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Gesamtpaket gegen Einsamkeit im Alter

Gesamtpaket gegen Einsamkeit im Alter

Die Mitarbeiter des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) helfen Senioren, sozial eingebunden zu bleiben – oben Matthias Kaleve und auf dem unteren Foto Silke Woschick. ⋌Fotos: ASB

Seit Jahren steigt die Zahl der älteren Menschen, die weitgehend ohne soziales Netz auskommen müssen: Oft wohnen die Kinder weit entfernt. Andere Angehörige oder Freunde gibt es kaum. Einrichtungen wie der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) unterstützen diese Senioren zum einen dabei, so lange wie möglich in ihrem eigenen Zuhause bleiben zu können. „Zum anderen bieten wir ihnen ein Betreuungs-Gesamtpaket gegen die Einsamkeit“, sagt Silke Woschick, Pflegedienstleiterin bei der ASB-Sozialstation in Kamenz.

Kamenz. Gerade hatten Karl und seine Erika noch ihre diamantene Hochzeit gefeiert. Sechzig Jahre waren sie verheiratet gewesen und hatten mit Ausnahme von Karls Armeezeit kaum einen Tag getrennt voneinander verbracht. Doch vor zwei Wochen starb Erika plötzlich. Herzinfarkt. Karl lebt nun alleine in der Dreizimmerwohnung nahe dem Kamenzer Forst. Eigentlich ist er noch rüstig, mit Haushaltsdingen aber heillos überfordert. Kein Wunder, darum hat sich immer Erika gekümmert. Die Kinder können dabei auch nicht helfen: Der Sohn ist kurz nach der Wende nach Bayern gezogen, die Tochter wenig später nach Frankreich. Karl will aber unbedingt in der Wohnung bleiben, die er so lange mit seiner Frau geteilt hat. „Die verlasse ich nur mit den Beinen voran!“ betont der 89-jährige.
Karl und Erika heißen eigentlich anders. Ihr Schicksal ist individuell, aber in manchen Punkten ähnelt es dem zahlreicher älterer Menschen, denen Silke Woschick täglich begegnet.

Die Pflegedienstleiterin der Sozialstation des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Kamenz und ihr rund zwanzigköpfiges Team unterstützen diese Senioren dabei, so lange wie möglich in ihrem Zuhause wohnen bleiben zu können. Silke Woschick erläutert am Beispiel Karls, wie das funktioniert: Nach dem Tod der Ehefrau kontaktierten Karls Kinder die Sozialstation. Als erstes traf sie sich dann mit ihnen und dem älteren Herrn in dessen Wohnung, um die genaue Situation festzustellen. Danach entstand eine Art „Gerüst“ aus verschiedenen Maßnahmen, die Karl in seinem Alltag helfen sollen: Die Türschwellen wurden eingeebnet, damit er sich leichter von Zimmer zu Zimmer bewegen kann. Zweimal pro Woche kommt die Mitarbeiterin eines hauswirtschaftlichen Dienstes. Zudem gab Silke Woschick Karl drei Informationsflyer: den zum Hausnotruf, den zum altersgerechten Wohnen und den zu den Angeboten der Tagespflege. Alle drei Institutionen gehören zum Verbund des ASB. Mehr Hilfe braucht Karl noch nicht. Aber bei einem seiner Nachbarn kann er sehen, wie die engmaschigere Betreuung durch den Arbeiter-Samariter-Bund aussieht, die ein sogenannter Pflegevertrag regelt: Den 90-jährigen, der leicht dement ist, besucht morgens ein Mitarbeiter der Sozialstation für die Grundpflege: waschen, anziehen, Frühstück. Danach holt ihn der Fahrer der ASB-Tagespflege ab. Diese ist ein teilstationäres Betreuungsangebot. Es vermittelt ihm tagsüber Struktur, soziale Kontakte, Aktivierung und bei Bedarf pflegerische Unterstützung. Konkret gibt es hier alles, was den Alltag bereichert: Spaziergänge an der frischen Luft, gemeinsames Kochen, Spiele und Gedächtnistraining. Mahlzeiten sind natürlich inklusive. Am Nachmittag wird der Nachbarn wieder nach Hause gebracht. Abends kommt der Pflegedienst noch einmal vorbei. „Viele ältere Menschen können mit einer solchen Betreuung bis zu ihrem Lebensende in der vertrauten Umgebung bleiben“, betont Silke Woschick. 

Die Unterstützung des ASB-Netzwerks sichert, wie man sieht, nicht nur die physischen Bedürfnisse der Senioren ab. „Es ist wichtig, dass diese Menschen Teil eines sozialen Miteinanders bleiben und sich gleichzeitig geistig beschäftigen und aktiv sein können“, erklärt Silke Woschick. Der Kontaktmangel zur Corona-Maßnahmen-Zeit habe so dazu geführt, dass viele Senioren mental abgebaut und eine Persönlichkeitsveränderung durchgemacht hätten. „Wir bieten ein Gesamtpaket gegen Vereinsamung“, fasst sie zusammen und bezieht sich dabei vor allem auf die Tagespflege. „Nicht umsonst ist die immer sehr gut besucht.“ In den heutigen Zeiten, wo die Kinder, wie bei Karl, oft weit weg wohnen und bei Problemen nicht direkt greifbar sind, ist es wichtig, dass die älteren Menschen Ersatzkontakte aufbauen können. Karl beispielsweise freute sich sehr, als er beim Schnuppertag in der Tagespflege einen alten Arbeitskollegen traf. Die beiden sind jetzt jeden Freitag dort zum Schachspielen verabredet. Manche Senioren fassten wiederum zu den Pflegekräften ein solches Vertrauen, dass sie diese als Familienersatz betrachteten, erzählt Silke Woschick. Ihr Team hilft im übrigen auch, wenn die älteren Menschen komplizierte Anträge ausfüllen müssen. Das fällt besonders schwer, wenn das nur digital geht, was leider oft der Fall ist. 

Auf ein tragfähiges Netz an Angeboten können auch die Bewohner des ASB-Pflegeheims „Am Schlosspark“ in Königsbrück zurückgreifen. „Wir haben einen sehr guten Kontakt zu unseren Bewohnern. Unsere Alltagsbegleiter und Betreuungsfachkräfte motivieren und fördern unsere Rentner täglich“, berichtet Pflegedienstleiterin Jeanette Klieme. Der Alltag in der Einrichtung sei durch regelmäßige Termine wie Arztvisiten, Besuche externer Therapeuten, Friseur und Fußpflege oder Veranstaltungen mit Hortkindern geprägt. Außerdem würden die meisten Bewohner oft von ihren Angehörigen besucht. „Da die Gegend hier ländlich ist, kennen sich viele der Familien schon lange und es gibt reichlich Gesprächsthemen“, fügt Jeanette Klieme hinzu. Daher sei die Einsamkeit im Alter, soweit es ihre Einrichtung betrifft, derzeit kein Thema. „Momentan gibt es bei uns niemanden, um den ich mir in dieser Hinsicht Sorgen machen müsste.“

Beate Diederichs / 20.01.2026

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