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Beim Waggonbau Görlitz gehen die Lichter aus

Beim Waggonbau Görlitz gehen die Lichter aus

Straßenbahn auf dem Ring (Rynek) in Kattowitz. Die Stadt saugt künftig die Arbeiten in Görlitz ab. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Görlitz. Der Rohbau der Waggons vom Alstom-Werk in Görlitz soll künftig in Kattowitz erfolgen. Das Görlitzer Werk steht damit praktisch vor dem Aus, hatte der Tagesspiegel vergangene Woche als erster gemeldet. Bis Mitte 2026 wäre dann die Fertigung abgeschlossen. Aber auch die Standorte Bautzen, Hennigsdorf bei Berlin, und Salzgitter verlieren nach Angaben von Arbeitnehmervertretern Produktionskapazität.

Der Niedergang deutscher Industriestandorte setzt sich damit im auch dank immenser Energiepreise kaum mehr rechnenden Deutschland weiter fort und führt nun also auch zu einer Verschiebung vom westlichen Rand Schlesiens in Deutschland an dessen östlichen Rand in Polen. In der oberschlesischen 280.000-Einwohner-Metropole Kattowitz wird künftig der Rohbau der Waggons stattfinden.

Das Unternehmen plane, sich in Deutschland auf Service und Digitalisierung sowie den Innenausbau zu konzentrieren, wovon Görlitz allerdings nicht betroffen ist!

Auf dem 150 Jahre alten Görlitzer Industrieareal arbeiten derzeit 700 Beschäftigte für Alstom. Aktuell werden dort vor allem Waggons für einen israelischen Kunden hergestellt und Straßenbahnprojekte. Investitionen hatte es schon unter Bombardierregie kaum gegeben. Alstom hatte erst 2021 die kanadische Bombardier Transportation übernommen, die zuvor die Deutsche Waggonbau und Adtranz gekauft hatte.

Das sächsische Wirtschaftsministerium in Dresden fordert nun, dass der 150 Jahre alte Standort erhalten bleibe und erwarte Vorschläge von Alstom. Die Strategie der französischen Konzernführung sieht jedoch vor, die Produktion neben Kattowitz (Katowice) auch in Breslau zu konzentrieren und bei Bedarf im Werk in Bautzen fortzuführen. Görlitz geht leer aus.

Die IG Metall hatte erst vor gut einem Jahr einen „Zukunftstarifvertrag“ mit Alstom geschlossen, um die 9.000 Arbeitsplätze zu sichern und den Standorten Perspektiven zu bieten.

Die Beschäftigten verzichteten auf insgesamt 34 Millionen Euro Urlaubsgeld pro Jahr, im Gegenzug sagte der Konzern Investitionen zu. Da Alstom seine Verpflichtungen nun wohl nicht eingehalten haben dürfte, hat die IG Metall den Tarifvertrag gekündigt und bereitet nun Klagen vor, um die Zahlung des Urlaubsgeldes zu erzwingen. 
Aus dem Rathaus erreichte die Redaktion eine Pressemitteilung mit dem Griff nach dem Strohhalm: „Der Erhalt der Industriearbeitsplätze hier am Standort Görlitz über das Jahr 2026 hinaus ist für die (...) Mitarbeiter und für die Stadt extrem wichtig. Wir werden alles tun, um das zu erreichen. Gemeinsam mit Ministerpräsident Michael Kretschmer bin ich dazu mit dem Alstom-Betriebsrat im engen Austausch“, bekundete Oberbürgermeister Octavian Ursu.

 

Kommentar "Politik stellte Weichen falsch", ebenfalls aus dem Niederschlesischen Kurier vom 1. Juni 2024:

Der Abschied in Raten vom Waggonbau mündet nun also wie in Niesky auch in Görlitz im Aus. Der Ministerpräsident und die IG Metall wollen sich um neue Investoren kümmern. Was auch sonst? Und immer dann, wenn man eigentlich nur ernüchtert feststellen kann, dass wieder etwas weggebrochen ist, liest man im nächsten Satz entweder von einem „Industriepark“ oder alternativ von irgend einem „Campus“ – es sind die rein rhetorischen Wunderwaffen im ausbleibenden Eingeständnis, dass sich die Abwärtsspirale immer schneller dreht. Neben Waggons übrigens auch bei Loks: Linke-Hoffmann-Busch, oder Krauss Maffei. Wo ist die große deutsche Eisenbahnbautradition mit Weltmarktführerschaft geblieben? Die deutsche Wirtschaftspolitik hat Anteile nach und nach nach Frankreich verscherbelt, so dass gerade Siemens, Voith in Heidenheim und Grubenkleinloks von Schoema aus Diepholz in einer Nische geblieben sind. Vor der Wahl fallen nun bestimmt schillernde Worte von Hybridantrieben, dem Green Deal und/oder Solartechnik.
Noch vor zehn Jahren bin ich täglich in Polen mit holpernden Vorortzügen eine Stunde von Kandrzin (Kedzierzyn) bis Oppeln (Opole) – und damit nicht weit von Kattowitz entfernt – zu meiner damaligen Redaktion gependelt. Meist mit über einer halben Stunde Verspätung. Kürzlich habe ich diese Tour über nun viel schnellere neue Gleise, durch modernst ausgebaute Unterwegsbahnhöfe und in schicken, sauberen Triebwagen mit genug Sitzplätzen – weil mehrere Garnituren aneinander gekoppelt waren – absolviert und mich in einer anderen Welt gefühlt. Die gegensätzliche Entwicklung zu Deutschland! Eigentlich ist die Lage nur noch hoffnungslos. Wenn der Tagesspiegel einräumt: „Mit Blick auf die Landtagswahlen (...) wollte Alstom die Entscheidung über die Werksschließung ursprünglich erst im Spätherbst kommunizieren“, dann wird nicht nur Kungelei unserer Eliten offenbar, sondern auch der Grund, wieso sich die Politik so dermaßen viele völlig irrelevante „Themen“ ausdenkt, die dem Wähler als wichtig eben nur konstruiert angepriesen werden. Till Scholtz-Knobloch

 

Till Scholtz-Knobloch / 02.06.2024

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Kommentare zum Artikel "Beim Waggonbau Görlitz gehen die Lichter aus"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Tomek schrieb am

    Liebe Kerstin,
    warum halten die Deutschen still ? Zitat Napoleon Bonaparte: „Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche. Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden, die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgen sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung als ihre wirklichen Feinde.” - Das kannst Du JEDEN TAG in den Medien beobachten.

  2. Silke schrieb am

    Und wieder werden viele junge Menschen die Stadt Görlitz verlassen, weil es arbeitstechnisch hier keine Zukunft gibt. Danke an diese politische Führung, welche dieses hahnebüchene Spiel, dass nun seit Jahren mit dem Waggongbau betrieben wurde, gebilligt hat. Danke .

  3. Kerstin schrieb am

    Ich finde es eine Sauerei, warum wird in Deutschland, besonders im Osten alles an Industrie mutwillig zerstört. wehrt euch endlich, in anderen Ländern stehen sie auch auf, warum halten die deutschen still.

  4. Tomek schrieb am

    Frei nach Robert dem Weisen: Die Waggonbau-Arbeitsplätze sind ja nicht weg. Die sind jetzt nur woanders. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Wie wir an anderer Stelle lesen können, bekommt Görlitz nun endlich die Elektrifizierung der Eisenbahn. Das passiert zwar nicht durch die Berliner Führungselite, auch nicht aus dem Blutgeld, das die Region für die Niederschlagung des Braunkohleabbaus etc. erhalten soll, sondern dadurch, dass die Polen nun eine Stromleitung über den Neiße-Viadukt ziehen, und damit Görlitz an das internationale Bahnnetz anschließen. Wie schreibt man bei Radio Lausitz so treffend : "... Görlitz kommt wieder an das internationale Bahnnetz – aber zunächst nur mit Anbindung nach Osten, z.B. nach Warschau....". Vielleicht sollten wir das mal als ein Signal nehmen, und aufhören darauf zu warten, dass die erlauchten Kreise, die uns so gern abschätzig als Dunkeldeutsche betiteln, sich eines nie kommenden Tages unserer erbarmen. Betrachten wir diese Elektrifizierung also als Einladung, und bauen wir die Zusammenarbeit mit den Polen zukünftig stärker aus, und partizipieren wird an der wachsenden Wirtschaftskraft Polens.

  5. Fritz schrieb am

    Da hat doch unsere Regierung alles richtig gemacht... da wird ja Deutschland das Klimaziel erreichen.

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