union auf Bundesebene einiges zusammen. Mit miserablen Meinungsumfrageergebnissen aufgrund der Abhängigkeit gegenüber der SPD infolge der Brandmauer sowie der ungelösten Streitigkeiten mit den Sozialdemokraten geriet Bundeskanzler Friedrich Merz dieser Tage so weit unter Druck, dass letztlich Szenarien eines Kanzlertausches aus der CDU-Zentrale durchdrangen. Die wachsende Unzufriedenheit in Teilen der CDU ließ sich nicht mehr deckeln. Als möglicher Nachfolger wurde vor allem der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst aus dem mitgliederstärksten CDU-Landesverband ins Spiel gebracht. Die Debatte gewann zusätzliche Dynamik, weil Merz bereits bei seiner Wahl im Mai 2025 als erster Kanzlerkandidat der Bundesrepublik im ersten Wahlgang gescheitert war und erst im zweiten Anlauf die erforderliche Mehrheit erhielt. Zwar stellten sich nun zahlreiche Unionspolitiker demonstrativ hinter den Kanzler, parallel tauchte als theoretisches Alternativszenario aber immer wieder die Frage auf, ob die Union bei einem Bruch mit der SPD künftig auf wechselnde Mehrheiten oder sogar auf Stimmen der AfD setzen könnte. Merz schloss solche Gedanken aus.
Der smarte Wüst muss nicht unbedingt glücklich über die frühe Nennung seines Namens sein, denn Testballons für eine Debatte haben oft das Schicksal schnell wieder vom Himmel geschossen zu werden. Auch die Nennung der Namen Markus Söder und Jens Spahn könnte noch in die Taktikphase fallen. In Sachen Meinungswechsel hat selbst Merz gegenüber Söder Defizite. Und ob nach den Maskendeals Spahn nicht ebenso längst verbrannt ist, steht auch im Raum. Der lachende Vierte wartet in seinen Dresdner und Görlitzer Kämmerlein bzw. ist zuletzt bereits auffällig häufig in Berlin gesichtet worden. Michael Kretschmer fliegt dabei der für ihn günstige Umstand zu, dass man ihm unterstellt, mit einigen Nuancen zur Rest-CDU, überhaupt der AfD im Osten Paroli bieten zu können. Beim Verhältnis zu Russland und dem Krieg fallen tatsächlich ein paar Krumen ab. Reicht das um ein paar Jahre mehr eine Hängepartie einzurichten? Angesichts der völlig verfahrenen Sackgasse, in der die CDU nicht mehr ohne Getriebeschaden wenden kann, lege ich mich mal fest: Michael Kretschmer wird der nächste Übergangskanzler und wird Octavian Ursu dann noch einige Bälle zuspielen, die dieser erneut als eigenen Erfolg verkaufen darf.