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Tanzumarmungen und offen bleibende Türen

Tanzumarmungen und offen bleibende Türen

Wagner Moreira (sitzend) bei Proben im Oktober Foto: Till Scholtz-Knobloch

Wagner Moreira ist nach zwei Jahrzehnten nach Görlitz zurückgekehrt und hat die Leitung der Tanzcompagnie des Gerhart-Hauptmann-Theaters übernommen. Er will Tanz nicht auf die Bühne beschränken, sondern auch an Orte bringen, an denen Menschen bisher kaum mit Tanz in Berührung kommen. Ein Gespräch über Fred Astaire, familiäre Freiheit und offene Türen vor Moreiras Premiere mit „Coppélia“ am 7. November.

Herr Moreira, Ihre Begeisterung für den Tanz soll mit Fred Astaire begonnen haben, den Sie als Kind nachts heimlich im Fernsehen sahen. Wie war das genau?

Wagner Moreira: Ich war ein freches Kind und schaltete abends den Fernseher ein, ohne dass meine Eltern es wussten. In Brasilien liefen damals gegen 22.00 oder 23.00 Uhr die guten Filme. Eines Nachts sah ich Fred Astaire tanzen und steppen. Da dachte ich: So etwas möchte ich auch machen. Ich wollte Schauspieler werden, denn für mich war Astaire ein Schauspieler. Und ich musste natürlich Stepptanz lernen.

Meine Tante suchte eine Tanzschule für mich. Dort hieß es, ich müsse erst zwei Jahre Ballett machen, bevor ich steppen dürfe. In meinem sehr katholisch-konservativen Umfeld galt Ballett als etwas für Mädchen.

Ihr Vater hat Sie dann aber doch ermutigt, heißt es.

Wagner Moreira: Ich fragte ihn, weil mir seine Meinung wichtig war. Ich sagte: ’Papa, ich möchte Schauspieler werden und Stepptanz lernen, aber dafür muss ich Ballett machen. Das ist doch nichts für Jungs.’ Er fragte: ’Hast du es überhaupt schon ausprobiert?’ ’Nein’, sagte ich. Dann sollte ich es erst einmal versuchen, meinte er, und anschließend entscheiden, ob es mir gefalle. Er sei mein Vater und unterstütze mich.

Meine Eltern hatten mit Kunst nichts zu tun und waren nie im Theater gewesen. Sie kamen erst durch meine Arbeit damit in Berührung. Aber die Botschaft meines Vaters war klar: Mach, was du willst, und sei glücklich.

Sie haben sich später auch künstlerisch mit dem Tod Ihres Vaters auseinandergesetzt. Er nahm sich vor mehr als 20 Jahren das Leben.

Wagner Moreira: Die genauen Gründe kennen wir nicht. Es gab keinen Brief und kein abschließendes Gespräch. Wir wussten nur, dass er sehr schnell in eine Depression geraten war. Ich habe etwa zehn Jahre gebraucht, um offen über dieses Thema sprechen zu können.

Als ich 40 wurde, entwickelte ich das Solo I Play Dead. Darin spiele ich meinen Vater und den Tod. Das Stück setzt sich auch mit Nacktheit und dem Verhältnis zwischen Darsteller und Publikum auseinander. Ich habe es in verschiedenen Ländern gezeigt.

Ich bin ein großer Anhänger von Respekt und Offenheit. Deshalb stelle ich die Entscheidung meines Vaters nicht infrage und suche auch nicht nach einer eindeutigen Erklärung. Die Auseinandersetzung mit seinem Tod war für mich eine Möglichkeit, über Freiheit und Selbstbestimmung nachzudenken. Übrigens: Das deutsche Wort Freitod empfinde ich als passend. Im Portugiesischen kann man nur von suicídio (Suizid) sagen.

Wenn Ihre Eltern aus keiner Welt der Kunst kamen, wie kam es dann zu Ihrem Vornamen Wagner, der wie der Wunsch nach einer Brücke zu Richard Wagner aussieht?

Wagner Moreira: Es gab tatsächlich keinerlei Verbindung zu Deutschland oder zur Kunst. Ich bin der erste Künstler in meiner Familie. In Brasilien gab es damals die Gewohnheit, dass bei manchen Familien auch die Namen der Kinder einem bestimmten Muster folgten. Mein Bruder heißt Wender, und meine Mutter suchte für mich ebenfalls einen Vornamen mit W. So kam sie auf Wagner, ohne etwas über Richard Wagner zu wissen.

Ich scherze manchmal, dass jemand, der in Brasilien Wagner als Vornamen trägt, wahrscheinlich aus Brasilien kommt. In meiner Heimatstadt gab es einen Deutschen namens Gerhard Wagner, der eine Fabrik hatte. Weil viele den Vornamen nicht aussprechen konnten, war er einfach ’der Wagner’. Vielleicht hat das den Namen dort vertrauter gemacht. Mit Richard Wagner hatte meine Namensgebung jedenfalls nichts zu tun. Als Tänzer wurde ich später von Kollegen allerdings Ritchie genannt.

Sie kamen 2003 nach Deutschland und kehren nun nach rund zwei Jahrzehnten nach Görlitz zurück. Zufall?

Wagner Moreira: Ich war zunächst in London, wo ich meine Ausbildung an einer Ballettschule abschloss. Bei einer Veranstaltung hörte jemand, dass ich Portugiesisch spreche. Sie suchte jemanden aus Südamerika, der für ein Jahr eine Tanzschule in Nordrhein-Westfalen übernehmen konnte. Zwei Monate später kam die Einladung.

Auch Görlitz ergab sich aus meiner Arbeit. Aber ich würde nicht sagen, dass es Zufall war. Für mich gibt es immer einen Grund, warum Dinge im Leben passieren. Ich öffne gern Türen und schließe sie hinter mir nicht. Ich bin neugierig auf neue Türen und darauf, hindurchzugehen.

Was bedeutet es, nach so langer Zeit zurückzukommen?

Wagner Moreira: Natürlich hat sich vieles verändert, auch ich selbst. Aber die menschlichen Verbindungen von früher sind geblieben, manche haben sich sogar verstärkt. Ich habe hier Freunde und eine Art Ersatzfamilie. Meine Familie lebt in Brasilien. Durch den Oma-Dienst des Deutschen Roten Kreuzes haben wir damals eine Frau kennengelernt, die bis heute die deutsche Oma meiner Kinder ist. Mein erstes Kind wurde in Görlitz geboren.

In der Kunstwelt kennt man das: Man sieht sich 20 Jahre nicht, trifft sich wieder, und die menschliche Verbindung ist sofort da. Auch im Arbeitsalltag bestätigt sich meine Entscheidung. Es bewegt sich viel, und ich habe keinen Grund, mich zu beschweren. Mal sehen, was in den nächsten Jahren noch passiert.

Sie haben Tanz bereits an ungewöhnliche Orte gebracht, etwa in eine Justizvollzugsanstalt. Was wollen Sie in Görlitz verändern?

Wagner Moreira: Ein wichtiges Wort für mich ist Zugänglichkeit. Wir müssen Kunst auch für Menschen erreichbar machen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht ins Theater kommen. Vielleicht fehlt ihnen das Geld, vielleicht haben sie eine Behinderung oder wohnen zu weit entfernt. Tanz kann zu ihnen kommen, statt darauf zu warten, dass sie zu uns kommen. Tanz erreicht Menschen unmittelbar, oft ohne viele Worte. Ich würde fast sagen, dass Tanz Menschen umarmen kann. Er gehört nicht nur ins Theater und nicht nur auf eine professionelle Bühne. Tanz ist auch ein soziales und gesellschaftliches Element.

Deshalb wollen wir unserem Publikum auf Augenhöhe begegnen: auf der Straße, in einer Kirche, in einer Justizvollzugsanstalt oder auf der großen Bühne. Wir wollen Tanz in die Breite bringen und ihn nicht auf ein Podest stellen, als gehöre er nur einer kleinen Gruppe von Menschen, die ihn verstehen.

Gibt es bereits Pläne für Aufführungen außerhalb des Theaters?

Wagner Moreira: Aus meiner Zeit in Regensburg kenne ich solche Projekte. In der Basilika St. Emmeram haben wir längere Zeit ein Stück gespielt. Für Sachsen sind wir derzeit mit zwei großen Institutionen im Gespräch, möglicherweise werden es sogar drei. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen.

Wie passen öffentliche Auftritte zum wirtschaftlichen Druck eines öffentlich finanzierten Theaters?

Wagner Moreira: Wir arbeiten mit Steuergeld. Daraus ergibt sich für mich auch die Verpflichtung, Kunst zugänglich zu machen. Kein Geld zu haben, ist ebenfalls eine Barriere. Meine Aufgabe ist es, Tanz auch zu Menschen zu bringen, die sich einen Theaterbesuch nicht leisten können.

Solche Projekte sind für mich genauso wichtig wie eine große Bühnenproduktion wie Coppélia, mit der wir am 7. November, 19.30 Uhr, Premiere feiern. Wenn wir außerhalb des Theaters spielen, muss die Qualität genauso hoch und die Arbeit genauso anspruchsvoll sein wie auf der großen Bühne. Da gibt es für mich keinen Unterschied. Auch Tanz für junges Publikum darf nicht einfach nur kindisch sein. Er muss künstlerisch ernst genommen werden.

Das Interview führte Till Scholtz-Knobloch.

Till Scholtz-Knobloch / 01.11.2026

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