Zwischen Versorgungsauftrag und Regulierungswut

Heiko Neumann im Beratungsgespräch. Kunde René Schwarze schätzt Vor-Ort-Beratung. Foto: Till Scholtz-Knobloch
Niesky. Ein neues Apothekengesetz, das zusätzliche Aufgaben für Apotheken vorsieht, ist derzeit heiß umstritten. Die Redaktion hat mit Heiko Neumann einen Nieskyer Apotheker anlässlich des Tages der Apotheken am 7. Juni befragt, der sich im Ausschuss Öffentlichkeitsarbeit der Apothekerkammer engagiert.
Heiko Neumann blickt mit gemischten Gefühlen auf die aktuellen gesundheitspolitischen Vorhaben. Denn ein neues Apothekengesetz sieht ja zusätzliche Aufgaben für Apotheken vor – von erweiterten Impfangeboten über die mögliche Abgabe verschreibungspflichtiger Medikamente in Notfällen bis hin zu diagnostischen Leistungen wie Bluttests.
Lücken im ländlichen Raum?
„Beim Impfen habe ich ehrlich gesagt Respekt“, sagt er. Zwar gehöre das Impfen bereits zum Alltag in vielen Apotheken, eine Ausweitung auf weitere Impfstoffe erhöhe jedoch das Risiko. Es brauche eine sorgfältige Beratung und im Ernstfall auch eine schnelle medizinische Intervention. „Da sehe ich den Arzt klar in der besseren Ausgangsposition“, so Neumann mit Blick auf die Patientensicherheit. Ob er mit sorgfältiger Beratung hier den Aktionismus unter Covid und folgenden Impfschäden anspricht einmal dahingestellt. Anders bewertet er jedenfalls die geplante Notfallabgabe verschreibungspflichtiger Medikamente. Gerade in ländlichen Regionen könne das tatsächlich Versorgungslücken schließen. Wenn Arztpraxen geschlossen seien, sei die Apotheke oft der einzige kurzfristig erreichbare Ansprechpartner. „Wenn jemand am Freitagabend seine Dauermedikation nicht mehr bekommt, kann das für den Patienten schnell zum Problem werden“, erklärt er. In solchen Fällen könne eine begrenzte Abgabe in der Apotheke die Versorgung stabilisieren.
Im Alltag der Apotheken spielt jedoch weniger die neue Aufgabenverteilung eine Rolle als der wachsende Verwaltungsaufwand. Der Nieskyer berichtet von sogenannten Retaxationen durch Krankenkassen – also der nachträglichen Verweigerung der Erstattung bereits abgegebener Medikamente. „Das Medikament ist beim Patienten angekommen, aber wir bleiben auf den Kosten sitzen“, berichtet er hier über zunehmenden Ärger. Häufig seien es formale Gründe, etwa fehlende Daten in elektronischen Rezepten. Für ihn ist das ein Beispiel dafür, wie technische Umstellungen neue Unsicherheiten erzeugen.
Auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sieht Heiko Neumann unter Druck. Die Vergütung für verschreibungspflichtige Arzneimittel sei seit Jahren kaum angepasst worden, während Personal- und Betriebskosten gestiegen seien. Die Folge spüre man besonders in kleineren Orten und im ländlichen Raum, wo es zunehmend schwer werde, Personal zu gewinnen und Notdienste zu besetzen.
Inkasso der Krankenkassen
Hinzu komme hingegen die Konkurrenz durch den Versandhandel. Zwar sei dieser rechtlich Teil des Systems, dennoch verschiebe er nach seiner Einschätzung die Versorgung zunehmend weg von der Vor-Ort-Apotheke. „Das verändert die Struktur spürbar“, so Neumann.
Am Ende steht für ihn eine Frage im Vordergrund, die über einzelne Reformen hinausgeht: Wie viel wohnortnahe Versorgung soll die klassische Apotheke künftig noch leisten können – und unter welchen Bedingungen? Und er setzt noch einen Stoßseufzer: „Wir sind ja quasi das Inkassounternehmen der Krankenkassen, weil wir die Zuzahlung für verschreibungspflichtige Medikamente 1:1 an die Krankenkasse weiterzugeben haben. Wir Apotheker haben davon ja außer Verdruss beim Kunden nichts. Die Zuzahlung soll ja auch steigen“.