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Umgebinderenaissance kommt aus Polen

Umgebinderenaissance kommt aus Polen

Neben ihrem umgesetzten Stellmacherhaus hat sich E. Lech-Gotthardt (li) ein ’neues’ Umgebindehaus als Wohnhaus gebaut. B. Szutenbach hilft unter anderem an Tagen des Offenen Umgebindehauses als Sprachmittlerin zwischen Deutschen und Polen. Foto: tsk

Umgebindehäuser müssen nicht rein historisch betrachtet werden. Neue Umgebindehäuser werden mittlerweile östlich der Neiße konzeptioniert. Treibende Kraft dabei ist Elzbieta Lech-Gotthardt, die einst das Stellmacherhaus aus dem polnischen Weigsdorf (Wygancice Zytawskie) an den nordöstlichen Stadtrand von Görlitz (Zgorzelec) versetzen ließ, als Weigsdorf dem Tagebau Turow weichen musste.

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Vor dem alten Weigsdorfer Stellmacherhaus im polnischen Teil von Görlitz (Zgorzelec) hat sogar das alte polnische Ortschild „Wigancice“ überlebt. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Weigsdorf / Görlitz. Alpenländische Schunkelalmgastronomie hat in den letzten Jahren immer mehr regionale Gaststättenkultur in den deutschen Mittelgebirgen verdrängt; Schwarzwaldhäusel sind oft Fremdkörper zwischen Backsteingebäuden an Nord- und Ostsee. Besonders hart hat es jedoch die einstigen deutschen Ostgebiete Polens getroffen, wo im Einheitsbrei kultureller Nivellierung Gastrobetriebe im Stile goralischer Holzhütten der Tatra dominieren. Natürlich sind in gleicher Weise auch die Hanglagen entlang des Riesengebirges mittlerweile kulturell entfremdet, selbst wenn ein hölzerner Rübezahl an der Pforte – oft in Goralenkluft – das Gegenteil suggerieren soll.

Elzbieta Lech-Gotthardt setzt dem bizarren Mischmasch mit Bewusstsein für die Wurzeln der Region etwas entgegen. Sie ist Vorsitzende des polnischen Zweiges des Umgebindelandes (Kraina Domow Przyslupowych) und des Vereins Stellmacherhaus (Dom Kolodzieja), der dieses historische Gebäude auf polnischer Seite von Görlitz (Zgorzelec) trägt. Mit Anbauten ist hier ein Gasthof mit Hotelbetrieb untergebracht. „Dieser Verein entstand, um historische Umgebindehäuser und die Kulturlandschaft zu retten“, sagt sie.

Umgebindehäuser sind an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert aufgekommen und wurden bis Ende der Dreißigerjahre gebaut. Der Name bezieht sich auf das Stützgerüst – das Umgebinde – das vor die Außenwand der Blockstuben gestellt wurde. Dieses trägt die Lasten des Obergeschosses und des Dachstuhls. Dieser Baustil erstreckt sich von Niederschlesien über die Oberlausitz und Nordböhmen bis in das Elbsandsteingebirge.

Die Bauweise der Umgebindehäuser lässt es zu, dass man sie gut auseinander- und an anderen Orten wiederaufbauen kann, sagt Lech-Gotthardt. „Früher wurden sie oft Frischvermählten geschenkt, die wenn sie umzogen, das Haus mitnehmen konnten.“ Mit einem „Hausumzug“ begann auch für die Eheleute Elzbieta und Jerzy Gotthardt 1996 das Umgebindeabenteuer. Sie waren damals auf der Suche nach historischen Nähmaschinen und Mobiliar, das von vielen Besitzern achtlos weggeworfen wurde. In Weigsdorf (Wigancice Zytawskie) – einem einst sächsischen und seit 1945 polnischen Dorf bei Zittau, das bis zur Jahrtausendwende dem Tagebau weichen musste – stand ein völlig entkerntes Stellmachhaus, das dem Abriss geweiht war. Die Eheleute beschlossen dieses 1822 erbaute Gebäude in dem bis 1947 eine deutsche und später noch fünf polnische Familien lebten, in ihrem ursprünglichem Zustand an einem anderen Ort wiederaufzubauen. Daraus wurde für Elzbieta eine Lebensprojekt, die sie jedes Jahr, wie nun auch am 31. Mai beim Tag der offenen Umgebindehäuser vorstellte. Seit 20 Jahren ist sie bemüht, historische Bauten vor dem Verschwinden zu retten, „denn im Zeitalter der Globalisierung, in dem alles gleich ist, sollten regionale Besonderheiten über allem stehen“, betont Lech-Gotthardt. In Seminaren, durch Publikationen und eben an den Tagen des Offenen Umgebindehauses will sie sensibilisieren. Sie sagt: „Wir haben in der Lausitz und in Niederschlesien nicht nur Umgebindehäuser. In Schönberg (Sulikow) stehen Arkadenhäuser, wir haben viele Fachwerkhäuser, auch Tirolerhäuser wie in Zillerthal-Erdmannsdorf (Myslakowice). In der Umgebung von Landeshut in Schlesien (Kamienna Gora) oder Waldenburg (Walbrzych) stehen ebenfalls Holzhäuser, die noch niemand gezählt hat. All diese verwandte Architektur bildet unsere Kulturlandschaft, die wir erhalten wollen.“ 

Diese Aufgabe kann nur grenzübergreifend gestemmt werden, sagt sie, und so suchten die Gotthards Partner auch in Deutschland. Am Anfang stießen sie noch auf Misstrauen: „Man sagte: Wie bitte? Die Polen zerstörten unsere Häuser und jetzt wollen sie historische Häuser retten?“ Aber diese Einstellung ist längst passé. In der deutschen Stiftung Umgebindehaus fanden sie Partner und Unterstützer. Seit 2005 wird ihr Projekt auch durch das polnische Kulturministerium bezuschusst. „Umgebindehäuser sind heute wieder modern geworden“, sagt Lech-Gotthardt, aber „nicht jeder Kowalski oder Schmidt liebt alte Gemäuer. Nicht jeder möchte in einem alten Haus wohnen, mit dem man unschöne Erinnerungen oder wenig Komfort verbindet“, beobachtet sie. Für solche Menschen hat sie das Projekt ‚Neue Umgebindehäuser‘ entwickelt. Auch hierbei ist sie Vorreiterin, denn es gibt in Polen zwar Satzungen zur Vereinbarkeit von regionaler und moderner Architektur, „aber niemand hat Baupläne ausgearbeitet. Die Urheberrechte an den Bauprojekten für neue Umgebindehäuser liegen allein bei uns und wir bestimmen, ob und wo ein neues Umgebindehaus gebaut wird“, somit werde verhindert, betont sie, „dass ein derartiger Baustil nicht dort gebaut wird, wo er nicht hingehört.“

Als Nächstes steht für sie die Wiederbelebung des devastierten Dorfes Weigsdorfs an. Heute gibt es nur noch sein einst unmittelbar anschließendes böhmisches Pendant Böhmisch Weigsdorf (Višòová u Frýdlantu), in dem alte Umgebindehäuser wiedererblühen. Seit 16 Jahren beherbergt Lech-Gotthard in ihrem Stellmacherhaus (www.domkolodzieja.pl) gar den Verein „Heimat Weigsdorf“ der seine Heimattreffen zusammen mit polnischen Nachkriegs-Weigsdorfern bei ihr durchführt. Bei diesen Heimattreffen werden mittlerweile gar Revitalisierungspläne für Weigsdorf geschmiedet. 

Klaudia Kandzia / 06.06.2026

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