Wer zündet den Turbo, um zu überraschen?

Gegenwinderprobt möchte Dr. Hagen Jeschke – hier auf dem Campus der Universität Hildesheim – in seiner Heimatstadt Görlitz für das Oberbürgermeisteramt kandidieren. Foto: Till Scholtz-Knobloch
In der vergangenen Woche berichtete der Niederschlesische Kurier umfassend über den einsetzenden Görlitzer Oberbürgermeisterwahlkampf. Doch es lohnt noch, einen näheren Blick auf die beiden Außenseiter Sabine Christian (Linke) und Dr. Hagen Jeschke (Einzelkandidat) zu werfen, die ungewöhnliche Perspektiven einbringen.
Görlitz. „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ wusste schon König Salomo im biblischen Buch Kohelet (Prediger 1,9) zu berichten. Das Alte wie zugleich Neue macht natürlich auch nicht vor einer Görlitzer Seilbahn vom Berzdorfer See zur Landeskrone Halt, die letzte Woche die Titelseite als Vorschlag des OB-Kandidaten Stefan Menzel zierte. Schließlich hatte einst mit anderer Route der frühere Görlitzer Stadtplaner und Baudirektor von Berlin-Kreuzberg Wolfgang Liebehenschel eine Görlitzer Landesgartenschau ins Spiel gebracht, bei der ein Landschaftsgartenband vom Heiligen Grab über Neiße und Oberlausitzer Ruhmeshalle (Dom Kultury) bis zum Weinberg-Haus deutsches und polnisches Ufer ’brillant kokettierend’ mittels einer Seilbahn über den Stadthallengarten und Viadukt verbinden sollte.
Das führt uns nun weiter zu neuen Drahtseilakten. Den ersten finden wir schon darin, dass Jana Lübeck ihre Begeisterungsfähigkeit in Reihen der Linken verloren hatte, und sich geradezu haushoch mit 2:22 Stimmen der Gegenkandidatin für die OB-Kandidatur Sabine Christian beugen musste. Zwar hatte sich Lübeck zuletzt keine Freunde mit Infragestellung des Görlitzer Linkenbüros in der Schulstraße 8 gemacht, doch Sabine Christian bot eben auch die Chance – in persona – gleich ein politisches Statement zu setzen – für Behinderteninklusion. Der Niederschlesische Kurier traf sich in der Schulstraße mit der auf einen Rollstuhl angewiesenen Mitarbeiterin der Görlitzer Werkstätten, dem Pressebeauftragten Birger Höhn, der mit ihr im Landesinklusionsbeirat sitzt, sowie Mirko Schultze MdL.
Sabine Christian berichtet, sie sei seit zwei Jahren und drei Monate Mitglied bei den Linken und schon zuvor im Kreis- sowie im Landesinklusionsbeirat engagiert gewesen. In der Politik spüre sie, dass guten Leuten ein Einbringen „verunmöglicht“ würde. Was würde es also rein praktisch bedeuten, wenn sie nun in das höchste Amt des Rathauses einzöge?
Sabine Christian sagt: „Die ganze Bausubstanz des Rathauses ist barrierevoll. Es ist ja nicht nur der Rollstuhl – es gibt Treppen statt Aufzüge; es gibt auch den Blinden, der sich ohne Stock nicht zurechtfindet, es gibt Menschen, die sich ohne leichte Sprache in der Beschilderung nicht zurechtfinden. Aber es betrifft auch die Oma mit Rollator oder die Mutti mit Kinderwagen, die den Wagen draußen stehen lassen muss.“ Mirko Schultze fügt an: „Ein Aufzug wäre im Innenhof zur Erschließung des Hauptflügels denkbar. Teilweise sind Behindertentoiletten schon eingebaut.“ Das Bürgermeisterbüro selbst erscheine ihm jedoch nicht rollstuhltauglich. Dass Inklusion nur ein kleiner Ausschnitt der Politik sei, kontert Christian damit, dass sich auch Bürokratieabbau aus Inklusionsverbesserungen ableiten lassen oder dass mehr Onlineoptionen auch Nichtbehinderten zugute kämen. Außerdem wolle sie „durch attraktivere Beteiligung junge Menschen in der Region halten.“
Mirko Schultze sieht eine Ursache, dass die Linken sich zu einer Bewerberin entschlossen, auch darin, dass andere Gruppen im Rathaus einfach „wenig Selbstvertrauen“ im Hinblick auf Alternativen zu Octavian Ursu gezeigt hätten. Sabine Christian hakt hier ein: „Ich glaube, dass Ursu ein guter und fähiger Politiker ist, aber wir brauchen einen Paradigmenwechsel, der mehr Menschen mitnimmt und auch stärker zusammenwachsen lässt.“ Das klingt gut, korrespondiert jedoch nicht mit ihrer Umhängetasche mit dem Aufdruck „Konsequent menschlich“ mit dem Logo einer Faust im Herzsymbol, denn darüber hat sie einen Button angebracht: „Knüppel gegen rechts“.
Ihr Herz bekundet sie jedenfalls, schlage auch für eine Straßenbahnlinie über die Grenze. Mirko Schultze sagt: „Wir haben ja die Verkehrsbetriebe zurückgekauft, so dass es zumindest theoretische Chancen dazu gebe.“ Neben der Inklusion hebt Christian aber Stadtteilzentren als ihre Botschaft hervor. Es gehe darum, dass man ohne weite Wege Anträge stellen könne, verbunden vielleicht mit Besuchen beim Arzt oder Einkäufen. Oder für Fragen wie etwa: „Was mache ich mit meinem Müll?“ Mirko Schultze springt Sabine Christian bei und präzisiert, seine Parteikollegin spreche damit eine grundsätzliche Dezentralisierung der Verwaltung an: „Raus aus dem Rathaus – übrigens mit der Kreisverwaltung zusammen.“
In der Freizeit betreibe sie gerne Bogenschießen beim SV Koweg bekennt die Kandidatin und diesen Sport hätte sie vermutlich auch ohne Rollstuhl ausgewählt. Vereine würde sich ja auch immer über Mitglieder freuen. Die Frage sei stets, was gehe gemeinsam. Hilfe bräuchte ohnehin jeder, ob behindert oder nicht. Bei den Görlitzer Werkstätten ist sie vormittags in der Druckerei tätig, dann wechsle sie mittags an den Empfang. „Vielleicht ist es gerade das, dass ich Dinge anders denke, bürgernäher denke, dass man der Ansprechpartner ist, der nicht von oben herab urteilt“, fasst sie ihre Selbstsicht abschließend zusammen.
Knackt Hagen Jeschke Schwellen des Viralen?
Der Görlitzer Dr. Hagen Jeschke hat derzeit erst einmal andere Aufgaben zu bewältigen. Schon für die letzte Ausgabe hatte er beklagt, dass Parteien, und so auch die Linke, einfach mal mit 22 Stimmen ihren Kandidaten aufstellen dürfen und Einzelbewerber wie er 160 Unterstützungsunterschriften beibringen müssten. Unterstützer könnten auch nur bis zum 6. März und ebenso nur im Bürgerbüro Jägerkaserne ihre Unterschrift leisten.
Und so ist Jeschkes Bewerbung, die aus einer Diskussion mit Freunden im Dezember erwuchs, in erster Linie volle Breitseite gegen verkrustete Arroganz der Macht und jede Abschottung. In seinem Aufruf in Sozialen Netzwerken sticht der Satz heraus: „Es braucht Mut, einen unbekannten parteilosen Manager aus der Wirtschaft ins Rathaus zu wählen!“ Das Manko aus der Ferne zu agieren, könne er nicht in wenigen Wochen beheben, zumal er ja auch als Chef 140 Mitarbeiter des K + S (Kali und Salz)-Standortes Sehnde zwischen Hannover und Hildesheim erst mal weiter dirigieren muss. Und da der Autor dieser Zeilen in Urlaubstagen letzte Woche in Niedersachsen weilte, findet das Gespräch mit Hagen Jeschke auch gleich neben der Universität Hildesheim in einem Café statt.
Jeschke erscheint leger, über beide Ohren strahlend, mit herzlicher Offenheit, die Jacke über die Schulter geschwungen und räumt ein, dass er überhaupt keinen Straßenwahlkampf im klassischen Sinne anbieten könne. Er sei Görlitzer und Ossi, der es eben in die Chefetagen im Westen geschafft habe und damit Erfahrungen mitbringt, wie man in Haifischbecken bestehen könne. Er formuliert präzise und dies ohne jeden Ansatz von Überheblichkeit. Sein Angebot – so heißt es auch im Aufruf – richte sich an all jene, „die den Kanal von der bisherigen Politik voll haben.“ Er biete sich als Mensch mit Führungserfahrung an, einfach seinen Job als OB zu machen, „das jedoch richtig gut“. Er gebe keine Wahlversprechen ab, denn damit beginne überall die Unehrlichkeit, das sei „unseriös“.
Nachdem seine Aufruf einige Tage im Internet kursiert sei, habe er sich nach einigen Reaktionen gewundert. „Viele stempeln mich als Wessi ab.“ Über die Unaufmerksamkeit beim Lesen wundert er sich. Hagen Jeschke gibt sich keiner Illusion hin. Nachdem 60 Unterschriften aus Verwandtschaft und von Freunden schnell zusammengekommen waren, setzte die schleppende Phase ein. „Wenn es am Ende 159 Unterschriften werden und ich nicht antreten darf, dann bleibt alles in Ordnung und ich habe mir einiges erspart, wenn es hingegen klappt, freue ich mich riesig und schmeiße mein ganzes Herzblut in meine Leidenschaft für die Heimat.“
Er habe die Welt kennengelernt, war in Kanada Chef von 500 Mitarbeitern, aber die Heimat – das sei eben etwas von der man einfach nicht lassen kann. Er habe den ein oder anderen Stadtrats-Livestream angeschaut und nehme die ganze Sache wie sie kommt. „Es kann völlig verpuffen, aber in den heutigen Zeiten kann die eine Geschichte auf einmal auch total viral gehen“, sagt er völlig entspannt mit dem Managerinstinkt, der so etwas schon zig mal erlebt hat. Mit dem seriösen Auftreten und der gleichzeitigen Bissigkeit, den Irrsinn der Zeit nicht mehr hinnehmen zu wollen, dürfte Jeschke Stefan Menzel einige Stimmen potenzieller Wähler kosten, die Erfolg und professionelle Gegenstrategie schätzen, aber die Kirche auch mal im Dorf lassen. Wenn die Viralitätsschwelle, der Kipppunkt, die Critical Mass tatsächlich durch einen Zufallseffekt geknackt werden, dann könnte aber vielmehr Amtsinhaber Ursu zittern. Denn Jeschke verkörpert all das, was Parteien der Mitte in den letzten Jahren abgelegt haben. Jeschke will mit allen reden, niemanden canceln und ohne Show Dinge einfach abarbeiten. So wie er das als Werksleiter von Bergmannssegen-Hugo in Sehnde kennt. Aber was sagt die Kali-und-Salz-Konzernspitze zu einem so ungewissen politischen Ausflug, der in hoher Verantwortung Kräfte auf einmal umleitet? Jeschke schmunzelt wie immer smart und entschlossen: „Die finden das prima. In der Wirtschaft gibt es die Haltung, das politisches Engagement immer begrüßt wird. Am Ende geht es doch auch um Win-Win-Situationen für alle.“ Es gäbe nichts Erfüllenderes, als solche zu schaffen. Aber erst einmal muss ein Mensch mehr als 159 Unterstützer in die Jägerkaserne. „Mich muss keiner wählen, aber eine Unterschrift ist schon mal Dienst daran, auch mal überhaupt eine Auswahl zu haben“, bittet er um den ersten Schritt.
