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Wieso „ehemalige“ Friedhöfe?

Wieso „ehemalige“ Friedhöfe?

Am ehesten finden sich erhaltene Vorkriegsgräber an Friedhofsmauern – hier in Lobries (Luboradz). Foto: Till Scholtz-Knobloch

Görlitz/Breslau. Das Schlesische Museum hat die Ausstellung „Zeichen der Zeit. Deutsche Inschriften in Schlesien“ bis zum 1. November verlängert. Sie präsentiert deutsche Inschriften im öffentlichen Raum Schlesiens – fotografiert von Thomas Voßbeck (Berlin) und mit ihrer Geschichte beschrieben durch den Gleiwitzer (Gliwice) Regionalforscher Dawid Smolorz. 

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Alan Weiss Foto: Klaudia Kandzia

Begleitend zu dieser Ausstellung war jüngst Alan Weiss Gast im Museum. Der Breslauer Literaturwissenschaftler ist auf der Suche nach deutschen Grabsteinen, die er jedoch nicht unbedingt auf Friedhöfen findet, sondern entsorgt in Wäldern, in Flüssen oder gar auf Müllhalden. Weiss hat sich als Aufgabe gemacht, solche Steine zu sammeln und geht der Geschichte der Menschen nach, für die sie geschaffen wurden. „Alles begann mit purer Neugier. Ich wollte wissen, wer im Breslauer Haus wohnte, in dem ich seit gut zwanzig Jahren lebe“, berichtet Weiss. Er suchte in Vorkriegsadressbüchern und wurde fündig. „In meinem Treppenhaus in der Lohestraße (ul. Slezna) fand ich typisch schlesische Namen: Himmler, Kasparek, Kusnierz oder Knoblauch“, sagt er. Über Knoblauch freut sich der Vegetarier und Tierfreund besonders. 

Alan Weiss ist mit seinen Hunden viel im Freien. Nahe seiner Wohnung sind mehrere Parkanlagen mit Baumreihen, wie man sie von Friedhöfen kennt. „Wenn ich durch solche Parks gehe, greife ich nach alten Karten, um zu sehen, was an dieser Stelle einmal gewesen sein könnte. In meinem Wohnviertel befanden sich vier Friedhöfe, drei evangelische Friedhöfe und ein katholischer. Ich war also gewissermaßen dazu verdammt, mich mit Friedhöfen zu beschäftigen“, lacht Weiss und meint, „wenn man erst einmal ein Grabstein oder Friedhofselement findet, dann sieht man sie später überall.“ Anfänglich sammelte Weiss die Grabsteine aus Pietätsgründen, denn wie er findet, „kann man nicht von ehemaligen Friedhöfen sprechen. Eine Begräbnisstätte, die nie exhumiert wurde, bleibt ein Friedhof, egal ob er planiert oder zweckentfremdet wurde.“

Alan Weiss war schon als Kind von Friedhöfen fasziniert: „Ich wollte schon immer wissen, wer dort begraben liegt, wer diese Menschen waren, deren Inschriften in einer anderen Sprache verfasst sind. Gräber erzählen die Geschichte, die viele Jahre lang verboten war und die uns später fehlte“, sagt er.

Die jahrzehntelang verborgenen Grabsteinreste fand Weiss und seine Mitstreiter vom Verein „Breslau schaut aus der Erde hervor“ (Spod ziemi patrzy Breslau) nicht nur in Parks. Andere Fundorte waren Parkteiche, das Oderufer, manchmal Sportplatztribünen oder der Breslauer Zoo. „Große Freude gibt es, wenn der Name und die Sterbedaten noch lesbar sind”, sagt Weiss. Dann geht die Archivrecherche los, Adressbücher werden unter die Lupe genommen, Kirchenbücher durchforstet. „Kirchenbücher sind wahre Informationsgruben, sie verraten manchmal sogar wer und wie viel für die Beerdigung bezahlte, ob Musiker dabei waren, aus welchem Grund sie starben“, erklärt er. Oft schon gelang es, Nachkommen von Breslauern ausfindig zu machen. Und manchmal melden sich Nachkommen selbst mit Fragen nach der letzten Ruhestätte ihrer Vorfahren.

Weiss und seine Vereinsfreunde haben viel zu tun, denn „von 70 Vorkriegsfriedhöfen in Breslau wurden 44 absichtlich zerstört. Sie wurden nicht umgestaltet – denn in vielen Publikationen spricht man von Umgestaltung und Exhumierungen – dort wurden keine Exhumierungen durchgeführt. Daher spreche ich nicht von ehemaligen, sondern von unsichtbaren Friedhöfen.“ Die dort beerdigten Menschen, betont er, „haben diese Stadt geprägt. Jetzt leben wir hier und ich bin der Meinung, dass es unsere Pflicht ist, sich um das Andenken an diejenigen zu kümmern, die vor uns diese Stadt geprägt haben.“

So werden die gefundenen Grabsteine in Lapidarien in verschiedenen Teilen der Stadt aufbewahrt. Die Mitstreiter um Weiss suchen nach Spenden, um schwere Grabsteine zu bergen, führen Gespräche mit der Stadt, um würdevolle Orte für ihre Funde zu bekommen. Ihr aktueller Einsatzort ist der Friedhof in Krietern (Krzyki). Dieser Breslauer Stadtteil war bis 1928 ein Dorf. „Dieser Friedhof ist wahrscheinlich Anfang des 20. Jahrhunderts für die Gläubigen der evangelischen Gemeinde angelegt worden und wurde von der Erlöser-, Salvator- und Johanneskirche genutzt“, vermutet Weiss, der auch Führungen durch die Grabstätten organisiert. Dort fand Weiss den Grabstein des Friedhofsvorstehers Wilhelm Tietze und die Grabsteinplatte seiner Ehefrau und seiner Tochter. „Der Friedhof in Krietern wurde 1958 geschlossen, aber nicht aufgehoben – eine Seltenheit in Breslau und ein Glück für uns“, freut sich Weiss. Nun entsteht dort ein Gedächtnisort für deutsche und polnische Einwohner von Krietern. Der Ausgangspunkt seiner Suche sei nicht sein deutscher Familienname gewesen, bekundet Weiss. Eigentlich habe ihn seine Suche nur mittelbar dazu geführt, seine Familiengeschichte zu hinterfragen. Mittlerweile weiß Weiss, dass seine Vorfahren im 18. Jahrhundert als Schäfer nach Großpolen gekommen sind. Nach Niederschlesien kamen die Weiss daher schon lange als Polen.

Klaudia Kandzia/tsk / 27.07.2026

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