„Wir wollen nicht verrecken!“

Die Gedenkstätte auf dem Karnickelberg erinnert auch an den Gefangenenaufstand von 1950.
Bautzen. Es war ein Schrei, der bis in die Stadt hallte. „Hunger – Hunger, Hilfe – Hilfe, wir wollen nicht verrecken, wir wollen unsere Freiheit!“ Tausende Männer brüllten diese Worte aus den Fenstern des „Gelben Elends“ in Bautzen. Am 31. März 1950 wurde der erste und größte Häftlingsaufstand in der DDR brutal niedergeschlagen. Viele der gegen die unmenschlichen Haftbedingungen im „Gelben Elend“ aufbegehrenden Gefangenen wurden schwer verletzt. In der DDR war die Geschichte des Lagers und Gefängnisses ein Tabu – öffentlich durfte nicht darüber gesprochen werden. Die Überlebenden aber haben nie vergessen. Seit der Friedlichen Revolution 1989/90 wird ihre Geschichte endlich erzählt und aufgearbeitet.Mehr als 6000 Männer waren damals auf engstem Raum im Speziallager Bautzen I inhaftiert. Die meisten von ihnen waren von sowjetischen Militärtribunalen verurteilt worden – oft ohne Beweise, ohne Verteidiger.
„Die Geständnisse sind in den sowjetischen Urteilen in der Regel unter Folter erzwungen worden“, erklärt Cornelia Bruhn, Historikerin und verantwortlich für das Zeitzeugenbüro der Gedenkstätte Bautzen. „Die Urteile finden in der Regel ohne Verteidigung statt und ohne adäquate Übersetzung aus dem Russischen. Es sind keine rechtsstaatlichen Urteile in unserem heutigen Sinne.“
Als die sowjetische Militäradministration das Lager im Februar 1950 an die junge DDR übergab, keimte unter den Häftlingen Hoffnung auf. Vielleicht würden die deutschen Behörden die Urteile überprüfen, vielleicht kämen sie endlich frei. Doch das Gegenteil trat ein: Die Essensrationen wurden um ein Drittel gekürzt, die Sonderkost für Tuberkulosekranke komplett gestrichen. Die deutschen Aufseher, so erinnern sich Zeitzeugen, griffen härter durch als die Sowjets.
Am 13. März 1950 kam es zum ersten Hungerstreik. „Ich erlebte während meiner Haftzeit im Jahre 1950 einen Haftaufstand“, erinnert sich Jochen Stern. Heute ist er 97 Jahre alt, kommt immer noch jedes Jahr zum Tag des offenen Denkmals in die Gedenkstätte Bautzen. „Wir mussten leider erfahren, dass sowohl die Ernährung als auch die ganze Behandlung noch schlechter war als bei den Russen in der letzten Zeit. Also haben wir dann am 13. März 1950 geschrien. Wir standen an den Fenstern der jeweiligen Säle. Es gab acht Säle in Bautzen damals. Pro Saal waren ungefähr 400 Gefangene dort untergebracht. Und wir brüllten Sätze raus: Wir rufen das Deutsche Rote Kreuz. Wir sind unschuldig.“
Doch die sowjetische Kommission, die daraufhin anreiste, versprach Verbesserungen – und die Volkspolizei nahm alles zurück, sobald die Kommission abgereist war.
Am 31. März 1950 wiederholte sich der Protest. „Diesmal war die Volkspolizei vorbereitet und drang in unsere Säle hinein. Und wir wurden mit Gummiknüppeln bearbeitet, dass sehr viele von uns ins Lazarett mussten, weil sie schwere Verletzungen erlitten haben.“, erzählt Jochen Stern.
Die Brutalität ging auch an den Kranken nicht vorbei. „Wir erlebten an dem 31. März, wie unser Lazarettläufer, Hotte Strunz, der die Aufgabe hatte, Blutuntersuchungen und Sputumuntersuchungen ins Lazarett, ins Labor zu bringen, wie der von fünf Polizisten geschnappt wurde, verprügelt worden ist und ins Haus 2, in den Keller kam“, berichtet Kurt Pickel, der beim Aufstand selbst schwer verletzt wurde. „Und das haben oben aus dem Saal welche gesehen und fingen sofort an zu brüllen: „Hilfe, Hilfe, man schlägt Kranke.“
Pickel war damals gerade 19 Jahre alt. Er wurde beim Aufstand so schwer verprügelt, dass er drei Jahre im Gipsbett verbringen musste. Angeführt wurde die Niederschlagung von Anstaltsleiter Erich Reschke und seinem Stellvertreter Operativ, Gustav Schulze – genannt „Hunde-Schulze“. „Beide waren die maßgeblichen Personen, die den Aufstand niederschlugen. Reschke hatte es angeordnet, Schulze hatte es umzusetzen.“, erklärt Dr. Jan-Henrik Peters, Historiker an der Gedenkstätte Bautzen.
In seinem offiziellen Bericht an die Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei rechtfertigte Reschke das Vorgehen mit nüchternen Worten: „Die Strafgefangenen ließen sich nicht belehren, sondern setzten ihre Demonstration in Sprechchören mit nachfolgenden Worten fort: ‚Wir verlangen das Rote Kreuz, Hunger – Hunger, wir wollen nicht verrecken, lasst uns raus, ihr Verbrecher, Hilfe – Hilfe‘ und so weiter. Da diese Demonstration nicht nur in Haus III, Saal 3, sondern in allen Sälen der Anstalt stattfand, sah ich mich gezwungen, aus der Defensive herauszugehen. Durch Herbeirufen der Bereitschaft und Gebrauch der Gummiknüppel wurde die Ruhe wieder hergestellt.“
Der Aufstand vom 31. März 1950 brachte keine Freiheit, keine Gnade. Aber er war ein Zeichen: Dass Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, sich nicht einfach ergeben. Dass sie gehört werden wollen. Und dass sie nicht vergessen sind – solange wir daran erinnern.
Am Sonntag, 29. März, wird der Opfer dieses ersten und größten Häftlingsaufstands in der DDR gedacht. 11.00 Uhr findet im Dom St. Petri in Bautzen ein Gottesdienst statt. Anschließend, 12.30 Uhr, lädt das Bautzen-Komitee gemeinsam mit der Gedenkstätte Bautzen zu einer Gedenkfeier mit Kranzniederlegung auf die Gräberstätte „Karnickelberg“ an der heutigen Justizvollzugsanstalt Bautzen ein. Musikalisch umrahmt wird die Feier von einem Ensemble der Kreismusikschule Bautzen.